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Pflegeeltern und leibliche Mutter beim Ausdiskutieren: Uwe Zerwer, Heidi Ecks und Dela Dabulamanzi auf und neben der Couch. 

Schauspiel Frankfurt

Ein Serienmarathon

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Vorbild Netflix: Eric de Vroedts „The Nation“ am Schauspiel Frankfurt. 

Wie jede anständige Miniserie mit Potenzial zur zweiten Staffel ist der sechsteilige Politkrimi „The Nation“ des niederländischen Autors und Theatermachers Eric de Vroedt opulent angelegt. De Vroedt spielt mit den Konventionen der flotten TV-(Netflix-)Produktion, die scharf an die Realität anschließt und deren ohnehin schon unfassbaren Gehalt kaum noch weitertreibt, zumal auch sie, die Realität, durch die pseudoauthentische Spiegelung im Netz längst serienartig wirken kann. Man weiß ohnehin oft genug nicht mehr genau, wo man sich befindet. De Vroedt aber setzt noch einen drauf, indem „The Nation“ unzweifelhaft ein Theaterstück ist und mit den Mitteln des Theaters arbeiten lässt. Man sieht episches Theater, und man sieht Konversationsstückszenen, die sich eine anständige Netflix-Miniserie nicht leisten würde. Man versteht, warum.

Das ist der größte Hinkefuß der deutschsprachigen Erstaufführung, die der Theater- und Opernregisseur David Bösch jetzt am Schauspiel Frankfurt inszeniert hat: Dass das Theater zwar respektheischende Mittel aufwenden kann, wenn es Fernsehserie spielt, dass es aber in diesem Fall nun gerade da, wo es ganz zu sich selbst zurückkehrt – zwei, drei Menschen stehen auf eine Bühne und reden und reden –, mit verblüffenden Längen und Zähigkeiten praktisch den Grund dafür liefert, stattdessen „Borgen“ oder „The Wire“ zu gucken.

Es hat etwas Ungerechtes, dass das gerade den Schluss der Riesenproduktion betrifft. Serienmacher, davon ist auszugehen, hätten effektvoll mit Folge V abgeschlossen (also mit der Pause am zweiten Abend), das Publikum mit mehr als einer offenen Frage in Richtung einer noch nicht angekündigten, aber absolut denkbaren Staffel II geschubst und sich den nachdenklichen Teil gespart. Nachdenkliche Teile müssen sehr, sehr stark sein, sehr stark geschrieben, inszeniert und gespielt. Sonst entsteht der Eindruck, dass das Theater etwas Kunstloses hat, ausgerechnet das Theater, wie ärgerlich.

Dabei fährt das Schauspiel groß auf und bietet einiges. „The Nation“ findet an zwei Abenden statt, de Vroedt sieht sechs Folgen vor, vier sind am fast dreistündigen ersten, die beiden übrigen am (ebenfalls ohne Pause gerechnet) zweistündigen zweiten zu sehen. Dass für „The Nation II“ viel weniger Termine angesetzt sind, hat sicher gute Gründe, aber auch etwas Ernüchterndes. Wenn schon, denn schon, muss man dem Publikum zurufen.

Die Aufteilung in Folgen wird in Frankfurt nicht zelebriert, trotz der Cliffhanger und eines zur Musik von Karsten Riedel liebevoll gestalteten Vorspanns (dessen permanente Wiederholung natürlich das wohlige Gefühl eines Serienmarathons unterstützen würde). Altine Emini als unterdurchschnittliche, total frustrierte, aber irgendwo und irgendwann auch sympathische Streifenpolizistin übernimmt eine Art Conférenciersrolle. Ein Deutschrapper namens „Der Bär“ (André Meyer) fasst zwischendurch in fabelhaft echt („echt“) wirkenden Youtube-Filmen die Situation zusammen, mit suggestiven Bildschnipseln versehen. De Vroedt, Bösch und der für die Videos zuständige Bert Zander arbeiten heraus, wie die sofortige digitale Verwurstung des Geschehens in Wort und Bild wiederum die Realität beeinflusst.

