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Willy Praml (r.) und Michael Weber in der Naxoshalle.
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Willy Praml (r.) und Michael Weber in der Naxoshalle.

Theater Willy Praml

Regisseur Willy Praml: „Die ganze Frankfurter Linke lief zusammen“

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Der Regisseur Willy Praml und sein Nachfolger Michael Weber über viele Jahre Theaterarbeit, die Übernahme der Naxoshalle und die Zukunft der prominentesten freien Gruppe Frankfurts.

Lieber Herr Praml, Sie blicken auf eine so lange Theater-Karriere zurück, lassen Sie uns einmal am Anfang beginnen. Ihr Vater wollte eigentlich, dass Sie Pfarrer werden. Was führte Sie zum Theater, was zündete in Ihnen den Funken für die Bühne?

Willy Praml: Gut, mein Vater kam aus dem Bayerischen Wald nach Landshut, meine Mutter aus Oberbayern, da war es üblich, dass das erste Kind entweder Pfarrer wird oder Nonne. Meine Eltern hatten, nachdem ihre Metzgerei an einen meiner Brüder übergeben worden war, das „Bernlochner“ in Landshut, eine berühmte Theatergaststätte. Das Stadttheater Landshut hatte damals viele große Aufführungen, zum Beispiel „Aida“ mit 30 Statisten, die immer den Trick anwandten, dass sie abgingen, sich schnell umzogen und dann wiederkamen, damit es aussieht wie 300. Diese Tricks habe ich da gelernt. Aber mein Vater wusste, dass die Schauspieler alle nicht zahlen konnten, immer nach den Groschen suchten. Er wollte also dafür sorgen, dass ich nichts mit dem Theater zu tun habe. Meine Tante aber war eine berühmte Soubrette am Gärtnerplatztheater in München, sie hat mich in ein Klosterinternat geschickt, wissend, dass da eine andere kulturelle Begegnung stattfinden wird. Für mich war es die Begegnung mit dem Abendland. Ich war auf dem deutschen Gymnasium, das war damals der Schulzweig, wo Musik die gleiche Bedeutung hatte wie Mathematik. Man konnte, wenn man in Mathematik schlecht war, mit einer Eins in Musik ausgleichen. Man musste auch zwei Instrumente spielen lernen, ich habe Klavier und Orgel gelernt, hatte eine Gesangsausbildung. Und im Kloster gab es natürlich auch viel Theater, geistliche Spiele, ich hatte die Hauptrolle in „Herodes und der Kindermord zu Bethlehem“.

Wie Willy Praml das moderne Theater kennengelernt hat

Sie waren Herodes?

Praml: Ja. (Lacht) Im Kloster gab’s immer die religiösen Spiele, die großen barocken Spiele, später habe ich mit Thornton Wilders „Unsere kleine Stadt“ auch das moderne Theater kennengelernt. Ansonsten war ich ein enthusiastischer Theatergänger. Man durfte ja im Klosterinternat abends nicht einfach ausgehen, aber wir hatten eine Dachrinne bis zum Schlafsaal, da konnte man runterrutschen oder nachts wieder hoch- und in den Schlafsaal einsteigen. So habe ich unerlaubterweise, illegal viele Theaterbesuche in München gemacht. Was sich fortsetzte, als wir hier in der Halle anfingen, denn das war ja auch illegal. Denn die Naxoshalle war ja noch eine Lagerhalle, wir aber haben schon Theater gemacht für Zuschauer. Zehn Jahre lang haben wir die Bevölkerung Frankfurts zu kriminellen Handlungen verführt.

Sie haben zu Anfang Ihrer Regisseurslaufbahn mit Laien gearbeitet?

Praml: Das hatte zu tun mit den Pfadfindern. Nachdem ich an der Falckenberg-Schule die Aufnahmeprüfung bestanden hatte – eine einstudierte Rolle war Hamlet, „Sein oder Nichtsein“ –, hat aber mein Vater die Unterschrift verweigert. Man war ja damals erst mit 21 volljährig. Ich war aber bei den Pfadfindern engagiert, die hatten, aus der Reformpädagogik, eine große Theatertradition. Da habe ich mein Handwerk gelernt. Danach, als ich das ganze Studium über bei Fritz Kortner Statisterie gemacht habe. Ich konnte studieren, weil meine Eltern meinten, es sei die Grundlage für den Pfarrerberuf. Als ich Examen gemacht hatte, hatte ich freie Wahl und habe mich entschieden, nicht ans Theater zu gehen. Ich bin aber gefragt worden, ob ich nicht den deutsch-französischen Jugendvertrag mit Hilfe von Theater umsetzen will. Es wurde meine erste große Theaterarbeit.

