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Das Leben ist eine Treppe – eine „scheiß verfickte Treppe“, wie Martha (l.) sagt.  

Schauspiel Frankfurt

Metapher und Trüffelschwein

Wo stehen wir heute? Ewald Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“ am Schauspiel Frankfurt.

Von Judith von Sternburg

Da ist eine gewaltige offene Treppe. Geschmackvoll setzen Claudia Rohner und Johan Delaere (Licht) damit die Anweisung des Autors um, die Bühne habe „etwas Skelettiertes, wie ein aufgespanntes, herauspräpariertes, überdimensionales anatomisches Detail“. Unter der Treppe, im Inneren des Skelettes, wird nachher die Geburt von Marthas Kind katastrophal verlaufen. Auf der Treppe ist zuvor 140 Minuten lang gut zu sehen, wie fit oder fertig die Figuren sind. „Diese scheiß verfickte Treppe“ – so die unglaublich hochschwangere Martha, deren Ausbruch der Bühnenbildnerin ebenfalls das Stichwort gegeben haben könnte – wird zum Bild für ein Leben, in dem die einen herumhüpfen und die anderen auf der Strecke bleiben. Egon, der werdende Großvater, übergriffige Vater, heillose Säufer, hat keine Chance, rechtzeitig zur Toilette zu kommen.

Ewald Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“, 2017 in Basel uraufgeführt, überschreibt Gerhart Hauptmanns gleichnamiges Stück von 1898 aufmerksam und etwas blutleer. Letzteres vielleicht ein durch Roger Vontobels Inszenierung für das Schauspiel Frankfurt beförderter Eindruck, indem die antinaturalistische Situation auf der Treppe es dem Publikum leicht macht, sich von diesen Figuren fernzuhalten. Dass Palmetshofer Leute wie dich und mich im Blick haben dürfte, verspielt sich erst recht zwischen Formel-1-Sektfontänen und nackten Männerpopos. Schon ironisch: Sektfontänen in einem Stück, in dem die Familie Krause einstmals durch Alkoholismus ihr Erbgut ruinierte. Das stete Trinken befördert eine Tennessee-Williams- oder Edward-Albee-Atmo, gegen die nichts einzuwenden ist, der aber hier die Kraft des Konkreten abgeht.

Eigentlich, und sofort ist man interessiert, geht Palmetshofer davon aus, dass die Krauses an einem von der früh verstorbenen Mutter auf die ältere Tochter Martha – bei Hauptmann tritt sie nicht auf, ist aber Dauerthema – weitergegebenen Hang zur Depression leiden. Wann immer die Sprache darauf kommt, wird es spannend. „Der schwarze Schleier“, „der schwarze Hund“, konkreter kann auch der auf Erfolg geeichte Ehemann nicht über die Nöte seiner Frau sprechen, die auf einer Hausgeburt besteht, weil sie Angst hat, im Krankenhaus als Depressive aufzufallen. Man dürstet geradezu nach Anhaltspunkten, die das Leben der Figuren mit Leben füllen. Und es hat Größe, wie Patrycia Ziolkowska im glamourösen Abendkleidchen über dem Kugelbauch (Kostüme: Ellen Hofmann) auf der Treppe herumstakst und ihrem Mann peinlich ist. Sie ist nicht peinlich, sie ist unglücklich. Ziolkowska muss keinen Aufwand treiben, um das zu dokumentieren. Sie lächelt, sie schaut, sie sagt auch mal was, sie hantiert an ihrem Kugelbauch. Sie ist da (anders als bei Hauptmann), aber sie spürt, dass sie hier nicht hingehört.

