Theaterfest

Reicher Ideenboden

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Das Ensemble 9. November blickt zurück auf ein Gesamtkunstwerk.

Vier Tage – vier Stücke hatte die philosophisch klare Formel Wilfried Fiebigs für das Theaterfest im Frankfurter Gallus-Theater gelautet, das pro Abend Szenen je eines älteren Stücks wie „Stadt 2000“, „Europa Metamorphosen“ und „Krieg und Frieden“ vorsah. Allerdings fiel das Präparieren knackiger Kernbilder an Tag 1 mit rund vierzig Minuten allzu kurz aus für ein Publikum, das vom E9N nicht genug bekommt, weshalb der Gesamtkunstwerks-Gewaltige Fiebig bei aller Liebe zum bündigen Begriff je zwei Stücke zu zeigen beschloss. So auch an Abend 3 der kleinen Reihe.

Ein Häuflein kam und profitierte vom Eindampfungsprozess, frei nach dem Motto: was sich in zwei Stunden sagen lässt, auch in einer, und was in eine Stunde geht, passt auch in vierzig Minuten. Als Hegelianer weiß sich Fiebig, dem außer der Darstellerregie (Helen Körte) sowie Spiel und Gesang alles oblag (Inszenierung, Dramaturgie, Objekte, Kostüme, Bühne), eben selbstgewiss in seinem Zugriff auf die Menschheits- und Geistesgeschichte. Da knappst es sich mit Überzeugung. Liebhaber von Philosophenanekdoten seit Diogenes Laertius müssen ihm da nicht folgen.

Alles in irrem Tempo

Aber wie Fiebig erst den Darsteller im Laborratten-Kostüm ins Offene schickt, wie er seine Figuren zwischen Physis, sozialer Rolle, literarischem Erbe und platonischer Idee dann auf und von der Daseins-Bühne stromern lässt, wie diese vom Genom und unter „La mer“-Klängen von Noahs Sintflut lospalavern, den Anflug der Taube aufs Tapet bringen und die ersten Stadtmauern, wie dem Stadtstaaten-Codex im Nu die Künste folgen, Robinson Crusoe sowie „Soll und Haben“: all das treibt den Geschwindi-Bus in so irrem Tempo voran, dass man nie dechiffrierend nachkommt.

Gerade das macht aber Spaß, da man die Welt ja sowieso nie versteht und hier in der Kunst nun doppelt nicht, was eine listige Erkenntnis ex negativo in Gang setzt. Wie war das mit Sir Francis Drake, dem universalen Stuhl? Schwups, schon weg. Eben noch erklingen in Kompositionen von Fiebig-fils Sebastian Tangolaute der wie stets beim E9N wunderbaren Musiker (Violine, Schlagzeug, Piano, Kontrabass, Saxofon), da sorgt der betörende Gesang der Mezzosoprane (Rebekka Stolz, Martha Jordan) plus Bariton (Christoph Koegel) schon für neubewässerten Ideenboden, den fruchtbar zu machen man sich beeilen muss.

Entzückend die leichten, klugen Liedrhythmen, all das Wiegen, die historischen Instant-Reminiszenzen, die hübsche akademische Heiterkeit mit Ausbrüchen ins Jazzhafte. Hier ist noch der Kunst-banausische Firmenchef am Zuge, dort bricht die „reichste Ente der Welt“ alias Dagobert „Uncle Scrooge“ Duck unter „Pink Panther“-Anspieler aufs Spielfeld durch. Oder, als Dialogfetzen gegen Hegel: „Ich weiß nicht, ob es die Wirklichkeit gibt. Aber ich weiß, dass sie da ist, wo ich ein Steak bekomme“.

Dies- wie jenseits der Pausenfanfare, wenn das Gerücht der Fama Ovids durch Europa wischt und fliegt, sind es die Farb- und Ohren-Rhythmen, das geistvolle Spiel mit Ideen, das flugs die Formel des Pythagoras mit Leonardos Homo quadratus verschmirgelt und schon wieder ganz woanders ist, was den sinnlichen Rausch des Wissens und Erkennens als Grundgefühl erzeugt. Damit genug an Sinn und Unsinn über diesen Abend.

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