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Corinna Kirchhoff und Bettina Hoppe.

Berliner Ensemble

Sammelsurium der Konflikte

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Árpád Schillings „Der letzte Gast“ scheitert am Berliner Ensemble kläglich.

Árpád Schilling ist ein ungarischer Regisseur, der nicht mehr in seinem Land arbeiten kann. Erst haben die Fidesz-Leute dem Mittvierziger und seiner freien, 1995 gegründeten Theatergruppe Krétakör (Kreidekreis) die Mittel zusammengestrichen. Dann wurden im September 2017 Schilling und der Krétakör-Mitbegründer Márton Gulyás persönlich vom Ausschuss für nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zu „potenziellen Vorbereitern staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt.

Schilling war gewillt, diese Brandmarkung als Fidesz-Orden hinzunehmen; und in der westlichen Welt funktioniert das „Staatsfeind“-Branding tatsächlich auch als Aufmerksamkeitsgenerator. Allerdings musste Schilling dann, so sagte er im Berliner Stadtmagazin „Zitty“, feststellen, wie auch liberal eingestellte Kollegen und Intendanten in Ungarn von ihm abrückten.

Das gab für ihn den Ausschlag, sein Land zu verlassen, in Frankreich zu leben und von da aus zu arbeiten. Er hat gut zu tun, inszeniert Opern, entwickelt Theaterstücke, wird im Betrieb herumgereicht. Das Theater Krétakör – mit bis zu 40 Mitarbeitern – existiert als Ensemble nicht mehr. Was für ein intensives, körperliches, schmerzbereites Theater das war! Wer einst Árpád Schillings „Arbeiterzirkus W.“ nach Georg Büchners „Woyzeck“ mit eingegittertem Publikum (2001) und seine minimalistisch erzählerische „Möwe“ (2003) erlebt hat, kriegt den tief eingehakten Kreidekreis-Stachel nicht mehr aus dem Herzen gerissen.

Umso größer, vielleicht auch folgerichtig, die Enttäuschung darüber, was Schilling am Freitag mit den Mitgliedern des zumindest schauspielerisch viel gelobten Oliver-Reese’schen Berliner Ensembles ablieferte. „Der letzte Gast“ hat Schilling zusammen mit Éva Zabezsinszkij auf Ungarisch geschrieben, die Dialoge, in die auch Schauspieler-Improvisationen eingeflossen sind, wurden von Anna Lengyel übersetzt.

Herausgekommen ist ein kaum sortiertes, klapperdürres Dialoggerüst, das sich auf einem Konfliktsammelsurium aufstapelt. Das Spiel ignoriert Schamgrenzen und jegliche sonstigen Widerstände. Wenn die Situationen nicht hinhauen, retten sich die Spieler nach der Methode „Augen zu und durch!“ mit Routinegriffen in den Mittelwerkzeugkasten des Boulevardtheaters: mit Kunstpausen, Requisitenspiel, Knatterchargen oder auf Pointe eingebauten Verzweiflungstönen.

Nicht nur ästhetische und spielerische Theaterklischees werden ausgepackt, auch auf inhaltlicher Ebene gibt es nur Abziehbilder zu sehen. Eine in den Siebzigern aus der DDR ausgereiste und zu Erfolg gekommene Opern-Diva (Corinna Kirchhoff) pflegt ihren dementen Mann, einen geisteswissenschaftlichen Akademiker (Wolfgang Michael), den sie aber nie geliebt, sondern eigentlich nur benutzt hat, um sich ein Kind (Bettina Hoppe) machen zu lassen und auf Familienzusammenführungsticket in den Westen zu kommen. Die Institutssekretärin (Judith Engel) ist viele Jahre lang eingesprungen, um des Gatten sexuelle Wünsche zu erfüllen („Er durfte alles bei mir. Weil ich das auch wollte!“)

Das Strindberg’sche Idyll einer am Lebensabend in ohnmächtigen Hass umschlagenden Ehe wird aufgemischt durch einen Fremden (Nico Holonics), der „geheimnisvoll“ sein soll, aber dessen Ungewöhnlichkeit einzig darin besteht, dass er, wiewohl er nichts kann, sehr anstellig ist. Und dass er – oh, Klassenschranken brechende Wunderkraft der Kunst! – bei einer Opernarie Tränen vergießt. Er fährt die Diva im Taxi nach Hause, gewinnt ihre Zuneigung, darf Laub auf ihrem Anwesen zusammenfegen (nicht einmal das kriegt er hin) und mit seinem Bielefelder Kumpel (Sascha Nathan) und dessen derzeitiger Flamme (Inka Friedrich) das nebenan gelegene Zweithaus renovieren.

Hier trinkt die frustrierte, gealterte Oberschicht grünen Tee, da gibt es Staub und Bier aus Dosen. Getrennt sind die Sphären nur notdürftig durch eine Plane. Es kommt zu einer Reihe von über Kreuz gebrochenen libidinösen Verirrungen – Erektionsstörungen hier, verfrühter Samenerguss da – die die Spieler in so expliziten wie hektischen Rempeleien ausagieren. Antagonismen zwischen Ost und West, Mann und Frau, Heimat und Fremde sowie zwischen Ober- und Unterschicht werden behauptet und durcheinandergewürfelt.

Das Bühnenbild (Ausstattung: Márton Ágh) illustriert diese dramatische Sperrmüllsammlung mit Polstermöbeln, die willkürlich und beziehungslos auf der leeren Bühne herumstehen wie auf die Schnelle für die Improvisationsproben herbeigeschafft. Offenbar ist man über die (selbstverständlich auch auf der Kostümebene) bediente klischeehafte Ausgangsgemengelage nicht hinausgekommen.

Was von den Spielern vorgeführt wird, ist in jedem Fall das erste, was einem zu den jeweiligen Typen-Rubriken einfallen würde. Und weil man schnell durch ist, wenn man Chargen hinstellt, die keine Entwicklung zulassen, gibt es einen Schnitt, die Bühne dreht sich zu kraftvoller Musik, um das nächste Setzkastenbild abzuhaken. Es scheint, als inszeniere Schilling den Erwartungen des hiesigen Publikums und den Anforderungen des Betriebs hinterher. Das könnte das wahre Verlorenheitsdrama dieses bitter gescheiterten Abends sein.

Berliner Ensemble: 20., 29. März, 5., 14., 26. April. berliner-ensemble.de

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