Extrastrichförmig daneben ihre kleine Schwester Helene, Katharina Bach, die (unter anderem in einem dafür gemachten Abendeinteiler) ihren Körperwitz wunderbar einsetzt, schlängelnd, fließend, andockend. Sie könnte das in einer anderen Rolle allerdings ebenso tun. Das hängt erneut wohl so viel mit Vontobels Regie zusammen wie mit Palmetshofers Text, beide selten auf Eigenheiten aus. Bei Hauptmann ist Helene das tragische Zentrum, gebildeter als die anderen Krauses, der einzige „gesunde“ Spross, aber der Mann, der sie interessiert, will trotzdem nicht bei solchen Leuten einheiraten. So wird sie es sein, die den Sonnenaufgang nicht mehr erlebt. Palmetshofer entdramatisiert das, kein Suizid am Ende. Die eigene Wohnung hat Helene inzwischen aufgegeben, im Elternhaus ist ihr altes Zimmer fürs neue Kind eingerichtet, aber es gibt Schlimmeres.

Und auch in Helene manifestiert sich die unverbindliche Seite im Stück und in der Inszenierung. Heruntergedimmt schon bei Palmetshofer ist die Rolle von Vater Egon, klug erkannt hier allerdings, dass aus dem saufenden Patriarchen über die vergangenen 120 Jahre eine saufende Nebenfigur geworden ist. Die zweite Frau (Marthas und Helenes Stiefmutter): nur noch genervt. Michael Schütz und Katharina Linder, die Arg- und Schonungslosigkeit, Haltung und Verfall subtil zu verbinden wissen, sind ein Paar wie aus einem amerikanischen Stück. Nicht umsonst hat Anselm Weber sie in seiner Inszenierung von „Alle meine Söhne“ besetzt.

Im diskursiven Kern von Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“ begegnet sich ein Duo, dessen Blutleere dem Abend zwar als Theaterabend schadet – Längen tun sich auf und zweieinhalb Stunden ohne Pause sind dann kein Klacks –, dem Autor jedoch offenbar nicht unterlaufen ist. Vielmehr steckt eine bittere Botschaft darin. Aufsteiger Thomas, Marthas Mann, und sein scheinbar ad hoc hier auftauchender ehemaliger Kommilitone Alfred (der Helene gefallen wird) sprechen über Politik. Beide waren einmal links. Palmetshofers Thomas macht sich inzwischen als rechtspopulistischer Politiker einen Namen, Alfred arbeitet als Journalist. Natürlich wirft er Thomas seinen Schwenk vor, aber anstatt nun wie bei Hauptmann die soziale Frage zu diskutieren, landen sie bei Palmetshofer sofort (Thomas zuerst, Alfred hinterher) auf der Metaebene, befassen sich mit dem Bild von sich und von Politik. Zwischen der Wirklichkeit und der von ihm erzählten Wirklichkeit sieht Thomas – topaktuell – keinen Unterschied mehr. Thomas und Alfred, „die Metapher und das Trüffelschwein“: dies die Formel, die der Journalist Alfred schließlich findet. Vom Leben da draußen, gar in der globalisierten Welt ist keine Rede. Das ist eine ziemlich böse, zu Widerspruch reizende, im Stück dann aber nicht weiter verfolgte Bestandsaufnahme, was den intellektuellen Diskurs betrifft.

Andreas Vögler zeigt einen gereizten, sich nicht mühelos beherrschenden Thomas, Stefan Graf einen lakonischen, zur Süffisanz neigenden Alfred (er kommt der Redakteurin durchaus bekannt vor), beide sind von bestechender körperlicher Präsenz. Und doch kann der Eindruck entstehen, dass Vontobel gerade in dieser ausführlichen Szene eher herumbebildert, als ein klares Ziel vor Augen zu haben. Das Vage auf der Bühne erfordert immer auch Mut, aber er wird hier nicht recht belohnt.

Von der Seite spielt Matthias Herrmann am Cello seine klassisch wirkende und doch widerspenstige Musik ein, Julie Grutzka singt dazu auf Palmetshofer-, auf Andreas-Gryphius-Texte. Vontobel zieht damit eine über das Gesagte hinausgehende Ebene ein, die im Geschehen selbst erst in den letzten Minuten deutlich wird. Wenn Nils Kreutinger als Arzt sich darauf freut, einmal etwas Schönes machen zu können – einem Menschen auf die Welt zu helfen – und scheitert.

Termine

Schauspiel Frankfurt: 18., 22., 24., 28. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

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