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Städtische Bühnen in Frankfurt am Main.

Städtische Bühnen

Roland Burgard zur Frankfurter Theaterdebatte: „Es fehlt an politischer Führung“

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Der Architekt Roland Burgard über die straffe Entwicklung des Frankfurter Museumsufers – und über seine Vorschläge zu einer Sanierung der Theaterdoppelanlage.

Roland Burgard, 1942 in Stuttgart geboren, studierte Architektur an der TH Karlsruhe. 1977 kam er an das Hochbauamt der Stadt Frankfurt, wo die Bauten am Museumsufer sein Arbeitsschwerpunkt waren. Von 1990 bis 1998 leitete er das Amt, danach übernahm er eine Professur am Institut für Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Herr Burgard, Sie haben ein Buch über das Frankfurter Museumsufer geschrieben. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden damals zehn wichtige Kulturinstitutionen, mit denen Frankfurt in den Rang einer internationalen Kulturstadt aufrückte. Wie war das möglich?

Das Museumsufer war eine Team-Leistung. Es fanden sich damals Menschen, die zusammen konnten und zusammen passten. Ganz eindeutig.

Wer waren die wichtigsten Akteure?

Roland Burger.

Da war der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann, der als CDU-Politiker eine große Fähigkeit zur politischen Moderation besaß. Da gab es den Stadtkämmerer Ernst Gerhardt (CDU), der uns politisch den Rücken freihielt. Da war natürlich der sozialdemokratische Kulturdezernent Hilmar Hoffmann. Ich vergleiche Hilmar Hoffmann immer mit Curd Jürgens. Er besaß das gleiche Auftreten und die gleiche Ausstrahlung. Und dann gab es den Baudezernenten Hans-Erhard Haverkampf (SPD), der morgens unter der Dusche schon die ersten Einfälle hatte.

Und da waren Sie, als Fachmann im städtischen Hochbauamt, später lange als dessen Amtsleiter.

Ich will mein Licht nicht unter den Scheffel stellen, jedoch meine Rolle auch nicht überbewerten. Mein Beitrag bestand zunächst darin, die Architekten für die einzelnen Museen zu finden. Mein Anspruch war schon: Nahezu Weltklasse. Ich habe versucht, jüngere Architekten zu engagieren, die erkennbar auf dem Sprung waren. Das ist mir auch gelungen. Ich besaß die Rückendeckung des stellvertretenden Hochbauamtsleiters Hans-Joachim Kirchberg, der zu mir sagte: „Bübchen, mach!“ Er hat mir freie Hand gelassen. Er war ein sehr kunstsinniger Mensch, tief in der Kunstszene verwurzelt.

Warum konnten die Museen damals so schnell entstehen? Ein solches Tempo öffentlicher Kulturbauten ist heute überhaupt nicht mehr vorstellbar.

Ich war studierter Architekt, aber ich konnte auch Haushaltspläne lesen. Ich wusste, wie viel Geld im Etat vorhanden war. Also habe ich die Raumprogramme der Museen passgenau zugeschnitten. Ich habe Sie dann dem Baudezernenten vorgetragen. Der musste sich wiederum mit dem Kulturdezernenten ins Benehmen setzen. Hoffmann musste die politischen Beschlüsse im Magistrat herbeiführen. Das Gute war, dass die Stadt die notwendigen Grundstücke am Sachsenhäuser Mainufer schon seit 1962 Stück für Stück gekauft hatte. Die SPD war dann mit dem Programm eines Museumsufers in die Kommunalwahl 1977 gestartet. Das Museumsufer war also ursprünglich ein SPD-Projekt, auch wenn die CDU dann die Wahl 1977 gewann.

Die Museen waren im Vergleich zu heute unglaublich preiswert. Können Sie sich noch an einzelne Kosten erinnern?