Ein selbst erarbeitetes Stück?

Praml: Ja. Der Reformpädagoge Martin Luserke hatte eine Theaterspieltechnik auf der Grundlage von Untersuchungen zu Shakespeare entwickelt. Wie man nach diesem Muster eigene Stücke baut, Begriffe sucht wie Zauber, Versuchung, Tod, dann nach einem Schema arbeitet. Nachdem ich mit dieser deutsch-französischen Theaterarbeit ins Gespräch gekommen war, da hat mich Hessen gefragt – die hessische SPD hat sich drei staatliche Bildungsstätten für jugendliche Arbeiter geleistet –, ob ich eine Bildungsstätte für junge Arbeiter aufbauen würde. Als der erste große Lehrlingsstreik stattfand, hier in Frankfurt, bin ich zu ihnen gefahren und habe sie gefragt: Habt ihr nicht Lust, über euren Klassenkampf ein Stück zu machen? Die dachte, wir machen jetzt so Polittheater. Aber ich habe versucht herauszufinden, warum sie sich für politische Arbeit interessieren, während ihre Klassenkameraden lieber kegeln gehen. Daraus ist das erste große Stück entstanden, in dem ich versucht habe, die Lebenserfahrung der Jugendlichen zum Thema zu machen.

Das hat Kreise gezogen?

Praml: Damals war noch Hermann Treusch Intendant am Frankfurter TAT, er kam nach Dietzenbach, guckte sich das an und sagte: Das gehört zu uns ins Haus.

TAT in Frankfurt: Regisseur Willy Praml, Ton Steine Scherben und Daniel Cohn-Bendit

War es damals für einen jungen Theatermacher leicht, wahrgenommen zu werden? Standen Ihnen die Türen offen?

Praml: Es war fantastisch. Treusch, auch Schauspiel-Intendant Peter Palitzsch waren begeistert, Arbeiterjugendliche auf der Bühne zu sehen. Für die Aufführungen im TAT lief die ganze Frankfurter Linke zusammen, um das revolutionäre Proletariat auf der Bühne zu sehen. Ton Steine Scherben hat bei der ersten Premiere die Musik entwickelt, ist aufgetreten. Da stand einer im Zuschauerraum auf, mit einem Fußball in der Hand, und sagte: Genossinnen und Genossen, lasst euch von den Sozialästheten nicht vom Klassenkampf abhalten, folgt uns in den Grüneburgpark zur Kultur des Proletariats – und er hielt den Fußball hoch. Das war kein Geringerer als Daniel Cohn-Bendit. Mittlerweile habe ich ihm die Geschichte schon so oft erzählt, dass er darüber lachen muss.

Wie kam der Schritt von der Arbeit mit Laien zu den Profis?

Praml: In Dietzenbach habe ich 20 Jahre lang Theater gemacht. Uns hat auch interessiert: Was machen Arbeiterjugendliche, wenn sie nicht zur Arbeit gehen, etwa bei der Hoechst AG? Wir haben dann Jugendliche, die aus den Dörfern kamen, eingeladen, Stücke zu machen über ihr Leben zu Hause. Die meisten waren ungelernte Arbeiter, freigesetzt durch die Flurbereinigung. Die gingen zur Hoechst AG, um dort ungelernte und schlecht bezahlte Arbeit zu machen. Denen sind wir nach Hause gefolgt und es fing ein Stück Dorfkulturarbeit an, wir untersuchten den Unterschied zwischen der Arbeits- und der Freizeitwelt. Ich hatte mir so ein ganz katholisches Dorf gesucht, das gegen Hitler gewesen war, weil er ihnen zu heidnisch war. Diese Geschichte haben wir auch bearbeitet. Die Stücke für dieses Dorftheater wurden entwickelt, Geschichte von unten war damals der Begriff. Dann machten wir „Bauernsterben“ von Franz Xaver Kroetz, ein Autor, der in katholischen Kreisen hochgradig verpönt war, ein brutales Stück. Dann sind die, mit denen ich zehn Jahre lang erfolgreich Theater gemacht hatte, ausgestiegen. Mit Ausreden wie: unsere Tante heiratet ... Viele Schauspieler sind ausgefallen, ich musste mir professionelle Schauspieler aus Frankfurt suchen. Da hat Michael Weber die Rolle des Bauernbubs übernommen und mich am Ende der Aufführungsserie überredet, ein Großstadttheater in Frankfurt zu gründen. So haben wir zusammen das Theater Willy Praml gegründet.

