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Lina Beckmann (r) und Kristof Van Boven in „Richard the Kid & the King“.
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Lina Beckmann (r) und Kristof Van Boven in „Richard the Kid & the King“.

Salzburger Festspiele

„Richard the Kid & the King“ in Salzburg: Mamasöhnchen, blutgierig

  • VonK. Erik Franzen
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Karin Henkel startet bei den Salzburger Festspielen mit einem Shakespeare-Doppelschlag.

Gedärm, grelle Textilien, ein Strick, leere Flaschen, weiße Leichensäcke und Blutspuren verunzieren den Boden der schwarzen, leicht geneigten Drehscheibe, die den Mittelpunkt des Spiel- und Handlungsraums von „Richard the Kid & the King“ bildet: eine Hölle auf Erden. Ein schwarzes Loch. Regisseurin Karin Henkel schaltet in ihrer Inszenierung bei den Salzburger Festspielen zwei Dramen zusammen. Miteinander verwoben, ergeben die beiden Shakespearschen Historien-Schreckenskammern „Heinrich VI“ und „Richard III“ ein vierstündiges unterhaltsames Spektakel, das von den Masken tragenden Zuschauerinnen und Zuschauern frenetisch gefeiert wurde – weil es mehr ist als ein lauter Mord-Abend.

Über der schwarzen Scheibe, die fast den gesamten Bühnenraum einnimmt, reicht ein Himmel aus beweglichen Kugellichtern, mal farbig, mal weiß, bis in den Zuschauerraum – fast immer durchdrungen von Nebelschwaden. Mit poetischem Minimalismus bereitet Katrin Brack in der alten Salinenhalle der Perner-Insel in Hallein die düstere Bühne, auf der das großartige Ensemble regiert. Lina Beckmann und Kristof van Boven ragen heraus und lassen den Abend nach gefühlt sehr langer Theater-Abstinenz zum Fest werden.

Zu Verbündeten ihrer nie enden wollenden Gewalttaten macht Lina Beckmann das Publikum mit ihren Hinwendungen und Erklärungen, sie ist ein lispelnder, schreiender, wimmernder und weinender Richard III., das Königsmonster der Theatergeschichte par excellence. Gebannt, angeekelt und vielleicht ein bisschen lustvoll fasziniert starrt man auf diesen Dreckskerl in weißem Hemd und schwarzer Hose, in seiner Rohheit und Verletzlichkeit, mit Augen, so schwarz umschminkt, als hätte dieser Mensch noch nie geschlafen. Irritierend wirken Beckmanns Monologe, in denen Richard sich outet in seiner Zerrissenheit und Blutgier, dennoch nicht patriarchalisch, sondern einfach menschlich.

Weit mehr als ein bloßer Sidekick ist Kristof van Boven als tänzelndes, singendes Wunderwesen im Tüllkleidchen. Mit seinem Figurencluster (er spielt Heinrich VI., Königin Margaretha, Prinz Edward und Lady Anne) und seinen behenden Rollenwechseln und wechselnden Tonlagen enttäuscht er immer wieder die Erwartungen des Publikums. Nach langem Zögern gibt er als Margaretha auf verstörende und nachvollziehbare Art dem Werben Richards um seine oder ihre Hand nach – sich dem Mörder des Vaters und Mannes hinzugeben ist ja nicht so simpel, aber wollen wir nicht alle nur geliebt werden?

Schon zu Beginn des ersten Teils möchte „Richard the Kid“ ein Pferd, und der verunstaltete Junge bekommt sein weißes Schaukelpferdchen mit rotem Gestell. Ständiger Zurückweisung durch die Mutter (rabiat Kate Strong) und dem Mobbing seiner Brüder ausgesetzt, Eddy (Kate Strong hier wunderbar kauzig und versoffen) und George (Bettina Stucky derb wie verloren), wächst Richard im tosenden Gewaltumfeld eines Game of Thrones auf. Aus dem in die Welt Geworfenen wird im Lauf des zweiten Teils der vollentwickelte Tyrann in Glitzerjackett, der gleichwohl bis zu seinem Tod das gedemütigte Kind bleibt, am Ende wieder auf seinem Schaukelpferd völlig gestört dem eigenen Untergang entgegenwackelnd. Er ist mehr als ein um sich ballernder Hooligan. Dieser Richard sehnt sich nach Nähe und kann sie doch nicht zulassen – und wird als Mamasöhnchen gelesen, der massenhaften erweiterten Suizid begeht.

Vor allem durch die Textbearbeitung gelingt es dem Team um Karin Henkel, das Historiendrama im Heute ankommen zu lassen. Basierend auf Tom Lanoyes Shakespeare-Übersetzung entsteht ein sehr gegenwärtiger Sprachfluss, schnell, mit sich überlagernden Ebenen, Sprachen vermischend. So viel Umgangssprache, Beleidigung, so viel Broken English war selten. Vermengt mit Trump-Talk ergibt sich eine derartige Verrohung der Sprache, dass sie zur Entsicherung der Gesellschaft fast zwangsläufig führen muss. Lange Zeit stellt sich niemand Richard entgegen. Der Kronrat nicht, die Leibwächter nicht. Obwohl sie alle Richard durchschauen (was nicht schwer ist), machen sie mit, werden zu Bystandern oder sogar zu Mittätern, die Babys ermorden, weil sie Angst haben oder profitieren wollen oder irgendwie doch auf des Königs Umgarnungen hereinfallen. Wir haben nichts gewusst, kann jedenfalls keiner glaubhaft behaupten. Sie haben es gewusst.

Doch das ist noch nicht alles. Noch eine Schicht ist in dieser Inszenierung angelegt, eine Reflexion auf das Theater selbst. Richard ist derjenige, der als Direktor immer wieder gezielt Anweisungen an seine Mitspieler gibt: Auftritt! Abtritt! Und indem „er“, Lina Beckmann, das Publikum über ihr „Wechselspiel“ in verschiedenen Rollen und mit allem und jedem stets auf dem Laufenden hält, werden alle zu Mitspielenden.

Morbid bleibt es trotz komödiantischer Sprachbrechungen bis zum Schluss – auch gelenkt durch die Endzeit-Elektrosounds von Arvild J. Baud. Denn selbst das Schlussbild mit einem verzückt tanzenden Kristof van Boven in viel zu großer weißer Unterhose und Krone auf dem Kopf als neuer Herrscher verstört: Ob dieser König ein Heilsbringer werden wird? Oder reiht er sich ein als ein Weiterer, der das System der Macht fortschreibt? A kingdom for a way out.

Salzburger Festspiele: 27., 28., 30., 31. Juli, 2., 4., 5. August. www.salzburgerfestspiele.at

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