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Die Rheintöchter beim Selfie mit Alberich.
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Die Rheintöchter beim Selfie mit Alberich.

„Das Rheingold“ in Stuttgart

„Rheingold“ in Stuttgart: Freiheit, die er meint

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Stephan Kimmig absolviert in Stuttgart „Das Rheingold“ ohne weitere Folgen.

Die Staatsoper Stuttgart war die Mutter des gemischten „Rings“, wie er seither auch in Karlsruhe, Chemnitz oder Essen probiert wurde. Das ist kompromisslos und bequem: einerseits die Freiheit, einem Abend von Richard Wagners disparater Tetralogie ohne die Verpflichtung zur Rundung zu begegnen, andererseits, klar, ist es so nicht gedacht. Zudem steht die Frage im Raum, ob es nicht bloß leichter ist, nicht alles auf den 16-Stunden-langen Atem eines Konzepts zu setzen (Stefan Herheims Koffer-Menschenmenge-Unterwäsche-Ring in Berlin vermittelt gerade etwas davon).

In Stuttgart 1999 war Joachim Schlömers stilisiertes Badeanstalts-„Rheingold“ ein frappierender Auftakt, der Beweis dafür, dass die Separierung einen neuen, freien, nämlich gänzlich zukunftslosen Blick ermöglichen kann (dass völlige Freiheit nur ohne Zukunft möglich ist, jedenfalls ohne einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden: krass). Diesmal macht (der gebürtige Stuttgarter) Stephan Kimmig den Anfang, bei der Wiedervorlage des Konzepts am Ursprungsort. Nimmt sich Kimmig alle Freiheiten? Wenn man so will. Kommt viel dabei heraus? Geht so.

Das Motto ist ein auf die Bühne projizierter Wagner-Klassiker aus „Die Revolution“ von 1848: „Zerstören will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme teilt, denn sie macht aus allen nur Unglückliche.“ Das muss man sich merken, denn das ist sozusagen die Idee des Abends.

Die Bühne von Katja Haß zeigt die Gestänge-Überreste eines abgewrackten Zirkuszelts, Anja Rabes’ Kostüme greifen das natürlich auf, Wotan, Goran Juric, trägt einen Zirkusdirektorenfrack mit Pailletten, Fricka, Rachel Wilson, könnte Artistin sein, ihre Brüder Donner und Froh, Pawel Konik und Moritz Kallenberg, sind es auf jeden Fall. Dass sich Kimmig die Freiheit nimmt, sich für das berühmte Ehepaar gar nicht zu interessieren, gibt dem Rest der Familie mehr Raum. Selten hat man Donner und Froh so entschieden agieren sehen - na ja, in kleinen Tretautos herumsausen, aber sie sind voll bei der Sache – und so prächtig singen gehört. Freia, Esther Dierkes, hingegen ist wohl in einer Ausprobierphase, jenseits der in ihrem Fall besonders lästig wirkenden „Rheingold“-Handlung dreht sie ihr eigenes Ding.

Auch sonst wird das meiste rasch erledigt, unmythisch, dafür mit Videobildern aus dem Leben der Figuren (Rebecca Riedel) aufgefüllt. Die Rheintöchter, Tamara Banjesevic, Ida Ränzlöv und Aytaj Shikhalizade, sind gelangweilte Eliteinternat-Luder jenseits fließender oder stehender Gewässer, die den obdachlosen Alberich, Leigh Melrose, piesacken (im szenischen Endeffekt kurios, dass Kimmig Assoziationen an die „Fridays for Future“ hatte), im Walhall-Zirkus wird im Hintergrund Vertikalseilakrobatik geboten, während im Vordergrund die Zirkus-Atmosphäre reine Ausstattungsentscheidung bleibt. Dass Clown Mime, Elmar Gilbertsson, in Nibelheim wohnt, spielt ebenfalls keine Rolle. Der Tarnhelm, schöne Idee, wenn auch ein wenig einsam, funktioniert wie eine VR-Brille nur für einen selbst, Alberichs Überwältigung scheint Kimmig und das Ensemble so zu langweilen, dass sie sich das Ringen und Fesseln mit wegwerfender Handbewegung schenken. Stimmt, immer dasselbe. Von Wotan und dem aggressiven Loge, Matthias Klink, dann doch noch auf ein Messerwerferrad gebunden, kann Melrose beweisen, dass er auch rotierend fabelhaft singt.

Das Lametta wird lax auf die Gabelstapler der Klingonen Fafner und Fasolt, Adam Palka und David Steffens, verladen. Erda, Stine Marie Fischer, kommt geradelt (in der Tat ein Fahrzeugpark-„Rheingold“) und singt ungravitätisch. Die Rheintöchter machen sich Notizen und entfalten zum Finale das Banner „Lass alle Feigheit fahren“.

Denn jetzt kommt die Idee. Wotan zieht seine Hose aus, aber das ist sie noch nicht. Sondern: Das Schlussbild führt die Götter nicht nach Walhall (und weiter Richtung Götterdämmerung), sondern vereint sie mit Teilen des übrigen Personals zum friedlichen Tableau. Die Utopie einer Gleichheit und die Weigerung, mit dieser Geschichte fortzufahren.

Auch diesmal ist es allein der Dirigent, nun Cornelius Meister, der den Stuttgarter Ring zusammenhalten soll. Er führt das Orchester groß und sicher, am Ende nicht mit böse hohlem Pomp, sondern mit der Milde, die einem solchen Schlussbild gebührt. Jubel für die Musik, kräftiges, aber nach Stuttgarter Art irgendwie auch gelassenes Gebuhe für die Regie.

„Die Walküre“ (im April) ist aktweise aufgeteilt, auf ein Puppenspiel-Kollektiv, Lichtkünstler Urs Schönebaum und Installationskünstlerin Ulla von Brandenburg. Jossi Wieler und Sergio Morabito zeigen ihren „Siegfried“ von damals, Marco Storman übernimmt die „Götterdämmerung“, die doch nicht ausbleiben wird.

Staatsoper Stuttgart: 24., 27. November, 12., 17., 19. Dezember. www.staatsoper-stuttgart.de

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