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Stolze und strapazierfähige Menschenkinder-Musterexemplare bei der Arbeit.

Jan Fabre „Mount Olympus“

Satte Sache

Blut, Fleisch, Schönheit, Schweiß, Flitter. Morden, kotzen, toben, liebkosen. Schrecken, Spaß et cetera: Vollepulletheater mit Jan Fabres 24-Stunden-Großkunstwerk „Mount Olympus“. Das ist sauanstrengend für die Darsteller, auch nicht ohne für das Publikum und auf jeden Fall der Höhepunkt des „Foreign Affairs“-Festivals in Berlin.

Von Ulrich Seidler

Punkt 16 Uhr setzt am Sonntagnachmittag der Finaljubel im Berliner Festspielhaus ein. Wir sind bei Foreign Affairs, dem internationalen Performancekunst-Festival der Berliner Festspiele; es endet die 24-Stunden-Show „Olympic Mountain“ von dem belgischen Rundum- und Vollepulle-Künstler Jan Fabre. Was für ein Schmackofatz!

Am Samstagnachmittag um 16 Uhr begann das Großprojekt nach einem Jahr Probezeit mit 27 Mitspielern, einem Haufen Fleisch, Schlachtabfällen und Unmengen von Flitter, Kunstblut, echtem Schweiß, mit Topfpflanzen, Chören, Eiern, Kämpfen, Liebkosungen, Morden, Kotz-, Rezitier-, Sex- und Tobsuchtsanfällen. Schrecken, Spaß et cetera – herrlich.

Das Publikum ist völlig zu recht aus dem Häuschen. Dabei ist das Stück noch nicht vorbei. Der fröhliche, fette, güldene Dionysos genießt den Applaus, will aber noch was sagen: „Es gibt Wahrheit“, sagt er dann irgendwann, „Wahrheit ist Wahnsinn.“

Noch mehr Jubel, immer noch nicht Schluss. Vier junge nackte Frauen legen je ein Ei. Dann ein chorisches Schlusswort, noch ein bisschen mehr Jubel, Lamettakanonen, Blumen fliegen auf die Bühne, Blumen fliegen zurück ins Publikum. Um 16.30 Uhr sieht man graue, verstrahlte, wankende, glückliche Gestalten dem Festspielhaus entströmen. Klassenziel erreicht: Überwältigung!

Und wie anstrengend für die Spieler! 24 pausenlose Stunden Kriegs-, Koitier- und Schütteltänze, Lustseufzer-Debatten, ein Lach-Yogakurs und auch: weihevolles Großtragöden-Einfühl-Schauspiel. Mehrere komische Zimmerpflanzenorgien werden absolviert, Sirtaki-Tänze getanzt, nackt, ein Springseil-Ausdauer-Workout geschafft – mit Ketten statt Seilen, unglaubliche zwanzig Minuten lang und unter kräftigem Kriegsgeschrei. Die Performer treiben es immer wieder bis an den Rand der Erschöpfung und sehen meistenteils entsprechend durchtrainiert aus: provozierend gesund und definiert bis in die letzte Muskelfaser.

Stolze Menschenkinder-Musterexemplare

Man hat ausgiebig Gelegenheit, diese stolzen und strapazierfähigen Menschenkinder-Musterexemplare in weiße Laken gehüllt, in Unterwäsche, mit Farbe, Blut, Puder oder Dreck bedeckt oder ganz nackt in Augenschein zu nehmen. Mein Gott, so viel Schönheit! Das kriegt man nicht verdaut!

Man kann sich an den ausdrucksvollen Gesichtern, den ebenmäßigen Gliedmaßen übersattsehen, an Sixpacks, straffen Gesäßbacken und Brüsten, an blütenblattverzierten Vaginas oder Penissen, die im Gleichmaß einer Gruppenchoreographie schwingen, klatschen und hüpfen. So satt, dass sich immer wieder die Lider senken und die Augen nach innen drehen. Aber das gehört zum Konzept.

Gegen drei Uhr morgens, bei einem ausführlichen „Schluchzer-Chor“, ist der Berichterstatter in den Schlaf gesunken. Sein Dilemma ist, dass er sich nicht ganz der Erschöpfung hingeben kann. Er hat sich ins Büro begeben, eine Mütze Nachtschlaf gefasst und einen Text für den ersten Redaktionsschluss abgesetzt, bevor er sich wieder auf den Weg zurück ins Festspielhaus machte.

Um zehn, so viel Transparenz muss sein, war er wieder auf Wacht. Aber auch mit Rücksicht auf diese Obliegenheiten funktioniert die Idee, dass dieser intensive, geduldige, kitschige Bilderstrom das Bewusstsein okkupiert und das Gefühl für die Wirklichkeit aufweicht. Es wird sowieso zu viel Aufhebens gemacht um den Unterschied zwischen Illusion und Realität.

