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Eine Kämpferin, eine Überlebende: Camilla Marcati in der „Sacre“-Hauptrolle.

„Sacre“

„Sacre“ im Pfalztheater: In Flut und Dürre

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James Sutherland erzählt in seinem „Sacre“ im Pfalztheater nicht von der Opferung, sondern dem Überleben einer Frau.

Die Geschichte des „Frühlingsopfers“, wie sie seit Vaslav Nijinskys skandalumtoster Uraufführung von 1913 unzählige Choreografinnen und Choreografen bearbeitet haben, kehrt nun James Sutherland, Tanzchef des Pfalztheaters Kaiserslautern, gleichsam um: Nicht eine junge Frau wird zum Wohle der Gemeinschaft, zur Beschwörung der Fruchtbarkeit geopfert, sondern sie überlebt als einzige die Gewalten der Natur. Sutherland lässt die Klimakatastrophe sich sogleich ereignen, per Video stürzen Fluten auf die Tänzerinnen und Tänzer ein, deren weiße Höschen und Bustiers (Kostüme: Rosa Ana Chanzá) sind auch recht bald rotbraun verschmiert von staubiger Erde (Bühne: Verena Hemmerlein) – Wetterextreme, (Sint)Flut und Dürre herrschen vor.

Das Orchester des Pfalztheaters unter der Leitung von Uwe Sandner spielt zuletzt auch Igor Strawinskys nur gut halbstündige „Le sacre du printemps“-Musik, aber um auf eine (pausenlose) Aufführungsdauer von knapp anderthalb Stunden zu kommen, hat sich Sutherland außerdem für „Weather One“ von Michael Gordon und „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“ von Arvo Pärt entschieden. Gordons „Wetter Eins“ bringt hochnervöse Streicher mit, Pärts „Cantus“ auch eine Totenglocke.

James Sutherland setzt dazu in seinem „Sacre“ fiebrigen Tanz in einen nüchternen Bühnenraum, nüchtern jedenfalls bis auf ein flaches Wasserbecken im hinteren Teil der Bühne. Im Gegenlicht fliegen effektvoll die Tropfen, wenn im udn durchs Wasser getanzt wird. Sonst gibt es nur noch Klappstühle auf der Bühne, damit wird einmal eine Art bittere Reise nach Jerusalem gespielt.

Aber alles beginnt im Paradies, wo die Menschen lässig herumlümmeln, Vögel zwitschern, Grillen zirpen. Das Paradies ist freilich von kurzer Dauer, schon laufen ominöse dunkle Streifen über den Horizont. Von da an ist auch kein Ruhen mehr, in rauer, eckiger Bewegungssprache, im Aufbäumen, Stürzen und wieder Aufbäumen rackern sich die zwölf Tänzerinnen und Tänzer ab – mit dieser Vehemenz steht Sutherland nicht allein, das „Frühlingsopfer“ verführt musikalisch und thematisch zu Furor bis zur Erschöpfung. Camilla Marcati ist diejenige, die zuletzt noch solo durchhalten muss, die dabei eine feine Expressivität, eine wilde Entschlossenheit zeigt.

Die archaische Geschichte der Opferung eines Menschen neu zu interpretieren, ist eine Herkulesaufgabe – vor allem auch wegen großer, dabei sehr unterschiedlicher Fassungen etwa von Maurice Béjart, Pina Bausch, Mats Ek. Durch die Umkehrung entgeht aber James Sutherland ein Stück weit dem Vergleich. Eine Handlung deutet er ohnehin nur an, entwirft vielmehr Tableaus, Bühnenpanoramen, die das Unterworfensein des Menschen unter die Natur symbolisieren – der sie einmal noch mit lächerlich kleinen Plastikregenjäckchen zu begegnen versuchen. Durchweg ist das Ensemble eine Gesellschaft für sich, isoliert. Durchweg trägt es auch Weiß, als hätten diese Menschen trotz des Wütens der Elemente noch nicht begriffen, dass es keine Räume mehr gibt für modische Eleganz. Die Jacketts liegen irgendwann als durchgeweichte Haufen im Hintergrund, während die mit rötlicher Erde beschmutzten Tänzer im Halbdunkel Schatten ihres vorherigen Selbst sind.

Die Choreografie ist nicht ganz ohne Längen, das liegt vor allem daran, dass Sutherland sich und den Tänzerinnen und Tänzern nach idyllischem Beginn fast keine Verschnaufpausen lässt, kaum Tempowechsel gönnt. Die bedrängte, trostlose Gemeinschaft weiß sich nicht zu helfen, wird von Verzweiflung erfasst, hat keine Zuflucht und keine Mittel, wirft sich darum mit immer neuen Anläufen in eine veritable Tanz-Raserei. Auch Intensität kann auf die Dauer ermüden; gleichzeitig kann man diesem Abend Vehemenz und auch Originalität nicht absprechen.

Pfalztheater,Kaiserslautern: 20., 28. Dezember, 7., 10. 15., Januar. www.pfalztheater.de

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