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"Die Dämonen"

Ein Tag als Russe in Umbrien

  • VonPeter Iden
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An entlegenem Ort zeigt Peter Stein seine Dramatisierung der "Dämonen" von Dostojewskij. Von Peter Iden

Der erste Versuch war fehlgeschlagen. An der Straße durch das Hügelland Umbriens zwischen Giove und Amelia keinerlei Hinweis auf Theater. Zunächst glatt vorbei gefahren an dem Waldweg mitten im Nirgendwo, von dem dann aber ein Bauer wusste, dass auf ihm die Località San Pancrazio zu erreichen wäre. Ein Anwesen, 100 Kilometer nördlich von Rom, 50 Kilometer südlich von Orvieto, das Peter Stein vor Jahren erworben hatte. An zwei Wochenenden war dieses Waldhaus in der Art einer Reit-oder Tennishalle jetzt der Mittelpunkt des italienischen Theaters. Mit 30 Schauspielern zeigte Stein dort seine Dramatisierung von Dostojewskijs "Die Dämonen".

Die Vorgeschichte war so abenteuerlich wie der Schauplatz und das Projekt selber. Das Theater in Turin hatte Stein für eine Inszenierung die "Dämonen"-Version von Albert Camus vorgeschlagen, die er jedoch als dem Roman nicht angemessen empfand. Er entwickelte eine eigene Fassung, dichter an der Vorlage. Ihre szenische Realisierung sollte in San Pancrazio geprobt werden, Premiere dann in Turin. Jedoch überwarf sich Stein mit der Verwaltung der Turiner Bühne, die den Regie-Auftrag schließlich zurückzog. Vor allem weil er sich den Schauspielern, mit denen er die Proben bereits begonnen hatte, verpflichtet fühlte, setzte er die Arbeit auf eigene Rechnung fort. Und zeigte das Ergebnis nun auf seiner Bühne in Umbrien: Vier Aufführungen von je zwölf Stunden Dauer, beginnend vormittags um 11 Uhr, unterbrochen von vier kurzen und zwei einstündigen Pausen. Der Regisseur sorgte mit einer Glocke dafür, dass die Pausenzeit von den immer nur 100 Zuschauern nicht um eine Minute überschritten wurde.

Der lange Tag war strapaziös, keine Frage. Aber auch so reich an theatralischen Begebenheiten, Überraschungen, Reizen, dramatischen Wendungen und Empfindungen wie sie in einem Theater intensiver kaum vorstellbar sind. Allmählich, Szene um Szene, begann die Realzeit sich anzugleichen der fiktiven Zeit der Handlung des Romans. Im Verlauf der vielen Stunden sind wir tief hineingezogen worden in die (allerdings italienisch sprechende) russische Gesellschaft um die Mitte des 19.Jahrhunderts, von deren Spannungen, Rissen, sehnsüchtig verlangten Umbrüchen Dostojewskij handelt.

Was wie ein Liebhaber-Projekt sich ausnahm, hat sich alsbald erwiesen als eine Unternehmung von höchster Professionalität und Genauigkeit. Das war nämlich die erste Überraschung: Peter Stein hat den italienischen Schauspielern alle falschen Pathos-Töne und Gesten abgewöhnt, zu denen sie sonst so sehr neigen. Sie sprechen und agieren hier ausnahmslos immer bezogen auf die Situation, in der ihre Figuren sich gerade befinden. Kein Entgleiten in die bloße Illustration also, in vom Text ungedeckte Affekte, hohles Tönen oder Getue. Vielmehr ist jeder Auftritt, mit nur einem minimalen Einsatz von Requisiten, nahezu ohne Bühnenbild, gestützt auf die Vorgaben der Sprache. Die Stunden der Aufführung wurden so zu Lehrstunden zumal (aber nicht nur) für die Schauspieler der heutigen italienischen Bühnen. Stein lieferte eine Art von Grundkurs in Hinsicht auf die Probleme der Schilderung von Menschen, deren individuelles Verhalten sich begründet aus den Umständen ihres Lebens, aus den sozialen Verhältnissen, von denen die Schauspieler, je genauer sie sich einlassen auf ihre Figuren, ein umso besseres, schärferes Bild geben.

Es sind die Verhältnisse in einer russischen Kreisstadt. Sie wird dominiert von der reichen Witwe Varvara Stavrogina. Maddalena Crippa entwirft die Darstellung dieser Frau mit einer im sprachlichen und gestischen Ausdruck außerordentlich disziplinierten Souveränität. Wer diese Schauspielerin zuletzt etwa als immerzu aufgeregte Mutter Courage am Mailänder Piccolo Teatro erlebt hat, konnte sie jetzt kaum wiedererkennen. Bei ihr Zuflucht gefunden hat der alte Verchovenskij, Philosoph und Ästhet, Träumer von einer Zukunft Russlands in Schönheit. Die Vorstellungen dieses Alten stehen gegen die konkreteren, obzwar nicht weniger diffusen Wünsche, die eine Gruppe junger Männer um Nikolaj, den Sohn der Stavrogina, bewegen. Diese Jungen personifizieren hinsichtlich der Zukunft des Landes unterschiedliche politische Positionen: Sie reichen von anarchistischen Konzepten bis zu menschenverachtend elitär-totalitaristischen Entwürfen, die den Stalinismus vorwegnehmen.

Im Verlauf eines von Stein hinreißend inszenierten Festes, dessen Stimmungen schwanken zwischen Lebenslust und Verzweiflung, treten diese Jungen mehr und mehr in den Vordergrund. In ihren Dialogen wie in den langen Monologen ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst durchdringen einander das Politische und das Private. Gott und die Welt, die russische Seele und das russische Land. Geduldig hat Stein dieses Ineinander entfaltet. Momente einer leisen Intimität - dann der Wechsel in die heftigen Debatten einer Gruppe von Revolutionären darüber, ob nicht einer der Ihren als Verräter zu liquidieren ist. In einer nächtlichen Aktion kommt es tatsächlich zu dieser Exekution.

Und am Ende zu einem großen Sterben. Es bereitet sich vor in dem zerfallenden, schließlich durch einen Brandanschlag getroffenen Fest. Stein spielte hier, mit lockerem Schwung desperat tanzend, einen der Gäste. Ganz anders, unbeweglich streng, sein Auftritt als Pope, dem der Sohn der Stavrogina (Ivan Alovisio, auffällig in seiner Erscheinung wie in der Verfügung über seine Mittel), mit dessen Selbstmord der Roman und Steins Bearbeitung enden, seinen Glauben an den Teufel beichtet. Aus dem Leben verschwinden die Jungen, aber in den Armen der reichen Witwe auch der schönheitssüchtige Alte des Anfangs. Von Dämonen besetzt waren sie alle. Diese so emphatisch nach Erlösung, nach dem "neuen Menschen" in einem neuen Land Verlangenden, unerlöst.

Einen hellen Tag haben wir mit ihnen verbracht. Bis die Nacht niedergesunken ist über Russland in Umbrien. Und die Theaterbilder des Abenteuers von San Pancrazio sich verwandelt haben in einen wirren Traum, unglaublich schon am Morgen des nächsten Tags.

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