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„Rusalka“ an der Oper Stuttgart: Fischleins Himmelfahrt

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Von: Judith von Sternburg

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Die doppelte Rusalka: Esther Dierkes und Reflektra (mit blauem Schlingpflanzenhaar).
Die doppelte Rusalka: Esther Dierkes und Reflektra (mit blauem Schlingpflanzenhaar). © Matthias Baus

Fluide Identitäten und die, die das hassen: Bastian Kraft erzählt Dvoráks Märchenoper „Rusalka“ in Stuttgart so originell wie durchdacht.

Rusalkas trauriges Schicksal ist das der Nixen, die davon überzeugt sind, dass es mehr im Leben geben muss, als bei Mondenschein im Wasser hin und her zu schwimmen, oder im Kreis. Natürlich gibt es Möglichkeiten, sie bleiben jedoch kühl und trotz oder wegen der ungriffig fluiden Umgebung unverbindlich. Aber auch das Landtier Mensch fühlt sich von Rusalkas Unglück betroffen, spürt er durch sie doch den verletzlichen Anteil in sich selbst: die Sehnsucht nach Liebe und Hingabe. Ist das Ziel dieser Liebe und Hingabe es nicht wert, können die Folgen fatal sein. Keiner hat Mitleid mit dem Prinzen, der treulosen Lusche. Außer Rusalka.

Aber das ist die psychologische Seite. Denn andererseits gibt es womöglich wirklich kein erfüllendes Zueinander zwischen Mensch und Fisch. Obwohl es schöne Rusalka-Inszenierungen mit prächtigen Fischschwänzen gibt – unvergessen Barrie Koskys Berliner Inszenierung (die übrigens im Januar 2023 an der Komischen Oper wieder zu sehen sein wird) –, wird die Fremdheit häufig nicht sehr weit getrieben. Einen eigenen Zugang findet nun Bastian Kraft, der an der Staatsoper Stuttgart seine erste Oper inszeniert und dabei alle Vorurteile (der Rezensentin) gegen Schauspielregisseure im Musiktheater mit klugen, sich immer weiterentwickelnden Einfällen und einer insgesamt erstaunlichen Einlassung wegwischt.

Sie geht vor allem von Doppelungen und Spiegelungen aus, auf einer schwarzen, weitgehend naturbelassenen, aber mit Spiegel- und Projektionsraum ausgerüsteten Bühne von Peter Baur. Als eingangs drei Elfen von einer Galerie heruntersingen und unten drei Dragqueens tanzen, die – farblichen zuzuordnen – wie deren glamouröseren und beweglicheren Versionen wirken, kann man noch skeptisch sein: nie schön, wenn der Eindruck entsteht, die Regie widme sich nicht den Protagonistinnen und Protagonisten einer Oper, sondern setze Avatare ein, mit denen sie womöglich mehr anfangen kann. Hier liegen die Dinge anders. Erst nach und nach entfaltet sich, wie subtil und abwechslungsreich Kraft und das Ensemble mit dem Doppelgängerthema umgehen, einem hochromantischen in dieser 1901 uraufgeführten, aber der Romantik verpflichteten Oper. Das in Stuttgart auch ein Identitätsthema ist, indem die Spiegelbilder zugleich ein anderes Ich zeigen und sie zudem durch Technik und flinkes Umschminken ineinanderfließend können, zu fluiden (Geschlechter-)Identitäten.

Nur die Geister (nicht die Menschen) treten stets zu zweit auf – und können mit Spiegelung zu viert sein, nachher entsteht zeitweilig ein regelrechter Rusalkaknäuel. Die Elfen nähern sich erst im Laufe des Abends ihrem Dragqueen-Selbst (Schminktische stehen bereit). Der in Ton und Bild prächtige, mächtige Wassermann, Goran Juric, hat ein zartes, zurückhaltendes Spiegelbild, die Hexe Jezibaba hingegen, Katia Ledoux mit dunkel grundiertem Mezzo, tritt mit einem stets ebenbürtigen Zwilling auf, Judy LaDivina. Die Menschen sind angesichts dieser Vielfalt recht – eindimensional: einfach gemein, einfach überfordert.