Aber ja. Das Filmmuseum zum Beispiel kostete 14,7 Millionen Mark, das Architekturmuseum 12 Millionen, das Kunsthandwerkmuseum 43 Millionen, das Museum für Vor-und Frühgeschichte 32 Millionen. Ich habe mich bei den Architekten sehr unbeliebt gemacht, weil ich sehr aufs Geld geschaut habe. Ich habe jedes Museum mit Minderkosten abgerechnet, jedes Mal mindestens eine Million weniger als geplant. Ich lernte: Die architektonische Qualität war den Politikern leider ziemlich egal, aber Mehrkosten und Verzögerungen kamen bei denen immer ganz schlecht an.

Das Buch
Roland Burger: Das Museumsufer Frankfurt. Architekten und Bauten. Birkhäuser / DeGruyter, Berlin u.a. 2020. 176 Seiten, 34,95 Euro.

Heute diskutiert Frankfurt über den Neubau der Städtischen Bühnen für 900 Millionen Euro. Wie kommt es zu einer solchen Summe?

Wissen Sie, ich zweifle sehr an der Rolle des Baudezernenten. Der müsste bei so einem Projekt ganz eng politisch führen. Er müsste jede Woche nachfragen, wie eigentlich der Stand ist. Ich vermisse politische Führung. Es fehlt an politischer Führung bei den Bühnen. Die Politiker müssen ganz klar eine finanzielle Obergrenze für das Vorhaben definieren. Tatsächlich aber ist das Raumprogramm für die Städtischen Bühnen einfach immer weiter gewachsen. Aber die Kommunalpolitiker müssen sich auch um das Museumsufer kümmern.

Was meinen Sie damit?

Nun, die Häuser sind mehr als 30 Jahre alt, sie müssen saniert werden. Die Museen stehen aber auch vor einem technischen Umbruch durch die Digitalisierung. Das Museum für Moderne Kunst muss saniert werden, das Architekturmuseum und das Liebieghaus. Und es braucht endlich zentrale Werkstätten für die Museen und ein zentrales Depot. Darüber wird immer nur geredet, aber nichts geschieht. Die Frankfurter Museen stehen aber in einem weltweiten Wettbewerb. Gerade hat der Louvre eine Dependance in Abu Dhabi eröffnet.

Noch einmal zurück zu den Städtischen Bühnen. Wie ist Ihr Ratschlag als Fachmann?

Ich sage: Bitte den Standort Willy-Brandt-Platz nicht aufgeben! Ich rate dazu, die Bühnen zu sanieren, aber richtig. Nicht abreißen! Viele Bestandteile wie etwa die Werkstätten, die ja noch ganz neu sind, oder die Obermaschinerie der Bühnen können erhalten werden.

Mit welchen Kosten rechnen Sie bei einer Sanierung der Theaterdoppelanlage?

Mit etwas mehr als 200 Millionen Euro. Schon 2018 hat Haverkampf, der als Baudezernent den Wiederaufbau der 1987 abgebrannten Oper in die Wege geleitet hat, in einem Interview mit einer Tageszeitung einen Betrag von 170 000 000 Euro genannt. Seither liegen die Ergebnisse vertiefter Untersuchungen vor. Dennoch glaube ich, dass eine Halbierung der momentan diskutierten Summe von 900 000 000 Euro möglich sein müsste. Um diese Obergrenze zu halten, müssen die Politiker allerdings Konflikte durchstehen. Sie müssen jede Anforderung kritisch hinterfragen, sie dürfen auch die Auseinandersetzung mit den Intendanten nicht scheuen. Aber dazu ist ein Baudezernent da!

Was können die Kommunalpolitiker von heute aus der Geschichte des Museumsufers lernen?

Disziplin. Die Politiker müssen vermitteln, dass nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Die Politik muss bei den Städtischen Bühnen so bald wie möglich einen Preis definieren. Der Oberbürgermeister müsste das moderieren im Magistrat. Und zwar hinter den Kulissen und nicht in der Öffentlichkeit. Und diese Obergrenze bei den Kosten muss dann auch verteidigt werden. Neben dem Baudezernenten sind hier auch die Kulturdezernentin und der Planungsdezernent gefragt, weil ihm die Bauaufsicht untersteht, die für den Brandschutz zuständig ist. Noch einmal: Heute fehlt es an politischer Führung.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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