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Das Ensemble in Hollywood, nein, Holyod: Lotte Schubert, Andreas Vögler, Torsten Flassig, Wolfram Koch, Caroline Dietrich, André Meyer (v.l.). Foto: Thomas Aurin
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Das Ensemble in Hollywood, nein, Holyod: Lotte Schubert, Andreas Vögler, Torsten Flassig, Wolfram Koch, Caroline Dietrich, André Meyer (v.l.).

Schauspiel Frankfurt

Schauspiel Frankfurt zeigt „Öl!“ vor vollem Haus – Öl unter dem Willy-Brandt-Platz!

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Kein Abend für Faulpelze: Jan-Christoph Gockels total verspielte Version von Upton Sinclairs Roman „Öl!“ eröffnet die Saison am Schauspiel Frankfurt vor erstmals seit achtzehn Monaten vollbesetztem Haus.

Upton Sinclairs 1927 herausgekommener Roman „Oil!“, „Öl!“, durfte erst in der starken Übersetzung von Andrea Ott 2013 das wichtige Ausrufezeichen im Titel auch im Deutschen behalten. Unsere Eltern und Großeltern lasen in den 50er Jahren noch „Petroleum“ – weil es zivilisierter, kultivierter, raffinierter klang? –, wenn sie sich trauten, denn das war harter sozialistischer Stoff.

„Öl!“ klagt nicht nur an, sondern macht auch einen Vorschlag, wohin sich das Auge wenden könnte. Was in den USA – zunächst in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg – die Gewerkschaften versuchten, versuchten im fernen Russland die Bolschewiken in anderer Größenordnung: der Arbeiterschaft zu ihrem Recht zu verhelfen gegen das ausbeuterische Großkapital. Dessen absolut skrupelloses Einwirken in Politik und Gesellschaft beschreibt Sinclair so eindrücklich und informiert, dass man sich in topaktuellen amerikanischen Wahlkämpfen wähnt. Er tritt zudem ganz nah ans Zentrum des Systems heran, denn das Zentrum des Systems sitzt nicht in der Politik, sondern in der Wirtschaft: Erzählt wird aus der Perspektive des Söhnchens eines Ölbarons, das das Geschäft von der Pike auf lernen soll. Bunny ist zuerst ein Kind, dann ein kindlicher junger Mann, ein sympathisches Weichei. Er sitzt an der Quelle, er hat ein Gewissen, das bald sehr schlecht ist, er kann sich aber – stellvertretend für uns hier draußen – als zarter Westentaschenlinker nicht dazu aufraffen, aktiv zu werden.

Der Erste Weltkrieg: ein Klassenkampf, bei dem sich der junge Farmersohn und bewunderte Held Bunnys, Paul, als Streikbrecher eingesetzt fühlt. Auch wenn sich Sinclair hier auf bestimmte Vorgänge gegen Kriegsende in Sibirien bezieht – an der Notwendigkeit, die „Hunnen“ zu besiegen, hat auch Paul keine Zweifel –, ist sein Grundstandpunkt relevant: Paul und er fragen, wem Krieg nutzt, wer ihn ausrüstet und befeuert, wer sich für wessen Interessen totschießen lassen muss. Überhaupt fragen sie, wem die bestehenden Verhältnisse nutzen.

„Öl!“, und eine Woche vor der Bundestagswahl hat das besonderen Pep, ist weit ausgeprägter parteilich, als engagierte Literatur es sonst riskiert. Kultur ist es häufig unangenehm, politisch deutlich zu sein, dafür gibt es gute Gründe – und tatsächlich neigt Paul zur Agitprop, während er zugleich der anderen Seite (zu Recht) die Manipulation der öffentlichen Meinung vorwirft –, aber es ist natürlich auch eine Ausflucht. Sicherer ist es, ironisch auf die Dinge zu blicken, wobei wohlgemerkt Upton Sinclair seinerseits einen ausgeprägten Sinn für Ironie hat. Überhaupt ist der Versuch, sein Werk als literarisch zweitklassig abzutun, relativ durchsichtig. Es gibt dann nur die Stelle, wo der Spaß aufhört und die konkrete Darlegung der Zustände zu Klartext führt.

A m Schauspiel Frankfurt hingegen hört der Spaß absolut nicht auf. Hier hat zur großangelegten Spielzeiteröffnung und vor dem ersten vollbesetzten Zuschauerraum im Schauspielhaus seit 18 Monaten Jan-Christoph Gockel eine eigene Fassung erstellt. Kein Abend für Faulpelze. Wer den Roman gelesen hat, muss keine Angst haben, sich zu langweilen, wer den Roman nicht gelesen hat, wird sich möglicherweise die Frage stellen, was das alles soll. Möglicherweise aber auch nicht, denn als absolutes Theater entfaltet das vielleicht auch so seine Wirkung. Zumal Torsten Flassig Bunny ist, der naive Tropf, der Träumer, und Wolfram Koch Dad ist, der Ölbaron, der Selfmademan, der mit allen Wassern gewaschene Kapitalist, der aber nicht unsympathisch gezeichnete Mensch. Sein Sohn kann ihm kaum widerstehen. In Frankfurt ist das ein tolles Pärchen, aufgeweckt und genüsslich umspielt von Andreas Vögler, dem kapitalismuskonformen Prediger – eindeutig Amit Epsteins Kostüm: vorne weiß wie das Lamm Gottes, hinten schwarz wie der Tod – , und Caroline Dietrich als apartem Hollywoodstar Vee Tracy. Dagegen halten halbherzig André Meyer als Paul und Lotte Schubert als dessen Schwester Ruth, die die Moral von der Geschichte vertreten, aber in Frankfurt doch mit dem berühmten Augenzwinkern.

