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Am Ende fügt sie sich in ihr Schicksal. Szene aus Edward Clugs „Le sacre du printemps“.  

Hessisches Staatsballett

„Le sacre du printemps“ in Darmstadt und Wiesbaden: Fern ist der Frühling

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Das Hessische Staatsballett tanzt „Le sacre du printemps“-Choreografien von Bryan Arias und Edward Clug.

Der 29. Mai 1913 ist das Datum eines Skandals: An diesem Tag wurde in Paris „Le sacre du printemps“ von Vaslav Nijinsky, Choreografie, und Igor Strawinsky, Komposition, uraufgeführt. Sowohl der Tanz als auch die Musik erregten die Gemüter und führten zu heftigen Publikumsreaktionen, zu einem regelrechten Tumult. Ungesehen damals die eckigen, ruckhaften Bewegungen, die eingedrehten Füße. Unerhört die resolute, irritierende Polyrhythmik, die auch Nijinskys Ensemble zu schaffen gemacht haben soll. In der Folge aber gab es kaum einen wichtigen Choreografen, eine wichtige Choreografin, die sich nicht an einem „Sacre“ versuchten; manche setzten sich nur mit der Geschichte auseinander (die Strawinsky, wie er berichtete, als „Vision“ überkam), andere auch mit der Musik.

Das Hessische Staatsballett wagt nun einen „Sacre du printemps“-Doppelabend, der zwei sehr unterschiedliche Versionen anregend und ohne Überschneidungen zusammenbringt.

Bryan Arias, geboren in Puerto Rico, aufgewachsen in New York, wählte das Uraufführungsdatum „29 May 1913“ als Titel für sein 40-minütiges Stück. Schon öfter arbeitete der junge, aus dem Streetdance kommende Choreograf mit dem Musiker Dmitri Savchenko-Belski zusammen, der diesmal kurze Strawinsky-Sequenzen elektronisch verfremdet, zu herben, dräuenden Klangfolgen fügt. Die lebens-, signalroten Kostüme sind von Bregje van Balen entworfen.

Staatstheater Darmstadt:  5. März. Wiesbaden-Premiere am 15. März. www.hessisches-staatsballett.de

Das Publikum, das im Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters seine Plätze sucht, sieht sich gleich flächendeckend selbst im Bühnenhintergrund. Sieht auch immer wieder eine Tänzerin, einen Tänzer, aus dem Saal kommend unter einem Plastikvorhang durchschlüpfen nach hinten. Noch eine Weile bleibt das Saallicht an, während neun Tänzer nun beginnen sich zu ballen, auseinander zu stieben, Menschen-Ketten und -Wellen zu bilden. Wogende, webende Ensembles stoßen manchmal eine Tänzerin aus, man kann sie für das Opfer halten.

Die Atmosphäre ist dicht, aber nicht unbedingt bedrohlich. Arias scheint es mehr um Variationen vom Gemeinschaft zu gehen, um subtile Verschiebungen zwischen Menschen und Menschengruppen. Er hat auch mit Vanessa Shield und Ramon John ein Duett erarbeitet, das Beziehungsnuancen abbildet, gleichzeitig offen ist für Interpretationen. Und es gibt ein Solo, getanzt ebenfalls von dem prägnanten, optisch so auffälligen John, das mit expressiver Vehemenz glänzt.

In der Pause platziert sich das Staatsorchester Darmstadt im Orchestergraben. GMD Daniel Cohen wird nun Strawinskys „Sacre“ dirigieren zu einer ganz anderen Sicht auf Stoff und Musik: Edward Clug, international vielfach gefragter Choreograf rumänischer Herkunft, hat sein „Sacre du printemps“ 2012 für das Slowenische Nationaltheater Maribor erarbeitet. Es ist eine kraftvoll-raue Version, die auf die Energie und auch Symmetrie eines Ensembles setzt. Nur hell hautfarbene Höschen und Hemdchen tragen die zwölf Tänzerinnen und Tänzer, sie sind außerdem weiß geschminkt (Kostüme: Leo Kulas). Bei den Frauen verweisen Zöpfchen und rot gemalte Wangen auf die Ausstattung der Uraufführung.

Edward Clugs Choreografie ist muskulöser, aggressiver, kantiger als die Arias’. Über einem leeren, eingezäunten Platz (Bühne: Marko Japelj) schwebt eine zarte, kühle Theaternebel-Wolke. Weit scheint der Gedanke an Frühling an diesem kahlen Ort, auf dem sich das kalkblasse Ensemble überwiegend unisono einwippt, -stampft, -springt. Dann auch zu Paaren fügt, die sich scheinbar etwas aus dem Leib tanzen wollen. Fiebrig, aber eher nicht heiß und toll vor Liebe.

Wie eine kalte Dusche platscht später Wasser aus dem Bühnenhimmel. Es dient als effektvoller Schmierstoff: Eine liegende Tänzerin wird regelrecht über den Boden geschossen, die Frauen werden von den Männern im Kreis gewirbelt, schließlich gibt Jiyoung Lee den auf dem Wasserfilm gleitenden Schwan. Ein umwerfendes, melancholisches Bild. Denn kein Prinz wird kommen. Nur zwei Tänzerinnen, die das Opfer gleichsam waschen, und die sich schon drohend formierende Gruppe.

Vor diesem Abend könnte man durchaus daran zweifeln, dass das „Sacre“ noch anders und originell erzählt werden kann; nach diesem Abend hat man zwei überzeugende Versionen gesehen.

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