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Rimini Protokoll mit „All right. Good night.“ in Frankfurt: Wenn Menschen verschwinden

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Von: Stefan Michalzik

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Jetzt im Mousonturm Frankfurt: „All right. Good night.“ – Theater ohne das übliche Theater, aber mit minimalistischer Musik von Barbara Morgenstern. Foto: Merlin Nadj-Torma
Jetzt im Mousonturm Frankfurt: „All right. Good night.“ – Theater ohne das übliche Theater, aber mit minimalistischer Musik von Barbara Morgenstern. Foto: Merlin Nadj-Torma © Merlin Nadj-Torma

„All right. Good night.“ von Rimini Protokoll ist ein zeitgenössisches Requiem, jetzt im Frankfurter Mousonturm zu sehen.

In diesem Stück ist eine grundlegende Sache anders als sonst bei Rimini Protokoll. Die Wirklichkeit in Gestalt realer Akteure und Akteurinnen ins Theater zu holen: das ist die Idee des vor zwanzig Jahren gegründeten und genrebildenden Kollektivs um Helgard Haug, Daniel Wetzel und Stefan Kaegi.

In „All right. Good night.“ beschäftigt sich Helgard Haug mit dem Phänomen Verschwinden und Verlust – und niemand steht auf der Bühne. Jedenfalls kein „Experte“ des realen Lebens wie sonst, wohl aber fünf Musikerinnen und Musiker sowie ein im Programmzettel als „Hands“ ausgewiesenes Bühnenarbeiterpaar. Diese Auseinandersetzung mit der Demenzerkrankung von Haugs Vater – im vergangenen Jahr das „Stück des Jahres“ bei der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“, es war eingeladen zum Berliner Theatertreffen und zu den Mühlheimer Theatertagen – ist nun auch am Frankfurter Mousonturm zu sehen.

Da geht es nicht zuletzt auch um ein Experiment. Was passiert, wenn das übliche Zentrum des Theaters, der Mensch auf der Bühne, fehlt. Erzählt wird in erster Linie mittels einer endlosen Folge von Schrifteinblendungen, die auf einen Gazeschleier vor der Szenerie mit der als Strandtouristen und -touristinnen inszenierten Musikcombo projiziert werden. Gesprochen werden auf der Bühne lediglich die Kapitelüberschriften, passagenweise kommen Stimmen aus dem Surround-Off.

Am Strand tauchen Wrackteile von einem Flugzeug auf. Das allmähliche Verschwinden des Vaters in der Demenz über acht Jahre hinweg hat Helgard Haug mit dem nicht genau geklärten Fall des im März 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur verschwundenen Flugzeugs der Malaysia Airlines mit der Flugnummer MH370 verschnitten. Die Musik von Barbara Morgenstern für Violine, Klarinette, Baritonsaxofon, Bass und Schlagzeug schafft Atmosphären in Anlehnung an den musikalischen Minimalismus.

Dieser Abend präsentiert sich auch als eine Feier seiner formalen Mittel. Er ist perfekt „designt“. Polierte Oberfläche, wie in der Popmusik. Auf der Ebene des Texts geht es um eine parallel geschnittene, doppelte dokumentarische Bestandsaufnahme. Da sind Beobachtungen, teils Selbstbeobachtungen von zunächst kleineren Aussetzern. Der Vater legt – Stichwort Würde – genau fest, wie mit ihm umgegangen werden soll, wenn er nicht mehr selbst über sich bestimmen kann. Mit Blick auf das zweite Motiv werden erhebliche Mengen an detailliert recherchiertem Material aufgeboten, etwa um die Organisation eines Flugzeugstarts oder um den aufwändigen Versuch einer Rekonstruktion des Falls und der Suche nach dem Wrack.

Vor allem aber auch handelt das Stück von dem Umgang der Angehörigen mit dem Verschwinden. Am Absturz besteht kein Zweifel, die Gründe und der Ort indes haben sich nicht klären lassen. Und so sprießen die Verschwörungsspekulationen. Und bei manchen auch eine verzweifelte Hoffnung, Jahre später noch. Das ist der Versuch eines zeitgenössischen Requiems. Material auf rationaler Basis präsentiert es, zugleich suggeriert es in einer eher zweifelhaften Art die Aura eines Mysteriums, mit einigem Pathos am Schluss der gut zwei Stunden.

Mousonturm Frankfurt: 23. September. www.mousonturm.de

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