Sam Michelson und Pflanze. Lin Nan Zhang
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Sam Michelson und Pflanze.

Studio Naxos

Salatblätter fallen in Ohnmacht

  • vonMarcus Hladek
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Theater-Solo von Dorfproduct: „Nicht der Himmel, vorletzter Versuch“.

Als Genrename für das verschroben berückende Geschehen im Studioraum der früheren Naxos-Industriehalle sei die Botanisier-Performance in Vorschlag gebracht. 45 Minuten ohne dramatisch scharfes Ende dauerte sie in Simon Möllendorfs Regie und Choreografie und ginge auch als Soloperformance von Sam Michelson durch. Anwesend im Spielraum sind freilich nicht allein er, zwei Techniker und die Zuschauer, sondern auch und vor allem: fünf Topfbäumchen. Diese hängen in irren Winkeln an Seilen von der Decke wie Vektoren und sind über Klemmsensoren mit Geräten am Boden verbunden, um anhand der elektrischen Leitfähigkeit ihrer Blätter phyto-physiologische Vorgänge zu messen und in Laute umzuwandeln.

In alledem, und man denke sich bunte und Wärmeleuchten sowie die Projektion eines Fragments aus Tim Hollands Prosagedicht „Sedimente – Sedimente“ hinzu, wirkt die Ästhetik der Gruppe Dorfproduct, die sich für reduzierte, ritualisierte Vorgänge und Bewegungsstudien interessiert, um so Fragen zu Gemeinschaft und Zusammenleben zu erforschen. In „Nicht der Himmel, vorletzter Versuch“ geht zudem das Vorbild des seit den 1960ern von US-Geheimdiensten eingesetzten Lügendetektors ins Szenische über und wie dessen Erfinder, Cleve Backster, ihn eines Tages an den Drachenbaum anschloss. Wie sich ihm offenbarte, reagierte das Bäumchen auf gewisse Dinge hochsensibel und „Salatblätter fielen in Ohnmacht, bevor sie gegessen wurden“.

Was klingt wie eine Mixtur aus Experimentalwissenschaft, aristotelischer Seelenlehre und Hippie-Delirien à la Carlos Castaneda, generiert im Theater, nach wochenlanger Arbeit, die das an eigenen Pflanzen nachstellte: eine elektrisch-szenische Oberflächen-Leitfähigkeits-Studie. Ihr Titel „Nicht der Himmel, vorletzter Versuch“ klingt wie der selbstironische Kommentar auf eine solche Verortung, mit Michelsons Bühnen-Nudismus in Ritualposen als Surplus: ein Tänzchen als Bühnen-(un)Dressing auf besagtem Salat.

Sam Michelson, stellvertretend für uns, bewegt sich so langsam wie zeremoniös. Sitzt er anfangs im Raumzentrum, so löst er sich bald und macht im Hin und Her im Raum, zuletzt seine Beine in Seile wie die um die Pflanzen schnürend, im Prinzip das wahr, was die Textprojektion verkündet: „ich falle vertrauensvoll in die landschaft“. Wo Pflanzen als halbe Menschen geoutet werden, drängt sich der Umkehrschluss auf: der Mensch als etwas schnellere, artikuliertere und fokussierte Pflanze. Michelson spielt das im Licht-Dunkel zum steten Schall der mitgeschöpflichen Klick- und Schmatzlaute (Sounddesign: Michel Nölle) durch.

Naxosgelände Frankfurt:19., 24. Juli und im Oktober.studionaxos.de

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