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Rhein-Main-Tanzfestival mit Nadia Beugré und Alexis Fernandez: Unter Menschen

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Von: Marcus Hladek

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„L’homme rare“ der ivorischen Choreografin Nadia Beugré. Foto: Ruben Pioline
„L’homme rare“ der ivorischen Choreografin Nadia Beugré. Foto: Ruben Pioline © Ruben Pioline

Das Rhein-Main-Tanzfestival startet mit fulminanten Choreografien von Nadia Beugré und Alexis Fernandez.

Siebzehn Stücke in dreißig Aufführungen bilden den Kern des von Anna Wagner (Mousonturm) und Bruno Heyndericks (Hessisches Staatsballett) kuratierten 7. Rhein-Main-Tanzfestivals, das sich am „re:shape“ des Tanzes von außerhalb des europäischen Tanzkanons versucht. Nadia Beugrés „L’homme rare“ nahm dies zur Eröffnung im Frankfurt LAB mutig, wuchtig und raffiniert in Angriff. Laut Stückbeschreibung stellt „L’homme rare“ „klare Geschlechterzuschreibungen auf den Kopf“. Stimmt, nur klingt das nach Wischiwaschi, bis man sich die Kontexte hinzudenkt.

Beugré lebt und arbeitet zwischen Frankreich und der Elfenbeinküste. Dieselben tändelnden Hinternwackler von fünf männlichen Tänzern, die in Paris oder Lyon kein Aufreger sind, können in Abidjan und fast ganz Afrika zum Politikum werden. Laut einer leicht zu googelnden Weltkarte zur Rechtslage von Homosexualität zwischen Erwachsenen bedrohen 56 Staaten diese immerhin mit Haftstrafen, in zwölf muslimischen Ländern gar mit dem Tode; sechs setzen das auch um. Weitere 55 Staaten gucken weg, so gut sie können.

Booty-Shake gegen die Unterdrückung, Klatschsalven aufs Hinterteil als Ausdruck sexuell gefärbter Lebenslust, laszives Herumalbern mit arabischer Kleidung, rote Stöckelschuhe als Penisköcher und Hutersatz, Lendenschurze und splitternacktes Agieren (stets nur abgewandt vom Publikum): all das verwirbelt nicht einfach nur Gender-Zuschreibungen. Im permissiven Westen mag es sich damit haben. Im Rest der Welt kann Tanzen à la „L’homme rare“ leicht als Provokation gelten.

Vor dieser Folie entfaltet sich das Tanzstück gut 60 Minuten lang und variiert nebenher noch die Lust am Fummel (lange rote Strümpfe, Schottenrock, Tanzleibchen) und eine bunte Mischung, die vom Afropop über chansoneskes Pathos zu Tierstimmen, Vogel-Strauß-Pantomime und Stammestrommeln reicht. Selbst mystisch-religiöse Momente finden da Platz, was spätestens, wenn die Tuchgewänder mal an Badehäuser, mal an Gebetsteppiche in der Moschee erinnern, für gesetzte Gemüter wiederum provokativ sein kann.

„L’homme rare“ ist ein herrlich ausgelassenes, thematisch ernstes Stück. In den Schlussminuten knüpft die Choreografin daran an, wie sich die Tänzer eingangs in marktschreierischer Komik ans Publikum gewandt und es zum Mittanzen eingeladen hatten. Nun selbst so nackt wie diese, in ihrer Leibesfülle wie eine ivorische Venus von Willendorf, betritt Nadia Beugré treppab gravitätisch-rituell die Bühne: ihre ureigene Cameo-Signatur unter ein Werk „weibischer“ Männer, das uns atemlos staunen und lachen machte.

Guten Eindruck hinterließ tags darauf im Gallus Theater auch das Solo „NoTitleYet“ von Alexis Fernandez. Der Exil-Kubaner hatte im Duo mit seinem Sohn „Pink Unicorns“ zeigen wollen. Dieser erkrankte, ein Ersatz musste her. Mit seiner Lockenpracht, dem gedrungenen Wuchs und den Rückentattoos strahlte Fernandez etwas Urmenschenhaft-Kindliches aus, und wirklich entpuppte sich „NoTitleYet“ auf der Spielzimmer-Bühne als Spiel vom Kindeserleben und Kindbewusstsein. Mitgeformt von Radionachrichten, elterlichen Stimmen im Off, Musikstücken (E-Pop, Carla Bruni, Beethoven) und dem Pfeifen des Tänzers, begann das Stück mühselig mit dem Schleppen und Stapeln von Zementsäcken. Irre, wie sich diese später dann als luftgefüllt erwiesen oder einen Schwarm mechanisch aufgezogener Würmer freiließen.

Permanent wuselt, verblüfft und überrascht das Stück an diesem Abend: sei es, dass die Dame an der Technik buntes Plastikspielzeug im Set verteilt und einen Eimer nebst Seitengitter eines Kinderbettes als Erkenntnishorizont aufstellt, sei es, dass Fernandez maskiert in Fantasiehelden schlüpft und mit seiner Mini-Me-Puppe hantiert. Witzig, wie sich „Kind“ Fernandez auf dem Kinderstuhl die Hose zum Sporttrikot überzustreifen müht und sich von der „teuflischen“ Kinderschubkarre in eine dämonisch beleuchtete Schatten-Fantasie steigert. So kurz der Weg von der Pistole zur Auflösung in weiche Knete, so kurz auch der vom Spielzeug zum Gottseibeiuns. Viel Komik in alledem, was wie in „L’homme rare“ sehr viel Applaus erntete.

Rhein-Main-Tanzfestival: bis 13. November (Tanztag: 5. November). www.tanzfestivalrheinmain.de

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