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„Rheingold“ in Bayreuth: In Mimes Kindergarten

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Von: Judith von Sternburg

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Mime in seiner Nibelungenheim-Kindertagesstätte. Die Mädchen, nun ja, sind das Rheingold und/oder die Walküren in jungen Jahren. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa
Mime in seiner Nibelungenheim-Kindertagesstätte. Die Mädchen, nun ja, sind das Rheingold und/oder die Walküren in jungen Jahren. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa © dpa

Der Bayreuther „Ring“ beginnt mit einem selbstbewussten, aber recht abwegigen Rheingold.

Lange musste der Bayreuther „Ring“ des inzwischen 33 Jahre alten Österreichers Valentin Schwarz warten und nicht nur frisch gehalten, sondern auch mehrfach an neues Personal angepasst werden. Der Pandemie wegen wurde er 2020 direkt um zwei Jahre verschoben, eine bittere Sache, aber Schwarz zeigte sich damals im FR-Interview sympathisch gelassen und getrost. Zum „Rheingold“-Auftakt konnte man sich jetzt allerdings doch auch wundern, wie unausgegoren gerade in der szenischen Umsetzung vieles trotz dieses enorm verlängerten Denk- und Probenanlaufs wirkt.

Es ist in den „Nibelungen“ wichtig, wer wessen Kind ist, wer zu wem gehört. In TV-Serien ist es ebenfalls wichtig. Der „Ring“ als Netflix-Serie: Schwarz hat diese Wendung selbst früh ins Spiel gebracht. Damit meinte er offenbar allerdings das, was jeder weiß, der den „Ring“ jemals gehört hat: Es ist eine großangelegte Familiensaga, und die Regie hat schon viele Funken daraus geschlagen: Wotanskinder, die einander über die Abende versprengt hätten erkennen können durch die unwillkürliche Angewohnheit, sich eine Hand über ein Auge zu legen; Erzfeind Hagen, der als Kind schon manches Mal noch vor der „Götterdämmerung“ zum stummen Linsen auf die Bühne durfte. Sein Vater Alberich hat ihn im Hass erzogen und gut informiert.

Valentin Schwarz will aber mehr, und er will es greller, und wer zu wem gehört, scheint dabei nicht mehr so wichtig zu sein: eine Setzung, die beiläufig gewissermaßen alles zweifellos Rassistische in Wagners Werk ad absurdum führt. Zum „Rheingold“-Vorspiel, das man dadurch in seiner mythischen Vorzeitdimension fast versäumt, führen Projektionen auf dem Vorhang in einen Mutterbauch (Video: Luis August Krawen), Zwillinge schweben erst friedlich vereint, dann sticht eins dem anderen ein Auge aus. Ist unter Ignorierung der Nibelungen-Faktenlage allen Ernstes an Alberich und Wotan zu denken?

Auch vor Alberichs Begegnung mit den Rheintöchtern muss schon einiges passiert sein. Die Rheintöchter betreuen eine Gruppe Kinder, die an einem Swimmingpool spielen, eine Schar übermäßig niedlicher Mädchen und ein ungezogener Knabe mit gelbem T-Shirt. Er ist es, den Alberich dann kidnappt. Ihn und die Mädchen (ja, jetzt auf einmal ebenfalls hier) werden wir in Mimes Kindergarten in Nibelungenheim wiedertreffen, wo sie in adretten Kleidchen düstere Bilder malen, die man aus Reihe 25 nicht erkennen kann, aus Reihe drei auch nicht. Der ungezogene Junge randaliert und ist ein rechter Mädchenschreck, steht Alberich aber zur Verfügung, um etwa die hingehuschelte Tarnhelmverwandlung zu meistern. Der Junge und eines der Mädchen geraten nun in Wotans und Loges Hände und von dort aus in Fafners und Fasolts.

Faszinierend, wie die Regie natürlich aufpassen muss, das Ganze nicht wie das unerträgliche Menschenhandel- und Kindermissbrauchsszenario aussehen zu lassen, das hier an sich glasklar vor Augen geführt wird, aber offenbar überhaupt nicht gemeint ist. Die Kinder müssen das Rheingold sein, ohne dass dem naheliegenden Gedanken zu Menschen als Kapital szenisch weiter nachgegangen würde. Im Gegenteil wird unter Mimes Betreuung selbst der Eindruck von Kinderarbeit gänzlich vermieden. Etwas irritierend Unpolitisches liegt über dem Ganzen.

