Wird erstmal bleiben: Sitzverteilung im Schauspielhaus, hier bei der Pressekonferenz. Robert Schittko
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Wird erstmal bleiben: Sitzverteilung im Schauspielhaus, hier bei der Pressekonferenz.

Schauspiel Frankfurt

Schauspiel Frankfurt: Weitermachen, nur ein bisschen anders

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Das Schauspiel Frankfurt legt einen Spielplan vor, der Abstandsregeln beachtet und dem Thema Antisemitismus einen deutlichen Schwerpunkt widmet.

Es ist etwas bizarr, noch ein letztes Mal in der halbwegs abgebrochenen Saison im Frankfurter Schauspielhaus zu sitzen, um die Pläne für die nächste Spielzeit vorgestellt zu bekommen. Bizarr, weil die Zeiten bizarr sind, aber auch, weil andere Theater in Hessen in diesen letzten Wochen eher die sicheren Weiten der großen Säle suchten. Das Schauspiel Frankfurt hingegen zeigte und zeigt ein paar Aufführungen in den Kammerspielen für jeweils 25 Menschen, darunter als Premiere Ingrid Lausunds „Der Weg zum Glück“ mit Fridolin Sandmeyer, Fridolin Sandmeyer, den man aus der Nähe natürlich lieber sieht, aber im Schauspielhaus hätten jeweils 88 Menschen dabei sein können.

So viele waren jetzt in etwa bei der Pressekonferenz, es sieht immer noch komisch aus, aber nicht mehr so komisch wie am Anfang. Im Opernhaus und den Staatstheatern hatte man Gelegenheit, sich daran zu gewöhnen.

Mit 90 Plätzen im Schauspielhaus rechnet derzeit Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) auch für den Beginn der Saison 20/21. Sie wünschte sich mehr bundeseinheitliche Lösungen, zugleich mehr Handlungsspielraum und die Festsetzung des 1,5-Meter-Abstands nach der Gesichtsachse („Achsenlösung“, in Hessen wird offenbar vom ausgestreckten, angewinkelten Oberarm an gemessen). Man ahnt, wie schwierig das alles ist. Die Abonnements wurden modifiziert, flexibler gemacht, aber auch das Theater kann sich auf Termine und Platzangebot nicht restlos festlegen. Die Angebote im Spielzeitheft sind zweifellos das Ergebnis sorgfältiger Grübelei. Intendant Anselm Weber, dessen Vertrag soeben um fünf Jahre bis 2027 verlängert wurde, betonte zudem: Der vorliegende Spielplan sei unter den jetzigen Bedingungen auf jeden Fall komplett durchführbar und zudem vom Aufsichtsrat der Bühnen abgesegnet (so viel zu der Frage, wann und wie die noch unberechneten finanziellen Ausfälle der im März beendeten Saison böse Auswirkungen haben könnten). Offen sei zwar, wie viele Menschen zuschauen dürfen, so Weber, aber die Mitwirkenden auf der Bühne seien darauf eingestellt, auf alle gesundheitlichen Erfordernisse ästhetisch zu reagieren. Auch dies ein Grund für die außergewöhnlich späte Präsentation – freilich hatte Bernd Loebe von der benachbarten Oper im Mai auch schon von einem Plan B gesprochen, den er nun (siehe Meldung oben) aktiviert.

Die Premieren sind im Prinzip (!) fix, trotzdem wirken die Pläne wie ein großes Projekt. Auch das hängt mit der Situation zusammen: Von „zwei Wellen“ von Premieren sprach nun die Dramaturgie, die offenbar davon ausgeht, dass im Notfall erst die zweite volle Wucht entfalten kann. Startet die erste am 11. September klassisch und hoffentlich unheimlich lustig mit Shakespeares „Wie es euch gefällt“ (Regie David Bösch, die Proben laufen, wie berichtet, auf Hochtouren), so eröffnet die zweite das große Spielzeitthema. Es ist ein ganz unverblümtes, es betont den Projekt-Charakter der Saison ungemein, und es heißt „Antisemitismus/Rassismus“.

Projektcharakter: Ein Beirat aus dem Jüdischen Museum Frankfurt, der Jüdischen Gemeinde, der Bildungsstätte Anne Frank und dem Fritz Bauer Institut hat bei der Vorbereitung mitgewirkt, erste Gespräche dazu gab es laut Weber schon Anfang 2019. Es ist erschreckend einleuchtend und wird immer erschreckender und einleuchtender, der vermutlich erst später erfolgten Erweiterung zum Begriff „Rassismus“ hin in der nächsten Spielzeit mehr Raum zu geben. Brisant erscheint jetzt schon Nuran David Calis’ Plan, mit der Stückentwicklung „NSU 2.0“ in den Antisemitismus und Rassismus in der Frankfurter Stadtgesellschaft (und Polizei) zu schauen. Auch Weber erklärte, das Thema werde sich nicht in einer Saison erschöpfen, und die Frage „Wo beginnt die Angst?“, die Robert Menasse in einer Rede am 4. Oktober beleuchten wird, ist ohnehin nicht eng umfasst.

Menasses Auftritt ist Teil jener „zweiten Welle“, die am 2. Oktober mit Else Lasker-Schülers bösem Stück „Ichundich“ beginnt (treffen sich Marthe Schwerdtlein, Faust, Mephisto, Hitler, Goering und Goebbels in der Hölle ..., Regie Christina Tscharyiski) und am 3. Oktober mit „Mephisto“ (nach Klaus Manns Roman, Regie Claudia Bauer) fortgesetzt wird.

Denn durchaus Naheliegendes mischt sich in den Spielplan, Max Frischs „Andorra“ (Regie noch einmal Bösch), „Hiob“ nach Joseph Roths Roman (Regie Johanna Wehner), Witold Gombrowiczs „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ (Regie Mateja Koleznik), eine Verschiebung aus der Vor-Corona-Zeit, die jetzt noch besser passt. Ferner erinnern „Hexenjagd“ von Arthur Miller (Regie Laura Linnenbaum), „Malina“ nach Ingeborg Bachmann (Regie Lilja Rupprecht), Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ (Regie Herbert Fritsch) oder Goethes „Wahlverwandten“ (Regie Lisa Nielebock) daran, dass man auch in einem Corona-Jahr volle Häuser haben will. Weber bahnt sich eigentlich einen ganz eleganten Weg zwischen Positionierung und flächendeckenden Angeboten.

Womöglich etwas zu grob gezählt, sind für die nächste Saison mehr Regisseurinnen als Regisseure engagiert.

Webers von Ina Hartwig gelobte Netzwerkerei in die Stadt hinein und darüber hinaus setzt sich fort. Auch die Dresden Frankfurt Dance Company wird zu Gast sein – mehr als zwanzig Jahre nach der letzten Forsythe-Premiere im Schauspielhaus zeigt Jacopo Godani „Anthologie“. Geplant ist zudem eine Kooperation, bei der die israelische Choreografin Saar Magal Tanz- und Schauspielensemble zusammenbringt: „10 Odd Emotions“, sehr passend.

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