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Schauspiel Frankfurt: Der Weg zurück nach vorne

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Von: Judith von Sternburg

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„Öl!“ nach dem Roman von Upton Sinclair wird wieder aufgenommen. Foto: Thomas Aurin
„Öl!“ nach dem Roman von Upton Sinclair wird wieder aufgenommen. Foto: Thomas Aurin © Thomas Aurin

Das Schauspiel Frankfurt plant für die Saison 2022/23.

Mit einer schönen Zahl wollte der Frankfurter Schauspielintendant Anselm Weber anfangen, aber schöner wäre natürlich, man bräuchte sie nicht: Gut 51 500 Euro sind in den vergangenen Wochen nach den Vorstellungen für die Unterstützung der attackierten Ukraine gespendet worden, unter anderem zwei gebrauchte Krankenwagen konnten dafür gekauft werden, die jetzt unterwegs ins Land seien. Einen solchen Zuspruch für eine Spendenaktion, so Weber, habe er in seinen Intendantenjahren hier und anderswo noch nicht erlebt. Das sei Empathie, und Empathie sei das, was eine pluralistische Gesellschaft wie die Frankfurter zusammenhalte. Mit 103 Institutionen – Stiftungen, Schulen, Kultureinrichtungen, Vereinen – habe das Schauspiel in den vergangenen Jahren zusammengearbeitet, sei fest vernetzt in der Stadt.

Andere Zahlen sind ernüchternd, aber so ist es momentan: Insgesamt 60 Prozent aktuelle Auslastung, von 7000 Abonnements wird etwa die Hälfte noch gehalten. Dazu hausinterne Krankheitswellen seit Januar unter den für die Arbeit in komplexen Kollektiven besonders unerquicklichen Quarantänebedingungen: 79 Vorstellungen abgesagt, die Premieren von sieben Produktionen insgesamt zehn Mal verschoben (Interessierten ist klar, dass der Fall der „Wahlverwandtschaften“ längst rekordverdächtig ist, am 23. Juni soll der nächste Versuch stattfinden). „Wir werden drei Jahre brauchen, um wieder da zu sein, wo wir vor der Pandemie waren“, sagte Anselm Weber bei der Vorstellung des Programms für 2022/23. Drei Jahre, das ist eine lange Zeit.

Viel Material, 19 Premieren am Willy-Brandt-Platz und im Bockenheimer Depot, darunter neun Uraufführungen und eine deutsche Erstaufführung, letztere aber zum Beispiel eine irre Altlast: „Burt Turrido. An Opera“ von und mit dem Nature Theatre of Oklahoma war 2020 für das Festival Frankfurter Positionen 2021 angekündigt und im Bockenheimer Depot auch im Schatten des Lockdowns vorbereitet worden. Erst jetzt, also im Oktober 2022, kann die Koproduktion mit dem Mousonturm am ursprünglichen Bestimmungsort gezeigt werden.

Zur Sache:

Das Junge Schauspiel Die Jugendsparte des Schauspiels fragt sich und uns, ob wir noch zu retten sind. Sie setzt die Reihe „Fragile Verbindungen“ durch Recherchen rund um Zwangsarbeit am neuen „Geschichtsort Adlerwerke“ im Gallus fort. Geplant ist auch ein Abend im Weltkulturen Museum, „Balance – Zehn Versuche, die Welt zu verstehen“.

Der Tanz Erstmals seit William Forsythe wird die Dresden Frankfurt Dance Company zwei neue Abende im Schauspielhaus zeigen. Jacopo Godani choreografiert „Anthologie“, die Israelin Saar Magal zeigt die Uraufführung ihres Stücks „10 Odd Emotions“.

Die Festivals Zwei von langer Hand geplante Festivals sollen in der nächsten Spielzeit über die Bühne gehen. Vom 29. September bis 8. Oktober 2022 kommt die 11. Runde des Festivals „Politik im Freien Theater“ nach Frankfurt. Die veranstaltende Bundeszentrale für politische Bildung kooperiert hierfür mit dem Schauspiel, dem Mousonturm und der Festival-AG, einem Netzwerk der lokalen freien Szene. Vom 29. Juni bis 16. Juli 2023 ist das „Theater der Welt“-Festival nach 40 Jahren wieder in der Stadt zu Gast, Frankfurt hat sich hierfür erfolgreich zusammen mit Offenbach beworben.

www.schauspielfrankfurt.de

Zur Spielzeiteröffnung (nach einem diesmal wieder mit allem Drum und Dran geplanten Theaterfest am 11. September) blickt das Schauspiel auf Verluste, mehr noch auf Verlustgefühle: Im Schauspielhaus mit Jan Bosses Blick auf Tschechows „Onkel Wanja“ am 22. September und einen Tag später in den Kammerspielen mit Thomas Köcks von ihm auch entwickelten Abend „Solastalgia“, einer Koproduktion mit dem Kunstfest Weimar. Solastalgia, ein großes Wort für den Schmerz über einen dramatischen Vorgang – den Verlust von Lebensräumen, etwa durch Raubbau an der Natur. Auch das Theater ist übrigens ein Lebensraum, muss man gut drauf aufpassen.

Aus Polen und Russland

Markant im nächsten Jahr: Sebastian Hartmann, der die Menschen traditionell in den Wahnsinn treibt oder einnimmt oder beides („Dämonen“), nimmt sich Schnitzlers „Traumnovelle“ vor (4. März). Der Russe Timofej Kuljabin, in der Heimat gerade mit kriegskritischen Äußerungen angeeckt, inszeniert „Macbeth“ (14. April). Die Polin Evelina Marciniak – mit ihrer Mannheimer „Jungfrau von Orleans“ beim Berliner Theatertreffen zu Gast gewesen – plant ein „Tove-Projekt“ zu Romanen der jüngst (durch Bücher im Aufbau Verlag) wiederentdeckten Dänin Tove Ditlevsen (2. Juni).

Es gibt kein Spielzeitheft, es hätte womöglich mehrbändig werden müssen, hieß es dazu, aber ein bisschen ressourcenfreundlich dürfte es ebenfalls sein, ins Netz auszuweichen. Vom Sparen, den Städtischen Bühnen abverlangt in einem mittelfristig unrealistischen Ausmaß – von einem Damoklesschwert hatte Opernintendant Bernd Loebe vor ein paar Wochen gesprochen –, ist jetzt aber einmal nicht die Rede. Präsentiert wird zudem immerhin ein Faltblatt in Hochglanz. Lassen Sie es nicht liegen, denn auf der Rückseite zeigt sich ein originelles Plakat, das Sie werden aufhängen wollen. Keine Schande, für das Ensemble des Schauspiels ein bisschen Reklame zu machen, das einen Lauf hat, möge er anhalten.

Über einen QR-Code kommt man dann in einen Digitalauftritt unter der sinnigen Devise „Gegenrealitäten“. Ein Fummelspaß, man wird sich daran gewöhnen.

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