Der vielstrapazierte Begriff Spielfreude ist für solche leichtgängigen Dreistünder erfunden worden. Leichtgängig, aber helle und ein bisschen durchgeknallt, aber unter dem Strich so verblüffend unpolitisch, dass sich Upton Sinclair im Grabe umdrehen müsste, wenn ihm nicht klar wäre, dass auch alle Metaphysik nur dem Kapitalismus dient. Die Metaphysik dient dem Kapitalismus, die Metaebene dient dem Theater. Gockel, einer der intelligentesten und verspieltesten Spieler unter den uns bekannten Regisseuren, bietet alternativ zur Romannacherzählung eine schillernde Revue, die die Grenzen von Zeit, Ort und Identität so sehr überschreitet und durcheinanderwirbelt, dass einem der Atem stocken kann.

Dass das im Theater längst Routine ist, kümmert ihn gar nicht. Routine und Ironie passen gut zusammen. Es ist auch nur selten albern, ein Gockel-Spezifikum, man hat bei ihm den Eindruck, und so steht es auch im Programm, dass das Ensemble mitdramatisiert hat, aber dass am Ende doch einer Linien hineingebracht und angesagt hat. Das alles hier auf großer Leinwand. Theater befasst sich nicht nur mit Machtstrukturen und Kapitalismus, es steckt auch selbst mittendrin (das kennen wir Zeitungsleute).

Die zeit- und raumignorierenden Ebenen: Aufgegriffen wird hierfür Bunnys enger Draht nach Hollywood, es gibt nicht nur viele gefilmte Sequenzen (Live-Kamera Benjamin Lüdtke und Eike Zuleeg, von dem das Videokonzept stammt), das Ensemble befindet sich auch tatsächlich an einer Art Film-Set. Die Lockung des schönen Scheins wird auf den Punkt gebracht, indem Filmstar und Bunny-Geliebte Vee Tracy in der Besetzungsliste im Vorspann in der Rolle des Öl angekündigt ist. Auf der nächtlich schwarzen Spielfläche von Julia Kurzweg ist es dann aber als nasses Loch in der Mitte zu sehen, eigentlich dreckiges Wasser, aber schmierige Farbe ist bei Bedarf zur Hand.

Die gesellschaftspolitisch und literarisch grandiose Eingangsszene des Romans, Dad und Bunny jagen mit 50 Sachen eine nagelneue Landstraße entlang, das Kind voller Bewunderung für Dad, den unbändig gläubigen Kapitalisten, wird hier sofort mehrfach gebrochen. Zum enthusiastischen Text schieben Flassig und Koch draußen eine alte Karre – beim 3G-bedingt langanhaltenden Einlass auf dem Willy-Brandt-Platz schon zu bestaunen –, geduldig Richtung Bühne: Das Rasante ist längst Vergangenheit, Dad scheint leicht verwirrt, der Sohn eher geduldig als begeistert. Eine Passantin guckt verblüfft, dabei weiß sie noch nicht einmal, dass nachher hier unter dem Platz Öl gefunden werden wird – auch das eine ins Ironische gebrochene Szene. Während sich Sinclair von der Erhabenheit der Geschwindigkeit wie einer Ölbohrung, aufwendigen technischen Vorgängen, durchaus mitreißen lässt. Darum braucht der Titel sein Ausrufezeichen.

Gockels Herunterdimmen aller Euphorie ist vielleicht – neben dem völligen Verzicht auf einen Handlungsablauf und auf politische Analyse – die Tücke dieses so beschwingten Abends. Geblieben ist sozusagen nur das in der Tat kapitalistische Großformat der Gesamtveranstaltung. Dazu sehr passend: Matthias Grübels Kino-Musik. Und die Melancholie eines Zu-Ende-Gehens, die vor allem Wolfram Koch auch mit großen breiten Gesten zu vermitteln weiß. Allerdings ist Dad kein Willy Loman und die Mechanismen des Kapitalismus sind wohlauf.

Frankfurts Bankentürme machen sich gut dazu. Am Ende gehen sie aber in schmerzhafter, unsinniger Nähe zu 9/11-Bildern in Filmflammen auf.

Das einzige, was sich hinzieht, ist der Streik der Ölarbeiter, hier des Bühnenpersonals. Koch lockert die Zeit mit einer kleinen Ein-Mann-Nummer auf. So lustig diese Szene ist – sie ist sehr lustig –, so sehr verrät sie doch den Ernst, den Sinclair dem politischen Mittel des Streiks zubilligt. Nur wer den Roman ständig mitdenkt, wird selbst in dieser Szene das Schillernde schätzen.

Endlich wieder voller Beifall, so hörte er sich auch an.

Schauspiel Frankfurt: 20., 22., 23., 30. September. www.schauspielfrankfurt.de

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