Tom Gerber im Bade, Kruna Savic als begeisterte Zuschauerin.
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Tom Gerber im Bade, Kruna Savic als begeisterte Zuschauerin.

Staatstheater Wiesbaden

Sanfte Sehnsucht

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Mit leichter, geschickter Hand inszeniert Ingo Kerkhof „Die Möwe“ am Staatstheater Wiesbaden.

Die Bühne von Anne Neuser verbindet einen Theaterraum mit einem russischen See, in dem man sogar, wenn man sportlich und mutig genug ist, kraulen und sich mit einer Art Schmetterlings- oder Delfintechnik fortbewegen kann. Vorne die Bretter, die die Welt bedeuten, hier aber die Planken am Seeufer, dahinter das flache Wasser mit effektvollen Untiefen, ganz hinten die Bühne auf der Bühne, auf der der junge Dichter in spe, Kostja, eingangs sein Stück aufführen lässt.

Das ist liebevoll gestaltet: Was Paul Simon als Kostja und Kruna Savic als Nina zeigen, ist keineswegs dilettantisch, sondern eine etwas punkige Performance (mit Musik, Video, Mikros, Geschrei und Gewälze), wie sie heute schon wieder nostalgisch wirkt und doch noch immer bei Teilen des Publikums für Kopfschütteln sorgt. So auch diesmal, und die „Späßchen“, die Kostjas Mutter, Sólveig Arnarsdóttir, einwirft, finden ihre Pendants in Reihe 9. Es ist nicht einfach, einfach einmal zuzuhören. Dass Anton Tschechow in „Die Möwe“ Fragen der Theaterform diskutieren lässt, greift Regisseur Ingo Kerkhof am Staatstheater Wiesbaden neugierig auf, bringt es in einen plausiblen Zusammenhang mit der derzeit wieder aufgewärmten Performance-vs.-Stück-Debatte. Kerkhof und Tschechow kommentieren das auf ihre Weise: Der Regisseur bietet ein klassisches Ensemblestück, und der Autor lässt Kostja von eigener Hand sterben.

„Die Möwe“ ist als „Komödie“ deklariert, und in der Tat findet Kerkhof einen einleuchtenden Weg, seine Figuren leichtfüßig zwischen den Stimmungen zu halten. Vor allem verzichtet er auf Karikaturen, so dass sich das Publikum selbst ein Bild machen kann von der allzumenschlichen Versammlung, die teils liebend gerne, teils gezwungenermaßen einen Sommer auf dem Land verbringt. Die erfolgreiche Schauspielerin Irina gibt den Ton vor, Arnarsdóttir spielt das gedrosselt, eine freundliche, kühle Frau, deren (tödlicher) Egoismus beiläufig für sich und sie sorgt. Das meiste gleitet an ihr ab, vor allem die Verzweiflung der Jugend, die es heute Abend ohnehin nicht leicht hat. Der glühenden Leidenschaft Ninas und Kostjas und ihrem Wunsch, ein Leben als Schauspielerin / Schriftsteller zu führen, kann Kerkhof weniger abgewinnen als den Älteren. Michael Birnbaum etwa ist als Arzt ein prächtig nüchterner Zyniker und moderner Mensch. Hinreißend, wie unangestrengt er sich zu Kostjas Dichtung bekennt (die ja auch beim Publikum durchfiel) – man merkt, wie gut es ist, dass Kerkhof sich Zeit für die Theater-Geschichte genommen hat, dass ohnehin einmal nicht durch den Text gejagt wird.

Menschen reden und reden, so sind sie. Das muss einen interessieren, um von dem Abend etwas zu haben. Benjamin Krämer-Jenster, der körperlich bereits etwas lädierte Bruder Ninas, ist wirklich kein Trottel, sondern wie die meisten hier ein etwas schlaffer, sich nach einem anderen Leben sehnender Zeitgenosse. Tom Gerber als Erfolgsschriftsteller ist ein dezent abgelebter, letztlich bescheidener Typ. Seine Suada über die Leiden des Autorendaseins ist herrlich, seine Nacktheit zwischendurch vielleicht nicht so sehr Mode und Manier als Gleichgültigkeit. Kerkhof mag diese Leute gut leiden, das ist schön.

Erst gegen Ende geht dem Abend die Luft aus. Und aus der geschickten Verwendung des Wasserbassins wird doch noch ein Herumgeplansche als feuchtes und fades Surrogat für die Darstellung von Leidenschaft.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: 29. April, 11., 16., 17., 25., 26., 30.

Mai. www.staatstheater-wiesbaden.de

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