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Hinter Gittern.

Schauspiel Frankfurt

Falk Richters „Rausch“ im Bockenheimer Depot

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Das Studiojahr des Schauspiels Frankfurt zeigt Falk Richters „Rausch“ im Bockenheimer Depot. 

Dass man das alles weiß, heißt nicht, dass es nicht unterhaltsam ist. Zur Unterhaltung gehört gelegentlich dazu, dass alle Bescheid wissen, aber da trotzdem auch selbst nicht rauskommen. Vielleicht ist es diese hier nicht besonders stille Übereinkunft – Beziehungen sind Mist, Pärchen sind Mist, alles nur zum Lachen, aber auch zum Weinen, dazu die politische Lage, auch ein Mist –, die eine fade Seite hat. Die Leute kennen solche Sätze aus dem Effeff, aber viele denken, sie selbst würden so etwas nie sagen, bis sie es dann wieder tun.

Falk Richters „Rausch“ haut dem Publikum ein Stück Gegenwartsbefindlichkeit (Gegenwartsbefindlichkeit von 2012) um die Ohren, der Autor zeigt, wie gut er das kann, analytisch hält er sich zurück. Das kann starken Appetit auf eine knallharte Tragödie und echten Diskurs wecken, zugleich ist es in seinem halt rauschhaften Sprach- und Quatschbewusstsein unwiderstehlich. Den damals zwischen Finanzkrise und Blockupy uraufgeführten Text – dem man sein Alter anmerkt, wenn es um die Finanzkrise und Blockupy geht, ein unbehaglicher Eindruck, als wären diese Themen abgehakt, obwohl sie es nicht sind – führt jetzt das Studiojahr Schauspiel des Schauspiels Frankfurt auf. Die Kooperation mit der Hessischen Theaterakademie ist im Seitenschiff des Bockenheimer Depots zu sehen, das Publikum wird in wenigen ewig langen Reihen auf der Seite wie an Schnürchen aufgefädelt. Das Ensemble bewegt sich davor auf der verbleibenden schmalen, ebenfalls ewig langen Bahn. Dass die Mitglieder des Projektes Studiojahr zumeist knapp über zwanzig sind, gibt dem Beziehungsgezerre eine naive Frische und etwas bekömmlich Altkluges. Mit über dreißig kann man sich das nicht mehr leisten (dabei geht es dann vermutlich erst richtig los). Rüdiger Papes Regie passt gut dazu, sportiv, abwechslungsreich und so hellwach oberflächlich wie Richters Suaden über die Frage, ob er der Richtige ist, ob sich die Investition in die Beziehung zu ihr lohnt, ob sie ihn wirklich liebt, ob er sie wirklich versteht. Also wirklich, wirklich versteht.

Zur gewitzten Bewegungssprache kommen Tanzfiguren

Ausstatter Valentin Köhler steckt Eva Bühnen, Katharina Kurschat, Julia Staufer, Laura Teiwes, David Campling, Andreas Gießer und Julian Melcher zunächst in übergroße Gestelle, die mit folkloristischen Kostümen überzogen sind. So kunterbunt, so opernhaft die Puppen, dass sich eine ironische, aber vorhandene Theatersehnsucht Bahn zu brechen scheint, aber für Beziehungen sind die Gestelle ganz schlecht. Schon bumpern sie aneinander wie im Autoscooter, die Ärmchen und Hälschen, die jetzt hier und da rausgesteckt werden, viel zu kurz, um einander zu berühren. Als die Hüllen fallen, sitzt man immer noch hinter Gittern, aber man kann sich aus den Gestellen auch herausschlängeln, auf ihnen herumklettern. Die Liebenden, die Liebenwollenden, die Geliebt-werden-Wollenden, jetzt in Hemdchen und Höschen, probieren allerlei aus. Wilden Sex auf Abstand, eine Paartherapie als Boxkampf, schließlich den gemeinsamen Einzug ins von der Polizei bedrängte Zeltlager. Aus dem Wollen wird allmählich und ziemlich systematisch ein Nicht-mehr-Wollen und Nein-Sagen. Zur gewitzten Bewegungssprache kommen Tanzfiguren (Laura Hicks), kommt Musik von Raimund Gross. Er ist auch für die Knuff-Puff-, die Boing-Pling- und die Quietsch-Geräusche zuständig, die anstrengende Beziehungen mit sich bringen mögen.

Der Frankfurter „Rausch“ ist verspielt und wie eine große Übungseinheit, bei der man in diesem Fall das Spielen lernen soll. So dass die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler virtuos über allerlei und manches Banales sprechen, während es für sie selbst zweifellos ums vorerst Ganze geht. Daraus entsteht eine Spannung, die dem Text gut bekommt. Auch im Sprachnetz Richters, dessen Elemente keinen Figuren zugeordnet sind, finden die Spielenden immer wieder zu individuellen Minirollen, die sie respektheischend sofort ausfüllen.

Schauspiel Frankfurt im Bockenheimer Depot: 9., 13., 15., 18., 19. Mai.

www.schauspielfrankfurt.de

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