Das Theater Willy Praml

Und jetzt steht die Übergabe an?

Praml: Ich habe mir nie Gedanken gemacht, dass das eigene Schaffen endlich ist. Aber dann hat letztes Jahr der Schlag ein Zeichen gesendet, das Hirn getroffen und gesagt: Jetzt musst du aufhören. Ich steige zwar nicht aus, weil ich jetzt unter seiner Regie das tun werde, was ich einst nicht durfte: spielen (lacht). – Jetzt bist du dran, Michael.

Herr Weber, ist das Theater in der Naxoshalle am idealen Platz angekommen?

Michael Weber: Ich habe bei Willy angefangen, da war ich 27 und völlig unbedarft. Als wir dann in Frankfurt eine freie Gruppe gründeten, 1991, da hat jeder gesagt: Lasst das, da fangt ihr ganz von vorne an, für eine Förderung von 1500 Euro am Anfang...

Praml: Mark!

Weber: 1500 Mark, ja. Der Willy hatte schon riesige innovative Sachen gemacht – und fängt sowas an! Wir haben dann zum ersten Mal Literaturtheater gemacht, mit Stoffen, die ihm auf der Seele lagen, Texten, mit denen man sich beschäftigen muss. Das fand ich toll, als Schauspieler so viel auszuprobieren. Es hat sich entwickelt, dass ich auch viele andere Sachen gemacht habe, Bühne, Kostüme, dann Dramaturgie. Ich habe eigentlich alles gemacht außer Regie. Aber im Grunde war der Sprung, den ich jetzt gemacht habe, ein ganz kleiner. Regie ist ja eine Drecksarbeit, da muss man die Sachen zu Ende bringen.

Drecksarbeit?

Weber: Es ist schrecklich, weil man alle Probleme lösen muss, mit allen alles besprechen. Es ist nicht so, dass man dasitzt und sagt: hach bababa (wedelt mit den Händen), nee. Man muss mit dem Techniker reden, dann ist jemand krank, man muss den Probenplan umstellen .... Man muss alle bis zum Schluss betreuen, so dass es den Bogen bis zum Schluss gibt, dass es fulminant aufgeht bei der Premiere. Das wollte ich nicht machen, das war mir zu anstrengend. Bühne und Kostüme, das war zwar eine Wuchterei, aber irgendwann konnte ich spielen und hatte die totale Freiheit, konnte abheben. Das hat man als Regisseur nicht, da bleibt man angespannt. – Jetzt liebe ich es und finde es ganz toll.

Sie sind da reingerutscht?

Weber: Wir haben eng zusammengearbeitet, ich habe dann immer mehr auch inszeniert.

Zur Person:

Willy Praml, geboren am 31. August 1941 in Landshut, war Bundesreferent für musische Bildung beim Bund Deutscher Pfadfinder in Berlin, von 1971 bis 2000 arbeitete er auch an der Hessischen Jugendbildungsstätte Dietzenbach mit Laien. 1991 gründete er zusammen mit Michael Weber in Frankfurt das Theater Willy Praml.

Michael Weber , Jahrgang 1962, hat sich meist um Bühnenbild und Kostüme gekümmert, aber auch schon angefangen, als Regisseur zu arbeiten.

Die „30/80 Festwochen“ in Frankfurts Naxoshalle beginnen am 20. August mit der Premiere von „Tschaikowski. Schwanensee“. An Pramls 80. Geburtstag, dem 31., ist Otmar Hitzelsbergers Film über das Theater Willy Praml zu sehen: „Von der Poetisierung der Welt“. Am 10. September folgt die Premiere von „Albee. Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ in der Regie Webers.
www.theaterwillypraml.de

Was Michael Weber von Willy Praml gelernt hat

Was sind die wichtigsten Dinge, die Sie bei Herrn Praml gelernt haben?

Weber: Eigentlich alles. Die Vorstellung von Räumen. Ein ganz starker ästhetischer Zugang auch beim Auslegen der Stoffe. Sprache. Ich bin körperlich intuitiv, das konnte ich, aber Sprache konnte ich gar nicht. Am Anfang habe ich so viel geheult, weil ich nichts konnte. Die Einteilung von Sprache, auch eine fremde Einteilung von Sprache, nicht einfach so sprechen, wie es da steht, sondern die Sprache untersuchen, auseinander nehmen, auf den Rhythmus achten. Das werde ich auch weiterführen.

