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„Brüder Löwenherz“ in Wiesbaden, hier Elke Opitz als Sophia im Kirschtal. 

Maifestspiele

Die Reise nach Nangijala

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„Brüder Löwenherz“ nach dem Roman von Astrid Lindgren zur Jungen Woche im Staatstheater Wiesbaden.

Astrid Lindgrens „Brüder Löwenherz“, 1973 erschienen, war vor Jahrzehnten eine überwältigende Lektüre. Es ist ein Erlebnis, jetzt zu sehen, wie die Geschichte noch etliche Kindergenerationen später sofort ein Publikum schafft, das keinen Satz verpassen will.

Das liegt auch an einer Inszenierung, die klug mit reizvollen Bildern arbeitet, aber vor allem ist die Handlung selbst ein Hammer geblieben. Dass der Tod das Tor nach Nangijala und zu einem unausdenklichen Abenteuer sein könnte, ist ein so abwegiger, tröstlicher und gefährlicher Gedanke, dass Erwachsene nach Luft schnappen. Kinder sehen sich unterdessen längst interessiert im Kirschtal um und zittern der Drachendame Katla entgegen. Ersteres ist in der Tat wunderschön. Zweitere wird nachher lediglich eine ihrer Pranken zeigen, keine Panik.

Staatstheater Wiesbaden: 18. Mai, 9., 20., 25. Juni. www.staatstheater-wiesbaden.de

Zur Eröffnung der Jungen Woche bei den Maifestspielen in Wiesbaden ist wie immer eine Eigenproduktion des Jungen Staatstheaters zu sehen. Unter der Regie von Dirk Schirdewahn und in der Ausstattung von Lorena Díaz Stephens und Jan Hendrik Neidert ist „Brüder Löwenherz“ im Kleinen Haus eine kompakte, geradezu ökonomische Szenenabfolge, aber mit eingestreuten Knüllern. Das Riesenglubschauge. Der gestreifte Trötenmann. Der gesichtslose Unhold Tengil. Dazu die Blockbustermusik von Timo Willecke.

Guido Schikore ist Krümel, der kleine Bruder von Jonathan, Cédric Cavatore. Beide, so ist das im Kindertheater, müssen das Publikum erst einmal vergessen lassen, dass sie natürlich viel zu groß sind, um Kinder darzustellen. Beiden gelingt das, und sie können dabei sogar Niedlichkeiten weitgehend weglassen. Große Brüder sind zudem für kleine Brüder im Idealfall ohnehin wie perfektere Erwachsene, mit denen man besser Quatsch machen kann und die trotzdem auf einen aufpassen und einem gute Geschichten erzählen können.

Während die Erwachsenen innerhalb und außerhalb der Handlung am Tod verzweifeln, erreichen die beiden Jungen sehr fidel und nacheinander Nangijala – schrecklicherweise und wider Erwarten stirbt ja Jonathan bei einem Wohnungsbrand vor dem todkranken Krümel („Brüder Löwenherz“ ist wirklich kein schonendes Buch). In Nangijala treffen sie auf Elke Opitz, Uwe Kraus, Thomas Jansen und Tom Gerngroß, die als Schar aufrechter Rebellen gegen den bösen Tengil auftreten, aber auch als finstere Gesellen aller Couleur.

Es gibt das vage Angebot, dass das alles ein seltsamer Traum sein könnte. Krümels Rollstuhl taucht am Ende wieder auf. Krümel und der durch Katla’sches Gift gelähmte Jonathan werden – hier fragt man sich, ob man das ohne den Roman richtig verstehen würde – gemeinsam ins nächste Reich weiterspringen, Nangilima. Es ist nicht zuletzt die absolute Weigerung, sich von dem zu trennen, den man am liebsten hat, eine Weigerung wider alle Vernunft, die „Brüder Löwenherz“ unsterblich macht.

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