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Das Team: Asha, Paul, Eddie.

Rémond-Theater

Rémond-Theater Frankfurt: Von der Zukunft und vom Wandel

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„Macht, Moral und Mauschelei“ von Alistair Beaton im Rémond-Theater.

Wie es bei intelligenter politischer Satire häufiger der Fall ist, wurde auch Alistair Beatons „Feelgood“, 2001 uraufgeführt und in Frankfurt jetzt unter dem Titel „Macht, Moral und Mauschelei“ zu sehen, von der Realität vielfach links und rechts überholt. Es schadet dem Stück an sich nichts. Eine interessante Folge ist bloß, dass erst die Szenen, in denen es anfängt, wirklich wild zu werden – wenn etwa die Folgen des illegal zu Bier verarbeiteten genmanipulierten Hopfens auf den männlichen Organismus zur Sprache kommen –, den Eindruck vermitteln, in einer Komödie zu sitzen.

Die ganze großartige Anfangssequenz hingegen wird heutzutage geradezu durchgewunken: Dass Redenschreiber Paul und Spin Doctor Eddie eine wichtige Parteitagsrede für ihren Premierminister ausschließlich aus sinnentleerten Worthülsen rund um „Zukunft“, „Wandel“ und „Erneuerung“ zusammenstöpseln, fällt kaum noch ins Auge. Es wirkt wie normale Arbeit im Büro eines Politikers. Auch den beiden fällt es kaum auf. Sie sind in anderen Fragen des Lebens echte Zyniker, aber wenn sie texten, blühen sie auf. Nett ist es, dem quicken Stefan Schneider als Eddie und Fabian Goedecke als Paul in Frankfurt dabei zuzuschauen. Es ist auch nicht unvertraut, dieses Hantieren mit Floskeln, etwas vertrauter, als es einem angenehm sein kann.

Beaton schickt dann noch einen Gagschreiber ins Team, Simon, der dem Politikersprech mehr Jugendnähe geben soll: Marcus Abdel-Messih ist wunderbar fehl am Platze, vor allem gelingt es ihm, nicht zu sehr zu übertreiben.

Der Schotte Beaton, Jahrgang 1947, hatte beim Schreiben die eigenen Leute im Visier. Im opportunistischen und moralische Phrasen mit enthemmter Wirtschaftsfreundlichkeit irgendwie kombinierenden Gerede lässt sich Tony Blairs und Gordon Browns „New Labour“ erkennen. Für Brown, liest man, war der Autor auch selbst kurzzeitig als Redenschreiber tätig. Ironie, Fügung, was soll man dazu sagen?

Je nach Ort und Zeit der Aufführung lässt sich das im Stück immer leicht noch etwas aktualisieren. Natürlich müssen heute kurz der „Scheiß-Brexit“ und der Klimawandel erwähnt werden. Das verwässert die Stoßrichtung ein wenig, andererseits ist das Teil des Witzes: Wo sich Politik alle Optionen offenhält, lässt sich auch jedes Thema in jeder Färbung noch einfügen. Aktuellste englischsprachige Politikertypen allerdings, das macht die Rede des Premiers, zu der es am Ende tatsächlich kommt, deutlich, werden von Beaton freilich noch nicht erfasst. Auch ließen sie sich nicht ohne weiteres integrieren.

Die schlaue Konstruktion, die Beaton gewählt hat, führt „Feelgood“ zu einem bitterbösen Finale, das dem Publikum eine Tonne Zynismus vor die Füße lädt. Das Ende ist praktisch die halbe Miete. Zumal es vorher in Frank-Lorenz Engels Inszenierung für das Rémond-Theater doch recht bedächtig zugeht. So klug der Versuch ist, nicht zu überdrehen und den Text für sich wirken zu lassen – und, ja, er wirkt –, so arg gedämpft erscheint über weite Strecken die kleine Truppe in Bettina Neuhaus’ schöner, kühler Hotelsuite. Dabei ist der Druck doch enorm. In die Vorbereitungen zur großen Rede platzt der Hopfen-Skandal. Und Eddies frühere Frau, die Journalistin Liz, Maja Müller, ist längst vor Ort und der Geschichte auf der Spur. Wenig hilfreich für Eddie, aber amüsant fürs Publikum: die überloyale Assistentin Asha, Carolin Freund, und der abgehalfterte Parteifreund George, Martin Zuhr.

Vielleicht strafft sich das über die Wochen: Die freche, kühle Routine, die im Stück waltet, würde man gerne auch auf der Bühne sehen – eine Art „West Wing“-Atmosphäre, falls Sie sich an die US-Serie aus optimistischeren amerikanischen Tagen erinnern.

Fritz Rémond Theater,Frankfurt: bis 16. Februar. www.fritzremond.de

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