Dass man das schon vorher wusste, ist nicht fade. Wo die Wirklichkeit am deutlichsten erkennbar und vielleicht nur eine Spur (wenn überhaupt) ins Unglaubliche verschoben ist, wird „The Nation“ am intensivsten. Grandios die entgleisende Polittalkshow mit der genialen Claude De Demo, die das skurrile Engagement und die verheerende Oberflächlichkeit des Talkmasterns so brutal auf die Schippe nimmt, dass ein normales Rezipieren von Polittalkshows endgültig unmöglich werden dürfte. Im Studio auch Heiko Raulin als vorerst smarter Politikroutinier, Sebastian Kuschmann als glattgebürsteter Rechter, die wunderbar vage, luftgeistige Heidi Ecks und ein zauseliger Uwe Zerwer als hilflose und doch beherzte Altlinke sowie Dela Dabulamanzi als Mutter, die an sich nur flugs für eine Portion Betroffenheit zuständig sein soll. Zugeschaltet (Live-Video: Benjamin Lüdtke) wird Shenja Lacher als Kapitalistenschuft. Es gibt viele Doppelrollen, acht Schauspieler und vier Schauspielerinnen machen das mit Perücken und Kostümen (Moana Stemberger) unter sich aus. Zu den Videos auf gigantischer Leinwand bieten Patrick Bannwart und Larissa Kramarek auf der großen Drehbühne Büros und Wohnzimmerchen, die Szenenabfolge ist mal rascher, mal weniger rasch, Figuren kommen und gehen, immer wieder wird neu und anders angesetzt. Es soll auf keinen Fall langweilig sein, bis es dann doch langweilig wird.

Klassisch, wenn auch behäbiger als gewohnt: die Serienhandlung und ihr Verlauf. Das Verschwinden eines Kindes, schwarz, muslimisch, bei weißen Pflegeeltern daheim, aber auch die leibliche Mutter lebt am Ort, mischt Politik und Stadtgesellschaft einer Metropole auf, in der hier nach de Vroedts Regieanweisung durchaus deutlicher Frankfurt erkennbar sein könnte (dessen Skyline durch die Videowelt flimmert). Zahllose Themen unserer Tage werden gestreift. Es geht um Islamfeindlichkeit, Islamismus, Integration, um rechtsextreme Politiker im demokratischen Überkleid, Sozialdemokraten beim Selbstzermetzeln (in einer witzigen, niederschmetternden Sitzungsszene am zweiten Abend), um Internethysterie, Medienkritik und Politklüngel, um Homophobie, Pädophilie, um Privatsphäre und öffentlichen Raum, um Toleranz und ihre Grenzen, um Freiheit und ihre Grenzen. Kaum noch Science Fiction ist der in Planung befindliche Stadtteil Safecity, in dem maximale Datenkontrolle ein bequemes Leben bieten soll (besonders originell ausgeführt wird dieser verheißungsvolle Teil allerdings nicht).

Während immer wieder das Leben hier draußen düster oder grell aufflackert, geht Bösch immer wieder ins Karikatureske oder schaltet ironische Distanz dazwischen (überdeutlich in den Anfangsszenen auf der Polizei). Das ist der zweite Hinkefuß: Dass eine anständige Miniserie Humor und Ironie kennt, aber beides nur innerhalb einer künstlichen Realität, in der die Figuren gefangen sind wie wir in unserer Welt. Der V-Effekt und das sich vom Gegenstand distanzierende Als-ob des Theaters erweist sich als schal.

Ist „The Nation“ spannend wie eine anständige Miniserie? Nicht ganz so spannend, aber spannend genug, dass die FR sich entschlossen hat, nicht zu spoilern.

Mehr Informationen 

Schauspiel Frankfurt: Beide Teile hintereinander am 5. Mai. 
„The Nation I“ am 8., 10., 17., 18., 25., 26. April, 4., 20. Mai, 1. Juni. 

„The Nation II“ am 11., 27. April, 22. Mai, 2. Juni.
www.schauspielfrankfurt.de

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