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Der Philosoph am Tisch, die Vergangenheit um ihn her: „Benjamin“ am Theater Heidelberg. Foto: Sebastian Bühler

Musiktheater

Mit dem Rücken zur Wand

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Peter Ruzickas wirkungsvolle Oper „Benjamin“ am Theater Heidelberg.

Den Mut zur verflixten zweiten Inszenierung fasste jetzt das Theater Heidelberg und widmete sich Peter Ruzickas Oper „Benjamin“, 2018 in Hamburg uraufgeführt. In einer Welt, in der neues Musiktheater noch am ehesten auf breiteres Interesse stößt, wenn es wirklich nagelneu ist, braucht es einen kleinen Anlauf zur zweiten Runde, die vielleicht die Chance auf eine dritte erhöht, wer weiß.

„Benjamin“, das zeigte sich in Heidelberg eindrucksvoll, will es dem Publikum gewiss nicht schwer machen. Vielmehr ist es so, dass das ordentlich kopflastige Libretto von Yona Kim eine große, ernste, zuweilen ins Süffige gehende Opernmusik beigesellt bekommt. Deren komplexe, vielfältige (einen zweiten Dirigenten erfordernde) Form – von scharfen Rezitativen bis zu schmerzlich schönen Ensembles, vom Kinderliedlein bis zum oratorischen Chorstück – hindert den geschmeidigen Fortgang des Abends nicht. Die Handlung, eher: die „Handlung“, muss das Publikum assoziativ an sich vorüberziehen lassen. Auch dürfen Zitate geraten werden, denn Yona Kim und Ruzicka lassen neben Walter Benjamin unter anderem Hannah Arendt, Gershom Scholem und Bert Brecht zu Wort kommen. Es ist imposant, wie die „sieben Stationen“ des Werks trotzdem zum intuitiv sich erschließenden Alptraum eines Verlorenen werden.

Benjamin, der am Rande Europas ohne reelle Fluchtchancen vor den deutschen Landsleuten dem Suizid entgegensehende Philosoph und Intellektuelle, blickt in loser, nur in Traumlogik nachvollziehbarer Abfolge auf Lebensstationen und Begegnungen zurück. Die gar nicht immer so diffusen, sogar unangenehm konkreten Ängste der Kindheit, die Begeisterungskraft der Kommunistin Asja Lacis, in die Benjamin sich verlieben wird, die robusten Weltbilder von Brecht oder Scholem bekommen intensive Momente und machen Benjamin selbst oftmals zum Zuschauer seines eigenen Lebens.

In Heidelberg scheint er in einer zitatreichen Eingangssequenz mit dem fabelhaft einsatzfreudig agierenden, sprechenden und singenden Chor (Ines Kaun) überhaupt erst aus der Menge herausgepflückt zu werden. Miljenko Turk bekommt Anzugjacke, Brille und Schnauzer angereicht und verwandelt sich vor unseren Augen vom Zeitgenossen in den tragischen Titelhelden, dem er einen hervorragend profunden, dabei angemessen beweglichen, „sprechenden“ Bariton bieten kann.

Das wie Zufällige (Schicksalshafte) dieses Anfangs passt zu dem Versuch von Regisseur Ingo Kerkhof, die Szenen auf Anne Neusers dunkler, karg mit Stühlen und Tischen eingerichteter Bühne und in Inge Mederts gedeckten Kostümen möglichst aus sich selbst zu entwickeln. Wie von ungefähr tauchen die Figuren auf, einige im Zuschauerraum. Es ist ein Kommen und Gehen, das Benjamin nicht verhindern und nicht beeinflussen kann.

Auf einmal steht Brecht – dessen Episches Theater ohnehin die Inszenierung prägt – mit Zigarre vor der ersten Reihe, der resolute Tenor Winfrid Mikus. Enorm ist die gleißende Strahlkraft von Yasmin Özkan als Asja mit einschränkungslosem kommunistischen Enthusiasmus. Enorm ist auch die Leistung des Orchesters, das sich unter der Leitung von Elias Grandy (mit Johannes Zimmermann) scheinbar problemlos in die aufwendige, durchaus vertrackte Situation findet.

Der Beifall keineswegs schlapp. Und auch der 70-jährige Peter Ruzicka weiß, dass die zweite Inszenierung mindestens so wichtig ist wie die erste, und reiste ebenso zur Premiere nach Heidelberg an wie die Librettistin (und Uraufführungsregisseurin) Yona Kim.

Theater Heidelberg,Marguerre-Saal: 17. Februar, 7., 12., 22., 24. März. www.theaterheidelberg.de

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