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Die Meistersinger vor dem wundersamen Gewerk. Mit Sonnenbrille: Eve, inkognito.

„Meistersinger“ in Mainz

Die rosarote Variante

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„Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner am Staatstheater Mainz: Imposant gesungen, unbefangen erzählt, mit einer Ausstattung, die mehr verspricht, als sie halten kann.

Der 3. Akt von der „Meistersinger von Nürnberg“ besteht aus zwei Stunden der Wahrheit. Am Staatstheater Mainz zeigte sich dabei jetzt Folgendes:

Erstens bewiesen die Sänger weit mehr Stehvermögen, als es selbst an größeren Häusern häufig der Fall ist: Den hauseigenen Stolzing, Alexander Spemann, schien es nicht zu stören, die Strophen seines Wettbewerbsliedes ein ums andere Mal zu singen, und als er beim sechsten Mal doch etwas mehr Druck auf die Stimme geben musste, war man geradezu erleichtert. Dem Hans Sachs des Amerikaners Derrick Ballard waren die Strapazen der vorangegangenen Strecke nicht anzumerken. Der Wahn, die Meisterverteidigung und der unsägliche Schluss gestalteten sich nicht nur angstfrei für das Publikum und hoffentlich auch ihn, sondern von unalltäglichem, teils anrührendem Wohlklang.

Zweitens kippte der Regisseur des zutiefst munteren Abends, Ronny Jakubaschk, so viel rosarotes Licht und fliederfarbene Papierschnipsel auf den berüchtigten Schluss, dass dieser einfach daherkam, als könne er kein Wässerchen trüben: eine Möglichkeit, ein Inszenierungstrend, nämlich wieder entspannter nach dem Erzählgehalt von Wagner-Opern zu schauen und weniger auf die Politik.

Stolzing: „Hä?“

Ob es gerade hier funktionierte, war durch Reste von Unentschlossenheit nicht ganz zu entscheiden: Wollte Jakubaschk jetzt auch ironisch sein oder lieber doch versöhnlich? Im allgemeinen Rosarot bat jedenfalls der Aristokrat Stolzing das Volk nach vorne, das sich mit der üblichen Zähigkeit einer Masse mit den Meistersingern vermengte. Und er zog auch den blamierten Beckmesser wieder auf die Bühne. Schön: Spemanns lebhafte Mimik, als Sachs sich gegen die Welschen wendet, zeigte ein sehr modernes, sehr lässiges „Hä?“

Insgesamt sind die neuen Mainzer „Meistersinger“ ein musikalisch am Schluss aus guten Gründen regelrecht bejubelter Abend: Zu Ballard und Spemann kommt Vida Mikneviciute als glühende, geradezu unterbeschäftigte Eve mit einem für das Mainzer Haus zu groß werdenden Sopran. Erforderliche Nuancen stehen ihr aber zu Verfügung. Wie überhaupt die Finesse der Beteiligten aus dem Quintett der Liebenden und Guten (die Genannten mit Michael Pegher als David und Linda Sommerhage als Lene) die „Rosenkavalier“-Qualitäten herauslockte.

Heikki Kilpeläinen schließlich ist ein keineswegs geduckter Beckmesser, ein Mann mit gutem Friseur und mit strahlender Stimme, die hören ließ, dass sein eigenes Wettbewerbslied keine Lächerlichkeit ist, und auch seine, sagen wir mal: ihrer Zeit vorausgehende Interpretation des Stolzing-Liedes von einigem Reiz. Dieser Beckmesser ist ein Schnösel & Connaisseur, aber eine Karikatur ist er nicht.

Denn fabulierend, nicht wertend hat Jakubaschk seine Inszenierung angelegt. Das ist zumal im ersten Akt packend, der, als der Vorgang sich öffnet, die Bühne voller Chor zeigt. Man ist in einem seltsamen Handhaltungsritus begriffen, der Stolzings Fremdheit in diesen bürgerlichen Kreisen gleich herausstellt.

Das Haarwunder

Hier hofft man auch noch, dass sich das vage futuristische Bühnenbild des Ausstatters Matthias Koch, mit leuchtenden Röhren und einer aparten Apparatur zur optischen Täuschung im Laufe der Zeit erklären und die Handlung voranbringen wird.

Das ist aber nicht der Fall, und das gilt auch für die kleidsamen, unverstaubten Kostüme. Sie versprechen für die Meistersinger einen Futurismus nach Art von Jules Verne, für Stolzing & Eve gar Science-Fiction auch von unserer Zeit aus betrachtet (inklusive der Außergewöhnlichkeit, dass Eves Haare von Akt zu Akt von Grün nach Rosa sich färben, mehr in Richtung Stolzings Rotschopf, eine Wahlverwandtschaft, wie sie Goethe noch nicht eingefallen wäre). Letztlich entscheidet sich Jakubaschk aber für eine konventionelle Personenführung.

Im 2. Akt scheint er das Inszenieren sogar für eine Weile einzustellen, das erst bei der großen Schlacht wieder einsetzt. Eine Kissenschlacht, aber eine, die es in sich hat. Die Freude eines Regisseurs daran, einen Chor in große Bewegung zu setzen, zahlt sich beim Zuschauen fast immer aus. Das prächtige Schlachtengemälde mit Plumeau wiederholt sich im 3. Akt als lebendes Bild. Hier ist auch die Personenführung wieder intensiver.

Das Orchester unter Hermann Bäumer spielt einen unbefangenen, unbelasteten, gutgelaunten Wagner. Auch hier, wie für die Regie (eine Seltenheit bei einer Wagner-Produktion) ausschließlich froher Beifall. Der größte aber für die Sänger.

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