„Puz/zle“

Der Rhythmus der Steine

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Cherkaouis Tanzstück „Puz/zle“ in Wiesbaden.

Die besondere Kunst des Sidi Larbi Cherkaoui besteht vielleicht vor allem darin, Personen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenzubringen – und mit ihnen ein Stück entstehen zu lassen, das wie aus einem Guss wirkt. In „Puz/zle“, uraufgeführt 2012 in Avignon, am Ort eines Steinbruchs, geht es sogar dezidiert um diese Begegnungen. Die korsische Männervokalgruppe A Filetta ist beteiligt mit fast sakralen Gesängen, die libanesische Mezzosopranistin Fadia Tomb El-Hage, der Japaner Kazunari Abe mit Percussion und Shinobue (Flöte). Und natürlich Cherkaouis Ensemble Eastman, beheimatet in Antwerpen.

Aus Anlass der Maifestspiele gastierte Eastman – unter diesem Markennamen produziert Cherkaoui auch – mit dem rund zweistündigen „Puz/zle“ im Großen Haus des Wiesbadener Staatstheaters. Das muss es schon deswegen sein, weil aus „Fels“-Quadern von den Tänzern immer wieder anderes gebaut, geschichtet wird, eine Treppe für Riesen, ein Tempel, Schacht, eine Mauer, Säulen. Ziemlich schnell wird offensichtlich, dass es auch um die Menschheitsgeschichte geht, um Zerstörung und Neubeginn.

Wie lauter Sisyphosse krabbeln in schwarze Pluderhosen gekleidete Tänzerinnen und Tänzer die gestapelten Quader hoch, gleiten ab, rutschen runter. Einer stürzt in einen Schacht, die anderen werfen ihm Steine hinterher. Wollen sie ihn töten? Die grauen Steine dienen später als Rhythmusinstrumente. Zeremoniell anmutende Reihen werden gebildet. Die Sänger stellen sich immer wieder dazu oder in den Hintergrund; schlicht schön sind ihre Lieder, ein wenig melancholisch auch.

Überhaupt scheut sich der belgische Choreograf nicht vor Pathos – ohne es zu übertreiben. Er ist nicht missionarisch, hebt nicht den Zeigefinger, aber seine Stücke haben doch auch stets eine Botschaft. Und sei es, dass sie, wie „Puz/zle“, von den kriegerischen Irrwegen des Menschen ebenfalls erzählen. Miharu Toriyama hat dafür grau-martialische Kostüme entworfen, ehe das Ensemble später sozusagen in Zivil, in legerer Kleidung auftritt.

Cherkaoui braucht wenig, um trotzdem noch einmal Kriegsassoziationen entstehen zu lassen: ein Tänzer sprayt kleine Hubschrauber-Umrisse auf einen der Quader. Und es ist doch interessant, dass man nicht als erstes an Rettungshubschrauber denkt, sondern an solche, die Soldaten und den Tod bringen. Und schon wird das Ensemble zu Flüchtenden, läuft durcheinander, stürzt, stirbt. Eine Frau geht durch die Liegenden, scheint nach Überlebenden zu suchen.

Dieses getanzte Menschheitsgeschichte-Puzzle ist überwiegend dunkel, die Bewegungssprache schmeichelt dem Auge nicht, bricht eckig, kantig, intensiv aus den Körpern. Es sind bisweilen hochartistische Eruptionen, die Akteure werfen sich buchstäblich in den Tanz, oft in einem Solo. Dazwischen stehen beeindruckende, kraftvolle Ensemble-Bilder. Und damit man nicht ganz verzweifelt, klebt der Schönklang des Gesangs immerhin ein paar Pflaster auf die Seele.  

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