Stargast an diesem Abend: Tarantula. Foto: Thomas Aurin
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Stargast an diesem Abend: Tarantula.

„Passing“

René Pollesch an den Münchner Kammerspielen: Tarantula und wir

  • vonK. Erik Franzen
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Zwischen Arachnophobie und Akromegalie: René Pollesch präsentiert ein B-Movie an den Münchner Kammerspielen.

Pasing oder Passing, das ist keine Frage. An diesem Wortspiel reiben sich die Protagonistinnen und Protagonisten wieder und wieder. Während die einen im Münchner Vorort Pasing hängenbleiben (zur Freude des städtischen Publikums), weisen die anderen unablässig drauf hin, worum es hier eigentlich geht: um „Passing“, ums „Durchgehen als“. Um Differenz.

René Pollesch, der zum Ende der Ära von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen gastiert, hat eines seiner Leitthemen zum Titel des anderthalbstündigen Abends gemacht: „Passing. It’s so easy, was schwer zu machen ist.“ Einfach ist an einem Pollesch-Abend natürlich nichts. Was hier durchgeht als Sprach-Patchwork, Theorie-Sampling, als dekonstruierter Selbst- und Welt-Referentialismus (Gumbrecht, Piscator, Kuster, Donna J. Haraway und zahlreiche B-Movies), sind atonal klingende Röhren.

Und doch ein Genuss, sich als Zuschauer durcheinanderwirbeln zu lassen im Dauerfeuer der Bezüge, der brüchigen Vernetzungen von Ich und Du und Welt. Oder soll ich mir etwa Angst machen lassen vor der Unüberschaubarkeit meines zersplitterten Daseins? Nichts da, bange machen gilt nicht. „Wir brauchen keine Abgründe. Stattdessen in die Abgründe der Begriffe blicken!“, murmelt einer der „glorreichen Sieben“ des herkunfts- und sprachbunten Ensembles die Spielanleitung dieses Abends.

Stargast an diesem Abend: Tarantula. Die Riesenspinne aus dem legendären B-Movie der 1950er Jahre in der Regie von Jack Arnold ist hier auf der Bühne von Nina von Mechow ein etwas hölzernes, meterhohes, schwarz-orange bemaltes Marionetten-Stecktier aus einem megalomanen Technik-Baukasten. Tarantulas Theater-Körpermitte besteht aus einem dem Publikum abgewandten Rattan-Nest, das als Einraumwohnung dient. Aber selbst hier, im Bauch der biederen Bühnenbestie, ist nichts privat, sondern alles politisch – abgefilmt von der gnadenlosen Videokamera, die ihre Großbilder dem Publikum anbietet.

Mit der Angst spielen. Der Angst vor dem Untergang, der Angst vor dem menschengemachten Untergang. Denn nicht vor dieser mutierten Playmobil-Spinne muss man Angst haben. Im Gegenteil dient sie den selbst ernannten Mietzahlungshelfern – die die eigentliche Hauptmieterin eher als Besetzer ansieht – als temporärer Unterschlupf. Das, wovor man sich hier fürchten muss, ist das Draußen, das eigentliche Labor, Spielball unserer ökonomischen Wachstumsfantasien, die längst bittere Realität geworden sind als eine kapitalistische Form der Akromegalie, einer Überproduktion von Wachstumshormon.

Wo ist der Pfad in diesem Themensupermarkt? Angeführt von der grandiosen Spinnen- und Angstbändigerin Kathrin Angerer spinnen Max Bretschneider, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz und Thomas Schmauser Netze, ziehen Grenzen: zu sich selbst, zu den anderen und zum Theater als Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die ja nicht erst heute begonnen hat. Der Ton erstaunlich positiv: Pollesch als Weltverbesserer. „Zu sagen: ,Das Spiel ist vorbei, es ist zu spät. Es ist sinnlos zu versuchen, irgendetwas besser zu machen.‘ Das ist alles so destruktiv. Die Gegenwart ist ja nicht nur ein flüchtiger Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft.“

Eingerichtet hat Pollesch das als selbstironisches, mutmachendes B-Movie-Reenactment. „Hör auf, meine Gefühle zu interpretieren, da sind keine. Die sind da genau so wenig wie eine Figur in einem Theaterstück, die gibt es nicht, da sind nur Sätze, ausgedacht von einem Idioten.“ Was bleibt, ist der Appell an das Weiterringen um ein kollektives politisches Theater heute. Revisiting Brecht, gegen ein Einzelkämpfertum auch auf den Theaterbrettern; in einer Inszenierung, die bewusst nicht überwältigt, die aber Fäden spinnt aus Kaugummi und Gedanken, die verschwinden, aber auch bleiben dürfen.

Münchner Kammerspiele: 7., 24., 30. März, 12., 19., 30. April. www.muenchner-kammerspiele.de René Pollesch: „Ich möchte nicht sitzen bleiben auf dem, was ich geschrieben habe“

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