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Grete (Ingeburg Amodé), Mariedl (Anja Becker) und Erna (Hedda Saggau, v. l. n. r.).
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Grete (Ingeburg Amodé), Mariedl (Anja Becker) und Erna (Hedda Saggau, v. l. n. r.).

Theater

Sauigeln im Sumpf

  • VonMarcus Hladek
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Das Frankfurter Autorentheater hat Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ wiederentdeckt.

Wie sorgsam aufgestellte Dominosteine, jeder am Startpunkt einer eigenen Linie aufgestauter Hauspremieren, nimmt sich aus, was sich jetzt allüberall zu entladen beginnt wie ein Akt göttlicher Panspermie und kosmischen Feuerwerks quer über die Theater-Milchstraße: die Mega-Live-Premiere zum Pandemie-Finale.

Dem klingenden Thespiskarren „Moon Machine, Grounded“, der im Seuchen-BAU des Mousonturms (s. S. 22) den Mond anheult, folgen Werner Schwabs ewig rüpelnde, träumende, sauigelnde „Präsidentinnen“ in der Brotfabrik des Frankfurter Autorentheaters. Aus dem Frankfurter Kammerspiel wird noch über das „NSU“-Stück zu berichten sein, das ausatmend auf die Bühne darf.

In den „Präsidentinnen“ unter Adrian Scherschels „beatnik“-Regie am „FAT“ spielen Anja Becker die demütige Klofrau Mariedl im rotschwarzen Trainings-Outfit, Ingeburg Bavari-Amodé die rüde, Fremdsex-besessene Kampfkatholikin und hässlich verpackte Landfrau mit Pelzmütze Erna und Hedda Saggau das Modeschmuck-behängte alte Nazischlamperl Grete mit dem Schoßhund Lydi. Nach pandemischer Zwangsaskese kommt das Trio umso übermächtiger über uns: in hautnah gespürter Konzentration und überschäumender Lebendigkeit.

Weil Schwabs Erstling ganz aus den Sprachakten lebt und die dreiuneinige weibliche Knechtschaft den Unterklassenrahmen und das katholische bis austro-kleriko-faschistische Milieu mehr mitschleppt als braucht, erleben wir die großartig aufspielenden Darstellerinnen wie sich belagernde Talking Heads und bitterliebe Freindinnen in gleitender Abfolge ihrer Einzeltiraden.

Der Österreich-Sound mit seinen Marotten wie dem urigen Gebrauch des unbestimmten Pronomens („einen Verkehr haben“) sorgt für Exotik. Die Bühne betont das Nebeneinander per Salon-Chaiselongue für Grete vorn links, entkoppelter Kloschüssel für Marie vorn in der Mitte und einem Stuhl am Requisitentisch vorn rechts für Erna. Raumtiefe spielt beim Konkurrenz-Präsidieren keine Rolle, appellative Direktheit sehr wohl. Nach Szene 1 umweht das Intermezzo aus „Cavalleria rusticana“ als Schleife die Ich- und Sehnsuchts-Träume des Trios.

Gleicht Bavari-Amodés Erna in ihrer bös knochigen Art nebst Schwärmerei für Wottila, den Papst unter den Metzgern, der auf hohem Niveau alternden Glenn Close, so strahlt Hedda Saggaus Grete das verwirrend 68er-artige, sexuelle Laissezfaire alter Hitleristen aus, als wären die privat fast liberal gewesen und der böse Rest ein Zufall, der von außen über Österreich kam. Sympathie kann man am ehesten Anja Beckers sanftem Mariedl entgegenbringen, der nichts Menschliches fremd ist oder als böse gilt und die bis zum Grund des Aborts in die Fäkalien eintaucht, weil sie auch dort, neben als Osterei versteckten Geschenken vom Pfarrer, Gott findet.

Wo sich Grete und Erna die Welt unfruchtbar geredet haben (ein Sohn impotent, eine Tochter im fernen Australien, ein Lover zurückschaudernd), ist es Mariedl, der am Ende der Weltvisionen vom Volksfest das apokalyptische Schlussfanal à la Seeräuber-Jenny gehört: die verbale Rache-Orgie als Jüngstes Gericht über die abgestreiften Mit-Präsidentinnen. Großes Theater auf kleinster Bühne.

Frankfurter Autorentheater: 28., 29. August. www. fat-web.de

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