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Siri Hustvedt, zwischen Schauspielerin Ellen Schulz-Krandick und Alf Mentzer.

„Damals“

Der Rhythmus des Lebens

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Die US-amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt im ausverkauften Schauspielhaus Frankfurt.

Memories of the Future“ heißt der neue Roman von Siri Hustvedt im Original, der deutsche Titel „Damals“ wirkt daneben ziemlich schlaff. „Erinnerungen an die Zukunft“ aber, wusste ihr kundiger Gesprächspartner Alf Mentzer, war schon belegt: durch ein vor Jahrzehnten veröffentlichtes Sachbuch von – ausgerechnet! – Erich von Däniken. Im ausverkauften Frankfurter Schauspielhaus war die US-amerikanische Schriftstellerin bei einem gemeinschaftlich von Literaturhaus und Hessischem Literaturforum ausgerichteten Abend zu Gast.

Der Roman (FR vom 5. März) ist nicht zuletzt ein Buch über die Erinnerung, mit essayartigen Passagen. Die 2016/17, zum Zeitpunkt der Niederschrift 61-jährige Autorin blickt zurück auf ihr eigenes Selbst als 23-jährige Frau, die im Herbst 1978 gerade vom heimatlichen Minnesota nach New York gekommen ist. Die Erinnerung an eine Zeit, in der die Zukunft vollkommen offen war, darauf sei sie aus gewesen, so Hustvedt. Erinnerung baue man sich, im Sinne der Nachträglichkeit bei Freud, in der Gegenwart zusammen. Man ironisiere die Dinge, oder man fühle sich ein; ein traumatisches Erlebnis wie eine im letzten Moment noch vereitelte Vergewaltigung transzendiere man. Mit Blick auf das fiktionale Schreiben sagte Hustvedt, dass die Dinge sich beim Schreiben wahr anfühlen müssten. Erinnerung wiederum brauche nicht dem tatsächlichen Verhalt nach zutreffend zu sein, vielmehr müsse sie uns – ähnlich der Kunst – mit Blick auf die Zukunft weiterhelfen. Gute Prosa im Übrigen sei, gleich der Lyrik, „essentially rhythmic“. Schließlich sei uns der Rhythmus auf vielen Ebenen eingeschrieben. Vom Gehen und Atmen bis zu Herzschlag und Sex.

Auf die Frage, warum sie sich gerade jetzt mit dieser Lebensphase beschäftigte, sagte Siri Hustvedt entwaffnend plausibel: weil sie alt sei. Sie habe die – für sie einstmals aufregende – Stadt wieder besuchen wollen, in die sie damals gezogen ist.

Die Regeln der Männer

Weibliche Widerständigkeit gegenüber einer Welt, die von männlichen Regeln bestimmt wird, befand Hauke Hückstädt vom Literaturhaus eingangs treffend, ist ein Motiv, dass das ganze Werk von Siri Hustvedt durchzieht. Ausführlich ging es um den in dem Buch vorkommenden Fall der heute weitreichend vergessenen Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven. Auf deren mutmaßliche Urheberschaft am für die Kunst des 20. Jahrhunderts bahnbrechenden Urinal, die Marcel Duchamp sich angeheftet hat, werde in vielen Museen nach wie vor nicht hingewiesen. Der Sexismus, so Hustvedts Befund, sei noch lange nicht überwunden.

Stichwort Donald Trump. Natürlich sei es wichtig, dass die Journalisten seine Lügen richtigstellen, die „tide“ – Flut – lasse sich damit allerdings nicht wenden. Gleichwohl gab Siri Hustvedt sich zuversichtlich: die progressive Bewegung sei stärker. Was zu hoffen ist.

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