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Die Kammerdiener am Hofe des, äh, Hahns.

Staatstheater Wiesbaden

„Romulus der Große“ in Wiesbaden: Alle Hühner fliegen hoch

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Dürrenmatts „Romulus der Große“, in Wiesbaden unter das Federvieh verlegt.

Romulus Augustulus, das historische „Kaiserlein“, saß als Teenager nur etwa ein Jahr lang auf dem weströmischen Thron. Dann wurde sein Vater Orestes vom Germanen Odoaker getötet, Romulus abgesetzt, man gewährte ihm immerhin aufgrund seiner Jugend Gnade.

Friedrich Dürrenmatt allerdings hatte anderes mit ihm vor, machte ihn in seiner 1949 uraufgeführten „ungeschichtlichen historischen Komödie“ zu „Romulus dem Großen“, einem langjährigen römischen Herrscher mit Interesse nur an der Hühnerzucht und mit der Ambition, seine Herrschaft und sein Reich abzuwickeln. Was ihn bei Dürrenmatt „groß“ sein lässt, ist die Einsicht, dass das kolonialistische Unrechtsregime, dessen Kaiser er ist, in den Mülleimer der Geschichte gehört. Er tut darum nichts – und wie verstört sind deswegen seine Untertanen! -, um das Reich vor den anrückenden Germanen zu retten. Schon gar nicht würde er jemals sagen: Rome first.

Eine bühnenbreite Treppe, mehr nicht, baut nun Philip Rubner für „Romulus der Große“ ins Kleine Haus des Wiesbadener Staatstheaters, denn Regisseur Sebastian Sommer setzt in pausenlosen anderthalb Stunden vor allem auf eine (Ausstattungs-)Idee: Er lässt in aufwendigen Kostümen, entwickelt von Wicke Naujoks, den gesamten Kaiser- zum Hühnerhof werden.

Dem Ensemble sind Schnäbel ins Gesicht geklebt (den Text macht das nicht unbedingt immer gut verständlich), Stoffzipfel lassen Federn assoziieren. Hübsch aber vor allem, wie man sich typische Hühnerbewegungen antrainiert hat, ein Kopf-Schieflegen und Blinzeln, angedeutetes Picken und Sich-Schütteln, ruckartiges Staksen. Romulus, Matze Vogel, trägt außerdem unter dunkelroten Pailletten einen Bauch wie ein liegendes Ei vor sich her. Seine Frau Julia, Karoline Marie Reinke, ist sexy im pink-weißen Kostümchen, hat allerdings kaum noch Federn auf dem Kopf. Innenminister Tullius Rotundus, Benjamin Krämer-Jenster, schaut aus einem ehrwürdigen Federkragen. Atef Vogel, der als Spurius Titus Mamma die schlechte Nachricht vom Nahen der Germanen zu überbringen versucht (Romulus will es aber partout nicht hören), ist ein schon ziemlich blutig gerupftes Huhn. Und weil er so lange nicht mehr geschlafen hat, steckt er sich Streichhölzer unter die Lider.

Es picken in diesem agilen Gehege zudem Christian Klischat, Christoph Kohlbacher, Felix Strüven, als Kammerdiener-Paar Klara und Maria Wördemann und David Campling herum.

Sehr drollig, aber geht es nicht auch um Politik

Die Rädchen der Dürrenmattschen Groteske bringt Regisseur Sommer nun in Wiesbaden mit seinen tapferen Hühnern zu noch schnellerem, zu noch kurioserem Schnurren, er treibt die Absurditäten ins vollends Überkandidelte. Discosound (Musik: Jan Brauer) und Konfettikanone, Theaternebel und Bällebad kommen zum Einsatz.

Tochter Rea, Lina Habicht, probt nicht nur wie im Original die Antigone, sondern rappt „Alle Hühner fliegen hoch“. Indessen ihr Vater nach einem weiteren weichen Ei verlangt und die Kammerdiener prompt zur Stelle sind. So drollig und kurzweilig ist der Abend, dass man darüber vergessen kann, dass er doch auch eine politische Botschaft hat.

Staatstheater Wiesbaden,Kleines Haus: 19., 20., 21., 23. Februar, 1., 15. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

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