In den schönsten Momenten des Stücks vermischen sie sich auf magische Weise. Es sind die stillsten. Nach sieben Stunden und acht Minuten trotten die Performer nach und nach auf die Bühne und schlüpfen in blütenweiße Schlafsäcke. Sie betten sich auf der mit Blütenblättern und Fleischfetzen, mit Kunstblut und Erde besudelten Bühne. Die 33 Gitterkugellampen senken sich bis zu den Erschöpften herab, als wollten sie sie zart beschirmen und ihnen in die Träume leuchten.

Einige Zuschauer wollen noch der soeben verklungenen Mozart-Arie „Ruhe sanft“ Beifall spenden, aber andere mahnen zu Stille: Psssst. Jetzt wird geschlafen; die Spieler brauchen ihre „Traumzeit“, eine knappe dreiviertel Stunde Schlaf. Gegen sechs Uhr morgens sind noch einmal anderthalb Stunden und viertel vor elf weitere 35 Minuten Bühnenschlaf eingeplant.

Viele Zuschauer verlassen dann den Saal, um sich was Gutes zu tun; es wird Schaffleisch, Raki und Bergtee gereicht. Man kann Nachhilfeunterricht in griechischer Mythologie nehmen, das Orakel befragen und sich mit Kondomen ausstatten – es gibt Liegen im Haus und Zelte im Garten.

Viele bleiben auch und betrachten die Dahindämmernden, die sich gequält haben und noch quälen werden. Und wem es selbst die Augen zudrückt in diesen stillen Minuten, den durchzucken möglicherweise ähnliche Traumbilder wie die Ruhenden. Man kommt sich nah.

Man muss nicht inhaltlich werden

Es wäre zu viel verlangt und ist auch gar nicht nötig, inhaltlich zu werden. Es tauchen die wichtigsten mythischen Figuren auf, klagen ihr allumfassendes Leid, kotzen ihre Gemeinheit aus und verschwinden wieder. Es soll schließlich die griechische Tragödie in ihrer Gesamtheit gefeiert werden. Entsprechend allgemein auslegbar sind auch die Bilder, die Jan Fabre arrangiert.

Menschen, die zappeln, bis sie nicht mehr können, die einander suchen und abstoßen, bis sie nicht mehr können, die flehen, winseln und zittern, bis sie nicht mehr können, die tanzen, sich drehen, springseilspringen, bis sie nicht mehr können, die ihre verletzte Seele ausgießen, bis sie nicht mehr können – diese Abrackerei im Dienste der Schönheit ist schon Inhalt genug.

Die Hässlichkeit ist bei „Schönheit“ übrigens mitgemeint. Was eben noch Ekel erregt, bekommt nach ausgiebigem Beäugen und Bespielen Charme: Wenn zum Beispiel ein beträchtlicher Haufen von Eingeweiden in die Luft geschleudert wird, dann klatscht und glitscht es auch ohne große Ausdeutung sehr schön. Und auch wenn das im Raum verteilte Gekröse nicht zum ersten Mal während des Ablaufs wieder eingesammelt werden muss – Rutschgefahr! –, lässt sich auch aus diesen Aufräumvorgängen etwas Ansehnliches arrangieren.

Fleisch, Innereien, Farben, Ketten, Laken, Blumen, Blech und Blut, dies sind neben den Menschenkörpern die immer wiederkehrenden Hauptingredienzen dieser Feier. Das ist schnell umdekoriert, verblüfft und überwältigt in vielen Varianten und lässt sich umgehend unter eine neue Überschrift stellen: Geburt, Schlacht, Liebe, Geschlechterkampf, Heldenmut, Hybris, Tod, immer dieselben Verwirrungen. Eben: Wahnsinn!

Allein mit dem megalomanischen Zugriff bei gleichzeitiger ästhetischer Konsequenz hat Jan Fabre hier den dicksten Festivalbetriebsvogel abgeschossen. Dieses teure, von unzähligen Kulturförderern und Sponsoren finanzierte Erlebnis wird nun durch die Welt touren, aber nur selten zu sehen sein wegen des Aufwandes. Neben der Festivalauswertung gibt es schon einen Bildband, die Kameraaufnahmen sind von großer Qualität und für mehr als pure Dokumentation geeignet. Das Ganze geht nicht nur an die Verausgabungsgrenzen, sondern ist auch produktions- und marketingtechnisch ein atemberaubendes Kunstwerk, das schwer zu überbieten sein wird. Zum Glück!

Das Festival „Foreign Affairs“ in Berlin: bis 5. Juli. www.berlinerfestspiele.de

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