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Von Kritikern soeben zum "Theater des Jahres" gewählt: Die Berliner Volksbühne.
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Von Kritikern soeben zum "Theater des Jahres" gewählt: Die Berliner Volksbühne.

Berliner Theater

Der Rest ist Kunst

  • Dirk Pilz
    VonDirk Pilz
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Jetzt geht es los: Die Volksbühne mit Chris Dercon und das Berliner Ensemble mit Oliver Reese starten in die Spielzeit.

Die Berliner Volksbühne ist das Theater des Jahres! In der jährlichen Umfrage des Fachblattes „Theater heute“ hat immerhin gut ein Drittel der 46 stimmberechtigten Kritikerinnen und Kritiker für das Haus von Frank Castorf gestimmt. Das war zu erwarten. Vielleicht findet sich ja die allerbeste Bühne in Zittau oder Celle, wer weiß das schon so genau. Aber in Sachen Aufmerksamkeitsbündelung gehört der Volksbühne unbedingt der erste Platz. Über kein Haus wurde in der jüngeren Theatergeschichte mehr geschrieben, gestritten und geschimpft, aber auch gelobhudelt und gejammert wie über die Volksbühne.

Das hängt natürlich mit Chris Dercon zusammen, der nach den insgesamt kurzen 25 Castorf-Jahren das Haus jetzt übernommen hat. Und womöglich wären der Volksbühne ohne Dercon vor der Nase in ihrer Abschiedssaison nicht so viele schöne Inszenierungen gelungen. Und vielleicht waren Arbeiten wie Castorfs „Faust“ oder René Polleschs „Volksbühnen-Diskurs“-Reihe ja tatsächlich ästhetische und intellektuelle High-End-Produkte, vielleicht aber hat das dauerklatschende Publikum in einer Art vorauseilenden Vergreisung auch die Heiligsprechung des castorfianischen Kosmos betrieben. Eine Art Vergangenheitsverklärung noch bevor die Vergangenheit überhaupt angefangen hat. Weil alle wussten, dass dieser Kosmos auf Geheiß einer unergründlichen Kulturpolitik hier aufhören soll, kam es allen als unschätzbar, weil unwiederbringlich vor.

Das Abschiednehmen gehört ja zu den schwierigsten Künsten überhaupt, von der Volksbühne besonders. Schließlich war sie seit Castorfs Amtsantritt 1992 stets ein Bekenntnisfall: Entweder man warf sich ihr in die Arme, oder aber man zeigte ihr die kalte Schulter. Liebe macht blind, Hass auch. Die heftigen Auseinandersetzungen stehen auch für den hohen Emotionsgehalt dieser Volksbühnendebatte: Bekenntnisse haben mit Glauben, Gefühlen, Erinnerungen zu tun. Alle Volksbühnenjünger haben zwar eine eigene, jeweils andere Volksbühne in ihrem Gedächtnishaushalt eingerichtet, aber alle umhegen sie mit der eifersüchtigen Liebe derer, die sich von ihr sinnstiftende Kräfte versprachen.

Andererseits: Auch am Berliner Ensemble endet nach etwas längeren 18 Jahren eine Ära (. Und was immer man gegen Claus Peymann einwenden mag, Mangel an Unterhaltungswert und Streitlust wird man seiner Regentschaft nicht vorwerfen können. Es gibt zudem auch nicht wenige, die an Peymanns BE ihren ästhetischen Zufluchtsort fanden, die Schauspieler liebten, die Inszenierungen mochten und jetzt Trauer tragen, dass dieses Haus ebenso unwiederbringlich ins Gestern gesunken ist. Der Unterschied ist nur: Keiner aus der von „Theater heute“ befragten Kritikerschar hat seinen Finger für das BE als Theater des Jahres gehoben. Das Peymann-BE galt unter Profizuschauern seit Jahren als hinterm Mond, nicht jedoch beim treuen BE-Publikum, und auch hier ist nicht ausgemacht, wem die künftigen Historiker recht geben werden.

Auf den ersten Blick scheint aber der neue, stolze Hausherr am BE, Oliver Reese – der zuvor seinerzeit eine allerdings kürzere Ära beendete, am Schauspiel Frankfurt –, leichtes Spiel zu haben. Er kann ein entschieden „zeitgenössisches Programm“ versprechen, das sich „den Themen unserer komplexen, konfliktgeladenen und zerrissenen Welt“ stellt und dabei auf einvernehmliches Nicken der Theaterstadt rechnen. Zeitgenössisches Theater ist immer schön, und Reeses Programm verspricht, was derzeit bezugsgruppenspezifisch als zeitgenössisch gilt: Der weithin bekannte Regisseur Antú Romero Nunes darf zur Eröffnung Camus’ machtkritisches Stück „Caligula“ inszenieren, Michael Thalheimer legt sich am Brecht-Haus den Brecht-Klassiker „Der kaukasische Kreidekreis“ vor, Reese selbst gönnt sich eine Bearbeitung der „Blechtrommel“. Dazu einige jüngere Regisseure (Ersan Mondtag, Alexander Eisenach), neue Stücke, ein bisschen was Genreübegreifendes plus ein vielversprechendes Ensemble: kann eigentlich nicht schiefgehen. Kann aber auch gut sein, dass gerade dieser souverän abgehängte „Neuanfang“ nicht verfängt, weil das business as usual für die zerrissene Welt nicht mehr taugt. Das wird man sehen.

