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Ins Gespräch kommen ohne Sprache: Nicht einfach.

Theater

„Robinson und Crusoe“ in Frankfurt: Grenzen sind zum Essen da

Das Frankfurter Theater Grüne Soße zeigt im Theaterhaus „Robinson und Crusoe“.

Zuerst eine Hand, dann das eine Bein, der Arm, dann der ganze Körper. Aus einer hohlen Box kommen Extremitäten hervor, wie Ranken umschlingen die Gliedmaßen die Außenwand an der Öffnung des Würfels – bis ein Mensch zum Vorschein kommt. Die Person befindet sich auf einer ungleichmäßigen, leicht gebeugten Plattform, die alles mögliche sein könnte. Die Erkenntnis, dass es kein Fortkommen geben wird, kommt schnell; zumindest erweckt die Reaktion des Neuankömmlings den Eindruck, als könne der Ort nicht verlassen werden.

Fauchen, trommeln, springen

„Robinson und Crusoe“ heißt das Zwei-Personen-Stück von D’Introna & Ravicchio, seit den achtziger Jahren vielfach inszeniert – so auch zur Eröffnung des Frankfurter Theaterhauses 1991. Zwei Männer finden sich im Nirgendwo wieder. Der erste ist im Besitz eines Deos, der andere im Besitz einer Kaugummipackung. Sie kennen sich nicht und sprechen nicht dieselbe Sprache. In einem intensiven Körperspiel lernen sich die zwei Unbekannten kennen. Sie gehen aufeinander zu, gehen auf Distanz und kämpfen miteinander. Sie fauchen, sie trommeln und springen sich an. Ein ständiges hin und her – ein Übertrumpfen des Körpereinsatzes. „Stop!“ – Der Kampf ist vorbei. Fürs erste.

Der im Kalten Krieg zu verortende Originaltext handelt von zwei feindlichen Soldaten, die sich kennenlernen, mit der Zeit den Menschen ineinander sehen und einen respektvollen Umgang miteinander erlernen. Die Neuinszenierung im Theaterhaus, von Sigi Herold und Willy Combecher als Co-Regisseur, meint aber nicht nur die Grenzen zwischen Ost und West. Dem Theater Grüne Soße geht es nach eigenem Bekunden um die Grenzen „zwischen Religionen, wirtschaftlichen Klassen“ und die Grenzen, die unsere eigenen Biografien und unsere Identität bestimmten – etwa durch die Frage der Zugehörigkeit.

Nach erneutem Tanz (Choreografie: Katharina Wiedenhofer), diesmal weniger aggressiv und versöhnlicher, setzen sich die beiden Unbekannten, gespielt von Benjamin Cromme und Ole Bechtold, auf den Boden und versuchen sich am ersten Gespräch. „Do you speak english?“ „Parlez-vous français?“ Während es Cromme mit den uns bekannten Sprachen versucht, kommen aus dem dichten Bart Bechtolds unverständliche Laute einer fremden Sprache hervor. Die Sprache, das Instrument der Verständigung, erscheint vollkommen nutzlos. Nach weiteren Machtkämpfen, wilden Gesten und stetig ansteigender Spannung mit einer Portion aus Hysterie und Unbehagen, sitzen die beiden so da, zwischen ihnen eine mit Kaugummi aus einer Meterrolle gezogenen Linie, die als Grenze fungiert. Mit der Zeit schwindet die Grenze, die Protagonisten verständigen sich, zumindest tun sie so, und einigen sich auf einen gemeinsamen Nenner: „Ein guter Tag ist heute.“ Dabei verspeisen sie, gänzlich im Gespräch vertieft, das Kaugummi – bis die Grenze verschwunden ist.

So ist das auch mit dem Ende. Als nämlich der eine beginnt, sehnsüchtig über Fragen des Lebens zu reden, platzt ihm der Kragen: „Ich muss hier weg!“ Er geht und lässt den anderen zurück. Sein Gewand, von dem er sich im Eifer des Gefechts trennen musste, liegt auf der Plattform. Es gibt keine Grenzen mehr.

Das Stück überzeugt durch seinen ausdrucksstarken Körpertanz und lässt für die Zuschauer ab elf Jahren viel interpretatorischen Spielraum. Jedes Motiv bietet Diskussionsstoff, und die vielen Fragen, die offen bleiben, regen zum Philosophieren an.

Termine

Theaterhaus Frankfurt: 12. September, dann wieder im November. www.theaterhaus-frankfurt.de

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