Das Glück dieses Abends ist nicht zu trennen von dem ausgezeichneten Dirigat Oksana Lynivs, die mit dem Orchester bei jeder Gelegenheit – und „Rusalka“ enthält manche – sinfonische Klangqualität bietet. Das Süffige von Antonín Dvoráks Musik will reguliert werden, das Geisterhafte, Nächtliche, der klanggewordene Mondschein lässt sich dadurch hervorlocken, das Tanzbare wird raffiniert. Man kann das Volkstümliche auch ironisieren, aber mit Ironie hat dieser Abend nichts zu tun. Alle haben Sehnsüchte, auch wenn keiner sonst mit einer so golden süßen Stimme davon singen kann wie Esther Dierkes, also ausgerechnet die stumme Nixe selbst. Vielleicht noch der Tenor David Junghoon Kim als Prinz, für den sich aber wiederum niemand auf der Bühne wirklich interessiert. Sein Versagen liegt schnell zutage. Eine namenlose Aristokratin, die vermutlich Kunigunde heißt – Allison Cook präsentiert eine „Dallas“-Schurkin –, macht ihn fertig, Jezibabas Zauber gibt ihm den Rest.

Aber nein, ironisch ist das nicht. Ausgerechnet in der beseelten Welt der Menschen ist nicht die Liebe, sondern die aggressive Boshaftigkeit, die Missgunst zu Hause. Dort unten ist es wenigstens bloß kühl. Andererseits: Alle wollen hübsch sein (Schminkspiegel sind allgegenwärtig), die Choristen richten ihre Fliegen, die Choristinnen ziehen den Lippenstift nach. Menschen wissen, wie das geht. Rusalka weiß es nicht.

Normalerweise sieht man es ihr nicht an, auch Esther Dierkes ist wunderschön. In der garstigen Gesellschaft der Menschen übernimmt aber ihr Doppelgänger, ihre Doppelgängerin, der Tänzer Joel Small, der hier unter seinem Dragqueennamen Reflektra auftritt. Nie wieder wird man sehen, wie grauenhaft fremd Rusalka in dieser, unserer Welt ist. Zu groß, zu grätenhaft bleich die zu langen Glieder, viel zu ernst, eine Dragqueen, die keine Queen ist.

Erstens, weil Kostümbildnerin Jelena Miletic es nicht erlaubt und unterm Kleid den Tänzerkörper sehen lässt, die Schlingpflanzenfrisur dazu eher grotesk als königlich, die Schminke trotz des Geglitzers gespenstisch. Zweitens, weil eine Dragqueen vieles sein mag, aber scheu ist sie nicht. Die Reflektra-Rusalka ist so scheu, dass sie in einer Ritze verschwände, wenn sie könnte, aber dafür ist sie immer noch nicht dünn genug. Drittens, weil die Menschen hier auch gar nicht wüssten, was das ist, eine Dragqueen. Was sie merken: Rusalka gehört weder zur Damen- noch zur Herrenchorseite, während sie selbst schon nicht weiß, wohin mit sich und ihrem staksigen Körper, wird sie hin- und hergeschubst. Das andere ist für sie ein Monster.

Kraft treibt das Fließende noch weiter. Während Esther Dierkes Reflektra immer ähnlicher wird, schlüpft aus jener schließlich der Tänzer und Mann Joel Small hervor. Eine Desillusionierung, keine Lösung. Gleichwohl wird er zur musikalisch wagnergroßen Schlussapotheose mit Fischschwanz zum Bühnenhimmel aufsteigen. Gekicher im Publikum kann ein Indikator dafür sein, dass diese Idee weniger ideal ist. Andererseits liegt Trost darin. Man kann ihn brauchen.

„Rusalka“ ist immer eine deprimierende Oper, diesmal – während der Regie und Ausstattung das Wunderwerk gelingt, märchenhafte Bilder mit beinharter Erkenntnis zu verknüpfen – ist sie abgrundtief deprimierend.

Staatsoper Stuttgart: 16., 19., 24. Juni, 2. Juli. www.staatsoper-stuttgart.de

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