Chris Dercons Volksbühne dagegen hat ins jetzt schon berühmte rote Programmbuch den Wahlspruch „I want to be free“ gedruckt. Man ist hier so frei, das Ensemble- und Repertoiretheater de facto abzuschaffen und das Theater als eine „Plattform“ für alles irgendwie Kunstige herzurichten. Auf dem Tempelhofer Feld geht es mit Tanz von Boris Charmatz und einer „Iphigenie“ von Mohammad al Attar los, im Großen Haus im November mit einem Beckett-Abend von Tino Sehgal weiter. In den Neunzigern habe Sehgal übrigens just an der Volksbühne verstanden, dass „in der Kunst alles möglich ist“. Die neue Volksbühne will jetzt beweisen, dass Stadttheater auch als „Dachmarke“ für alles Mögliche machbar ist. Das werden wir auch sehen.

So oder so wird alles an beiden Häusern unter dem Vorzeichen der vergangenen Debatten stehen. Unschuldig ist kein Gang ins Theater denkbar. Bleibt also die Frage, ob aus den zum Kulturkampf hochgeschaukelten Streitereien etwas zu lernen ist. Vielleicht dies: Sie haben der Stadt Berlin wie dem gesamten Theaterbetrieb einen Bewusstwerdungsschock verpasst.

Die Volksbühne unter Castorf war ja immer auch bestens als Projektionsfläche für die verschiedensten Sehnsüchte nach geistiger und ästhetischer Heimat geeignet. Ein Haus, das so widersprüchlich, schräg und schrill war, wie sich Berlin vor allem in den Neunzigern selbst verstand: Das Kaputte als Heilsversprechen. Jetzt ist Berlin zwar noch immer arm, aber nicht mehr kaputt, sondern chic und teuer. Die Selbsterzählung der Stadt geht auf Weltoffenheit, auf ein Hotspot-Dasein für Kreative und Kulturenvielfalt. Das aber so utopie- und anspruchslos, dass die Zukunft ein Grund zum Fürchten, nicht zum Hoffen ist. Berlin ist bloße Marke, ein produktorientierter Sammelplatz für lauter Minimarken, darunter auch die Theater.

Die Kulturpolitik des Berliner Kultursenators Tim Renner (der Dercon berufen hat) bis zum jetzigen Klaus Lederer (der Dercon am liebsten loswerden würde) hat sich diesem Sog zur Substanzlosigkeit nahezu völlig ergeben: Sie betreibt ihr Geschäft als Marketingmanagement – hier das „Experiment“ des „Neuen“ (Volksbühne), dort das gesicherte Stadttheatertum (BE). Wenn etwas an den vergangenen Debatten zuversichtlich stimmt, dann die Tatsache, dass sich die Stadtgesellschaft eine der Selbstherrlichkeit und Marktlogik verpflichtete Politik so nicht bieten lässt, auch wenn ihr außer Petitionen zu unterschreiben aktuell wenig zu tun bleibt. Aber künftig wird darauf zu drängen sein, derart weitreichende Entscheidung zuvor der öffentlichen Debatte zu überlassen, statt sich danach über die allgemeine Erregung zu wundern und politischerseits hinter Tatsachen zu verschanzen, die man selbst geschaffen hat.

Dennoch, im Grunde ist das für die Theaterstadt Berlin jetzt eine wunderbare Situation: Alle Versuche, das Theaterschaffen der Gegenwart zu schablonisieren, in fixe Kategorien und stabile Dualismen einzusortieren, dürfen als rundweg gescheitert betrachtet werden. Weder lassen sich Performance und Schauspiel noch das Kuratoren- und Intendantenwesen gegeneinander ausspielen. Was zeitgenössisches Stadt-Theater überhaupt sein soll, ist erst noch zu ermitteln. Und das derzeit hohe Aufkommen von Eiferern im Theaterbetrieb ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass die Selbstverständlichkeiten nicht mehr gelten: Der Dogmatismus erlebt seine Sternstunden, wenn das zu Verteidigende längst vergangen ist.

Im übrigen gibt es auch noch andere Häuser in Berlin, die nach eigenen Wegen suchen. Patentrezepte werden sich jedenfalls nicht finden lassen, so viel lässt sich aus den Debatten auch mitnehmen. Der Rest ist Kunst, die sich gottlob weder vermessen noch planen oder kuratieren lässt. Es ist der entscheidende, wichtigste Rest.

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