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„Rusalka“ in Wiesbaden: Der Alptraum der Nixe

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Von: Judith von Sternburg

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Rusalka am schönsten, in ihrem Falle schrecklichsten Tag. Foto: Karl und Monika Forster
Rusalka am schönsten, in ihrem Falle schrecklichsten Tag. Foto: Karl und Monika Forster © Karl und Monika Forster

Die großartige Sängerin Olesya Golovneva singt und inszeniert in Wiesbaden „Rusalka“.

Olesya Golovneva ist eine großartige, sehr leibhaftige Rusalka. Mit Glück hat man sie in dieser Paraderolle – einer ihrer Paraderollen – in Christoph Loys kühler, durchgefeilter Regiearbeit für die Semperoper in Dresden 2022 gehört und gesehen. Ein so imposanter Abend ist das, dass es einem als echter Coup erscheint, die russische Sopranistin in Wiesbaden jetzt nicht nur als Protagonistin, sondern auch Regisseurin einer Neuinszenierung von Antonín Dvoráks Oper zu erleben.

„Rusalka“, eine unverhohlen moderne und abgründige Märchenoper, wird oft intensiv und beflügelt inszeniert, Barrie Koskys Berliner Lesart von 2011 ist fast ein Evergreen geworden und war vor ein paar Jahren auch bei den Maifestspielen im Staatstheater zu Gast. In Stuttgart frappierte Bastian Kraft in der vergangenen Saison mit einer Spiegelung der Wasserwelt durch fabelhafte Dragqueens. In Wiesbaden ist der Aufwand geringer, verlassen sich Golovneva und Ko-Regisseurin sowie Bühnenbildnerin Daniela Kerck ein gut Stück auf die Videos von Astrid Steiner, die die Nixe in stiller, bühnengroßer Unterwasserwelt zeigen. Ein eindrucksvoller Anblick, der sich auf Dauer ein bisschen totläuft, aber auch auf der Bühne selbst entwickeln Golovneva und Kerck ein reizvolles, seine letzten Geheimnisse durchaus wahrendes Märchen.

Der Undine-Stoff ist ja hier von ungewöhnlich tiefer Traurigkeit. Rusalka, die Mensch werden und einen Menschen lieben will und dafür zu Opfern bereit ist, gerät – zum Schweigen verurteilt, was eine Sängerin naturgemäß in eine schier unerträgliche Situation bringt – am Hof ihres Traumprinzen sofort in eine defensive Lage. Liebesglück kann man für keinen Moment erhoffen, stattdessen darf jetzt eine Rivalin, die noch bei Stimme ist, Rusalka an die Wand singen. Es ist ein geringfügiger Trost, dass der treulose, als sehr hochliegender Tenor aber keine Boshaftigkeit, sondern lediglich Schwachheit vermittelnde Prinz den Abend nicht überleben wird.

Golovneva und Kerck erzählen das zart und verrätselt. Auch hier gibt es – eine Wasseroberfläche als Trennungslinie zwischen zwei Welten mag das nahelegen – Doppelungen, Spiegelungen. Golovneva als Rusalka, die sich eingangs in ihr weißes Kleid (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer) so verwickelt, dass eine Art Fischschwanz erst entsteht und sie am Laufen hindert, ist nicht nur die Zwillingsschwester der anderen Nixen. Sie ähnelt auch der Fremden Fürstin, ihrer Rivalin, aufs Haar. Die wiederum trägt tatsächlich eine Perücke und ist darunter die druiden- oder buckelgeisthafte Hexe Jezibaba – eine Doppelbesetzung mit der überzeugenden Mezzosopranistin Katrin Wundsam, die in der Inszenierung zum Teil eines offenbar größeren Komplotts wird.

Der Prinz wiederum, Gerard Schneider, wird von dem Schauspieler Sascha Schicht gespiegelt, eine verblüffende Ähnlichkeit, aber Schicht ist 1,38 groß und zeigt einen lieblosen Dämon. Seine Kälte, während Schneider doch ein lieber Junge ist, macht ihn zum schaurigen Zerrbild, das sich Rusalka entzieht oder aufdrängt wie in einem Alptraum, der dem Regieteam vielleicht vorschwebte. Tatsächlich ist das Atmosphärische traumhaft gefühlsecht und ebenso nebulös, und wie im Traum denkt man erst hinterher darüber nach.

Die Quelle des Alps scheint ein Buch zu sein – dass zwischendurch das Cover von Prinz Harrys Buch zu sehen ist, ist eine kuriose Banalität am Rande.

Kristallklar unterdessen die musikalische Seite, Philipp Pointner dirigiert das Orchester mit Zug, Sinn fürs gespenstische Flitschen wie für die tanzbaren Partien und dabei stets mit ausreichend Raum für die Stimmen. Golovneva ist auch in Wiesbaden ein leidenschaftlicher und galamäßig großformatiger Rusalka-Sopran. Schneider, dem Frankfurter Opernpublikum wohlbekannt, kann den Prinzen wunderbar kernig singen, mühelos, geradezu leichtsinnig. Derrick Ballard ist der freundliche und trotzdem schreckliche Wassermann, sonor und seelenruhig wartet er mit dem – nach Rusalkas Mondschein-Song – zweitschönsten Lied des an Schönheit so reichen Abends auf.

Rusalkas Schwestern, Donata-Alexandra Koch, Nora Kazemieh und Sarah Mehnert, sind ein quicklebendiges Trio infernale, ihr Zicken, Zwicken, Zackern ist vielleicht die trefflichste Personenregie, die den Regisseurinnen gelingt. Stella An und Christopher Bolduc singen putzig fein das Höflings-Duett, während der von Albert Horne trefflich einstudierte Chor so kühl und fremd bleibt, wie alle Menschen gegenüber der armen Rusalka.

Staatstheater Wiesbaden: 27. Januar, 4., 8., 12., 16. Februar. www.staatstheater-wiesbaden.de

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