Tableau mit roter Fahne.
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Tableau mit roter Fahne.

Schauspiel Frankfurt

Die Sache mit der relativen Sicherheit

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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"Willkommen in Deutschland": Das Schauspiel Frankfurt kombiniert Kushner mit Streeruwitz.

Der neue Abend in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt ist ein Tony-Kushner-und-Marlene-Streeruwitz-Doppel, das den zynisch zu verstehenden Titel „Willkommen in Deutschland“ trägt. Es basiert auf einem an sich genialischen Einfall.

Als Tony Kushners Stück „A Bright Room Called Day“ (Ein helles Zimmer namens Tag) Mitte der Achtziger in New York herauskam, hatte der US-Autor bereits eine Beobachterfigur eingeplant: Sie schaut auf die Ereignisse im Berlin der Jahre 1932/33 – Ort und Zeit der Haupthandlung – und vergleicht US-Präsident Ronald Reagan besorgt mit Adolf Hitler. Das mag einem aus heutiger Sicht etwas überdramatisch erscheinen, gleichwohl stehen erneut Vergleiche im Raum.

Dabei geht es, wie bei Kushner, ja nicht so sehr um die entsetzlichen NS-Verbrechen selbst, sondern um das, was sie möglich gemacht hat: das Klima, in dem ein Mann große Zahlen von Wählerstimmen auf sich versammeln kann, der dafür keine Kreide fressen musste; die gesellschaftlichen Mechanismen also einer Machtübernahme; die Momente, in denen ein neuer Machthaber die gesetzlichen Grundlagen überschreitet und die Menschen darauf reagieren müssen. Die Aktualität liegt kurzum so offen auf dem Tisch, dass man neugierig darauf wäre, wie Kushners Reagan-Version jetzt wirken würde. Die Frankfurter dachten sich aber etwas Neues aus und Kushner war einverstanden: Die österreichische Autorin Streeruwitz schrieb die Passagen für die Beobachterin (Zilla ihr Name) neu, so dass „Willkommen in Deutschland“ jetzt eine Kombination ist aus Ur- und deutschsprachiger Erstaufführung (in Frank Heiberts Übersetzung).

Zilla bekommt darin nun viel Raum, einen unverhohlen Streeruwitz’schen Raum, in dem die bequem „flächige Schuld“ der Nachgeborenen so scharf kritisiert wie die Revolution unverdrossen eingefordert wird.

Eine weniger erwartete Folge davon ist, dass jetzt eigentlich beide, ineinander geschobenen Textteile offene Türen einrennen, energisch, aber eben auch plakativ und thesenhaft. Kushner lässt – ursprünglich ja für ein US-Publikum – die Schrecken der „Machtergreifung“ mit seinen wesentlichen Daten aus Sicht einer Handvoll Künstlerinnen und Kommunisten Revue passieren.

Streeruwitz zieht wortgewandt alles in Zweifel, sieht überall den doppelten Boden, verfolgt ihre eigenen Ziele – etwa die Enteignung der Tragödie, die immer den Mächtigen gehöre, Faust und nicht Gretchen, womit Streeruwitz an Kushner anschließt, der das Faust-Drama in einem in Deutschland spielenden Stück natürlich einbaut.

Der zu zermalmende Mensch

Etwas origineller ist der doppelte Boden, mit dem die Bühne von Anneliese Neudecker arbeitet. Die Decke senkt sich so weit herab, das sie mit dem Boden am Ende ein mit Schauspielern belegtes Sandwich ergibt. So geht die Geschichte mit dem Menschen um. Nur Zilla kann sich noch herauswinden. Carina Zichner ist in der Inszenierung von Nachwuchsregisseurin Katrin Plötner – Mitglied des Regie-Studios am Hause – Hauptbezugspunkt für alles. Wenn in der kleinen Wohnung von Agnes Eggeling die Freunde sich zum Jahreswechsel 1931/32 „relativ sicher“ fühlen und ein Jahr später noch immer hoffen und ein paar Wochen später in scharfe Bedrängnis geraten, schaut Zichner stets von der Seite aus zu. Sie ist durch und durch modern, spottbereit und streeruwitz’sch (Streeruwitz würde streeruwitzig sagen). Dem Publikum gegenüber ist sie auch fordernd, provozierend und oberlehrerhaft, wie nur die Jugend fordernd, provozierend und oberlehrerhaft sein kann.

Die Berliner Handlung, die praktisch zur Handlung in der Handlung wird, tritt bescheiden zurück. Plötner inszeniert das solide, trotzdem wirkt es im Ergebnis ziellos. Zu gut kennt man die Typen, die engagiert und fit vorgeführt werden: Jeanne Devos, Paula Hans, Sina Martens, Christoph Pütthoff, Lukas Rüppel und Jan Breustedt als die kühle und die aufgedrehte Schauspielerin, die mutige Kommunistin, der abgekochte, der schwule, der ideologiefeste Kommunist. Das ist engagiert und einleuchtend und bald doch zu naheliegend, um zwei pausenlose Stunden nicht als lang zu empfinden.

Man fühlt sich womöglich ein bisschen wie in der Schule. Das kann natürlich auch ein gutes Gefühl sein.

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