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Barbara Englert als wütende Ehefrau. Foto: Wolfgang Runkel

Frankfurt

Jeder in der eigenen Rolle

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Die Volksbühne Frankfurt nimmt den Betrieb wieder auf und zeigt Samuel Becketts „Spiel“ als groteske, melancholische Miniatur.

Samuel Becketts Sinn für Endzeitliches und für soziale Distanz macht seine Texte zu idealen Coronakrisen-Stücken. Besonders originell wählte aber die Frankfurter Volksbühne. Sie ist, blickt man auf die vergangenen Jahre, Neuanfänge gewöhnt und also auch daran, trotz allem immer wieder Schwung zu nehmen. Diesmal – nach halbjähriger Corona-Lücke – mit „Spiel“, einem winzigen Einakter von 1963, für den auch bei einer Vorstellungsdauer von 50 Minuten zweimal Platz ist.

Auf der leeren Bühne drei Säulen, bei näherer Betrachtung handelt es sich topaktuell und auch ansonsten sinnfällig um mannshohe Toilettenpapierrollen. Messlatten zeigen jenen Menschen, die Messlatten lesen können, vermutlich an, dass die geforderten Abstände eingehalten worden sind. Der Vorhang geht noch einmal zu und wieder auf, da stecken in den Rollen Barbara Englert, Lucie Mackert und Sebastian Klein, grell geschminkt nach Art der Volksbühne, diesmal aber à la Zombie, jedenfalls etwas blutig und etwas bizarr. Da man ja nur die Köpfe sieht, ist das ein unheimlicher Anblick, Köpfe auf Toilettenpapierrollen serviert, na so was aber auch.

Wie am Schnürchen

Beckett – dem Urnen vorschwebten – sieht nun eine akribische Lichtregie und Sprechchoreografie vor. Michael Quast, Regie und Ausstattung, muss das mit dem Trio und dem Beleuchter geübt haben wie verrückt, es läuft wie am Schnürchen. Spot nach hier nach dort, der Rest im Dunkeln, manchmal wird gemeinsam gesprochen, aber unterschiedlicher Text, ein extrem akkurates Wirrwarr. Die Köpfe kommen zwar nicht vom Fleck, sie sind aber, sofern das einzelnen Köpfen möglich ist, geradezu zappelig vor Lebhaftigkeit. Obwohl sie praktisch nichts machen können, „spielen“ sie auch regelrecht. Das ist ja ihr Beruf, zu schauspielern.

Das ist auch sehr witzig, das ist auch sehr schrecklich. Es entspinnt sich ohne weitere Erklärungen eine scheußlich triviale Dreiecksbeziehung, Englert ist die betrogene Ehefrau, Klein der betrügerische Gatte, Mackert seine Freundin. Die Frauen sparen nicht mit bösen Worten übereinander, der Mann findet aus unerfindlichen Gründen doch irgendwie Grund zum Klagen (der Stress, die Forderungen).

Wie im Theater

Alle erzählen aus ihrer jeweiligen Perspektive, das sind ineinandergesteckte Monologe des Jammers und der Wut, vorgetragen mit einer theatralischen Verve, die der Lage der drei nicht ganz entspricht. Was mag geschehen sein? Es gibt wenig Zweifel daran, dass hier Verstorbene lamentieren, in einem zweiten Teil – die Scheinwerfer jetzt gedimmt, das Szenario verschwindend – sind sie selbst ein wenig erstaunt über ihre Situation. Das hatten sie sich anders vorgestellt, was auch immer es ist.

„Spiel“ ist hochkonzentrierter Beckett, das Banale (man nennt es freilich auch: das Leben) neben der Melancholie und dem leeren Himmel, in oder unter dem der Mensch gleichwohl bereit ist, sehr lange auf etwas zu warten. Dass die Volksbühne sich eine komplette Wiederholungsschleife leisten kann, ist ein Vorteil, beim zweiten Mal ist es vertrauter und noch lustiger und noch trauriger.

Die Reproduzierbarkeit der theatralen Momente, des Kummers, der Schnallenhaftigkeit, führt ihre eigene Lachhaftigkeit und zur gleichen Zeit ihre Kraft vor. Das Trio ist nicht nur auf Draht, es zeigt auch Virtuosität und Hingabe. So dass das Echte und das Verkünstelte untrennbar und gemeinsam unschlagbar sind. Das zu verpassen, wäre wirklich ärgerlich und unvernünftig.

Volksbühne im Großen Hirschgraben, Frankfurt: 19., 25., 27. September, 30. Oktober. volksbuehne.net

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