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Treffliche Stimmen, wendige Akteure: Daria Kalinina und Stephan Bootz.

Staatstheater Mainz

Ein Rock für zwei muss genügen

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Eine reduzierte, aber ansprechende „Nozze di Figaro“ am Mainzer Staatstheater.

Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“: die auf Täuschung und Irrläuferei beruhende Turbulenz im gräflichen Schloss, wo der Hausherr es auf die Kammerzofe abgesehen hat. Die und der Rest des Hofes haben auch so ihre Interessen, und die werden in der Neu-Inszenierung des 1786 entstandenen Werks, die Elisabeth Stöppler am Staatstheater Mainz besorgt hat, allesamt auf den Nenner gebracht: sex moves everything. Unterm Strich landen über kurz oder lang die Guten wie die Bösen, die Gierigen wie die Enttäuschten auf den Brettern in obligater Sitz- und Liegegrätsche. Derweil das höfische Bodenpersonal von Beschließerin, Gärtner oder Richter ab und an wie aufgezogen über die Bühne rennt.

Die ist ein kahler Transitbereich, in dem zu Beginn alle Spieler mit Gesichtsmasken aufgereiht sind. In reizvollen Kostümen, die Susanne Maier-Staufen kreiert hat: Mixturen eines rokoko-artigen und zeitgenössischen Textil-Exhibitionismus, der eine Augenweide ist. Beim Entblättern, namentlich des Grafen, kommen zudem gestrapste Bein-Strümpfe und ein Leder- oder Lack-Korsett-Mieder zum Vorschein. Die Masken, die in Phasen einschlägiger Offenbarung auch abgenommen werden, sind die einzigen Attribute. Reduktion, die zur Klärung in Da Pontes Libretto mit seinem umständlichen Verwirrspiel viel beiträgt.

Zwar ist über die horizontalisierten Kontraposte hinaus in Körperhaltung und -gestus nicht viel Nennenswertes zu vermelden, aber die aufrechten Stellungen der Protagonisten wirken dank ihrer schönen Kostüme im leeren und trefflich beleuchteten Raum, der sich schließlich in der Garten-Szene nach hinten in die vernebelte Schwärze der Nacht öffnet (Bühne: Annika Haller, Licht: Stefan Bauer).

Das Austeilen von Gewehren an eine Art misogyne Männerwehr im Garten durch den verärgerten Figaro sowie die antipathischen Gesten des Chors gegenüber den Herrschaften wirken amüsant und aufgesetzt. Gewitzt dagegen die Szene, wo lediglich ein einziger Rock für das gleichzeitige Versteck-Bedürfnis von Graf und Cherubino zur Verfügung steht. Das Kleider-wechsele-dich-Spiel in den Täuschungsstrategien von Gräfin und Susanne bezüglich Cherubino hat ein paar genderistische Obertöne, die ja in der Operngattung seit deren Beginn dank Rockrolle der Kastraten und späterer Hosenrolle der Soprane ihre Heimstätte immer schon hatten.

Gesanglich sind Graf Almaviva und Figaro die Schwerpunkte in Mainz: sowohl Brett Carter als auch Stephan Bootz haben tragende, markante, in allen Lagen sicher geführte, gut durchartikulierte Stimmen. Zur selben, jugendlichen Altersgruppe gehörend, sind sie auch glaubwürdige und wendige Akteure. Gleiches gilt für die weibliche Seite, wo die Gräfin Nadja Stefanoffs durch einen aristokratischen Habitus besticht und einen zu dramatischer Artikulation befähigten Sopran zur Geltung bringt. Zuletzt wird sie in Business-Class-Kluft abflugbereit erscheinen. Alexandra Samouilidou belässt, bei aller nötigen Gewandheit, ihre Susanna im Bereich des Ernstzunehmenden und setzt dabei ihre dezente, ziselierende Stimme sehr gut ein. Solenn Lavanant-Linke ist als Cherubino perfekt. Stimmlich sowohl als auch in der Geschlechtermaskerade. Gudrun Pelker, Stefan Stoll, Steven Ebel, Don Curziop, Daria Kalinina und Dogus Güney machen in den gar nicht so kleinen kleineren Rollen trefflich Stimme und Figur. Valtteri Rauhalammi leitet umsichtig aber auch etwas bedächtig das hervorragend intonierende Staatsorchester. Der Chor singt homogen und ohne grell zu sein.

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