Praml: Es ist ein Aushängeschild unseres Theaters. In vielen Theatern gibt es die Tendenz, dass alles so klingen soll wie im Supermarkt. Wir haben uns immer auf die Kraft des Wortes verlassen, auf die Rhythmen bei Hölderlin, Kleist, Goethe, Heiner Müller, Koltès. Auf den Klang, den der Autor oder die Autorin im Stück angeschlagen hat.

Dies an einem besonderen Ort.

Praml: In dieser grandiosen Halle, eines der Highlights der Industriekultur des Rhein-Main-Gebiets. Ein Raum, der einmalig ist.

Weber: Wir hatten den mal als Probenraum für den „Faust“ in der Paulskirche. Da war die Firma gerade geschlossen worden und Willy sagte: Da gehe ich nicht mehr raus. Das erste Projekt, das wir hier gemacht haben, war für das Millenniumsjahr 2000 der Tarzan-Stoff.

Praml: Wir durften vier Monate bleiben, um das für das Millenniumsprogramm der Stadt zu machen. Wir haben dann die „Bauhütte Naxos“ eingerichtet mit zwölf langzeitarbeitslosen Jugendlichen, haben Geld von der EU bekommen. Wir wollten aus diesem Raum auf keinen Fall ein schwarz abgehängtes Theater machen. Die Halle soll eine Industriekathedrale bleiben. Eine der großen Erfahrungen für uns war „Maria Stuart“, wo wir einen 100 Meter langen Steg benutzt haben, auf dem sich das ganze Drama abspielte. Wir haben gesagt: Wir benutzen die Halle, wie sie ist, und werden sie immer neu zum Sprechen bringen.

Weber: Ich komme ja aus dem Ruhrgebiet, da ist ja schon, als ich Kind war, viel zugrunde gegangen. Da gab es schon Leerstände und als Kinder sind wir immer irgendwo eingestiegen. Ich fühle mich also wie zuhause hier. Die Halle steht auch für eine Ära, ist ein metaphysischer Raum. Wenn man in einem Theater Theater macht, muss man sich immer einen Plot überlegen, weil es ein neutraler Raum ist. Hier schwingt die Geschichte immer mit, so stark, dass man unendlich viel schöpfen kann. Es ist ein starker Dialog, manches geht hier auch gar nicht an Material und Stoffen. Und bis man als Schauspieler hier eine Präsenz im Raum hat, einfach atmet und dasteht, das ist richtig schwer.

Zukunftspläne von Willy Praml und Michael Weber

Zum Jubiläum und Geburtstag machen Sie beide zu meiner Verblüffung und Freude „Tschaikowskys Schwanensee“.

Praml: Michael hat sich an meiner Herkunftsgeschichte orientiert, Ludwig II. ist ja quasi mein Lieblingskönig. Der ja nachts das gesamte Opernhaus zusammengetrommelt hat, alle mussten aus ihren Betten, um dann fünf Stunden „Tristan und Isolde“ zu geben oder „Schwanensee“ zu tanzen, wo er selbst sich ja als Prinz Siegfried hineingeträumt hat.

Weber: Wir hatten das zuerst auf einem Plakat, im Lockdown. Und der Willy sagte: Das müssen wir dann auch machen! Und ich dachte: Das darf nicht wahr sein. Der Willy ist ja ein bisschen verschoben, das Unmöglichste noch muss bei ihm gehen. Ich habe es lange ignoriert, aber er ließ nicht locker. So habe ich gedacht: Okay, wir machen es als Geschenk für den Achtzigsten. Alles kommt vor, es ist wie ein Programmheft zu „Schwanensee“. Willy visioniert, wie er „Schwanensee“ inszeniert, und das ganze Ensemble macht mit.

Ist denn ein Projekt liegengeblieben, an dem Ihr Herz noch hängt, Herr Praml?

Praml: Bevor mich der Schlag ereilt hat, wollte ich unbedingt „Wallenstein“ machen. Zehn Stunden, mindestens. Auch von Peter Weiss die „Ästhetik des Widerstands“, diesen großartigen Roman des 20. Jahrhunderts. Vielleicht kriegen wir es ja doch noch gemeinsam hin.

Weber: Ich glaube, dass der Willy irgendwann noch Rilke macht, die „Duineser Elegien“. Er hat ja diese unglaubliche Tiefe beim Sprechen, diese schöne Stimme. Jetzt auch die Fragilität, das ist so ein Pfund auf der Bühne. Ich glaube, das steht an, dass er sich den Engeln von Rilke zuwendet.

Interview: Sylvia Staude

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