Stattdessen – Familiensaga – könnten und dürften die Mädchen die jugendlichen Walküren sein (Erda nimmt demnach nachher Brünnhilde zu sich, die den Riesen noch entronnen ist). Der Knabe mit der Kraft des Rings ist respektlos wie Siegfried, aggressiv wie Hagen. Aber wie sind sie alle schon da und noch dazu im Rhein? Nun ja, wir werden sehen.

Sichtbar wurde zunächst lediglich, wie holperig sich diese recht theoretische Konstruktion szenisch umsetzen lässt, jedenfalls hier. Nur ein Beispiel: Wenn das Rheingold gegen Freia eingetauscht wird und es zu jener länglichen Goldauftürmung (in welcher Weise auch immer) kommt, geht die dafür eingeplante Musikspanne damit hin, das Mädchen dazu zu überreden, zu Fasolt und Fafner zu gehen, die sie in ihren SUV packen werden. Das Mädchen will ja nicht, eine widerwärtige Szene, logisch. Frappierend ungeschickt wird das Auto übrigens hinter einem Rollo versteckt, wo es weiterhin gut zu sehen ist.

Die Familie Wotan insgesamt wird von Schwarz als unangenehmer, leicht abgewrackter Clan gezeichnet, die Frauen aufgetakelt (Kostüme: Andy Besuch), die Männer in buntstiftfarbenen Anzügen. Wotan trainiert mit Hanteln, was bei der ursprünglichen Besetzung mit Günther Groissböck sicher anders ausgeschaut hätte als jetzt bei Egils Silins, dem dritten engagierten Wotan – nach Groissböcks Abspringen sagte auch John Lundgren noch ab, da war bereits Juni, und die Partie wurde auf zwei Sänger verteilt. Silins findet sich gut ein, das so gar nicht Weiche seiner Stimme passt zur groben Rollengestaltung durch die Regie.

Sänger und Sängerinnen können im „Rheingold“ ohnehin nur rasch ihre Visitenkarten abliefern: Christa Mayer lässt eine bei aller Lachhaftigkeit ihrer Garderobe fitte Fricka erwarten, Ólafur Sigurdarson empfiehlt sich als agiler Alberich, Arnold Bezuyen ist ein fast schon klassischer Mime, und Okka von der Damerau setzt als in Höhen und Tiefen wohltönende (und als Hausdame allgegenwärtige) Erda nicht nur Akzente, indem sie ein Glas aufs Teewägelchen knallt, als Wotan von Loge auf üble Ideen gebracht wird – Daniel Kirch mit markantem Tenor und Heiteitei-Gesten, die so unscharf blieben wie die Personenführung insgesamt.

Der späteste der Einspringer war der Dirigent, Cornelius Meister, der den im vorletzten Moment an Corona erkrankten Pietari Inkinen ersetzte. Stuttgarts GMD – „Ring“- und Bayreuther-Graben-erfahren, was es jetzt zusammenzubringen galt – findet sich vorerst glänzend zurecht. Gepflegte Vorsicht waltet, die Klangmischung funktioniert, und das große Gerumse am Ende klingt so kultiviert wie selten.

Das Bühnenbild von Andrea Cozzi arbeitet mit verschiedenen offenen Containern, die aneinander- und übereinandergestellt werden können. Ein zunächst enges Ambiente, überfüllt wie bei Castorf, aber braver. Walhall wird sich hier auch am Schluss nicht auftun. Ein lustiger, von einem Rückenleiden kurz unterbrochener Golfabschlag mit Apfel führt zum Donner, aber nicht zum Regenbogen. Für den Pomp zum Schluss legt Loge eine Platte auf. Die Götter sind zu diesem Zeitpunkt so unkonzentriert, dass man froh sein kann, dass Fricka noch rasch fragt, woher die Burg ihren Namen hat. Der Faden zur Handlung hat sich verloren, aber in Bayreuth muss man nur einen Tag auf die nächste Folge warten. Dann wird es ernst.

Richard-Wagner-Festspiele, Bayreuth: 10., 25. August. bayreuther-festspiele.de

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