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Ihr Anliegen kommt rüber: Bettina Hoppe (v.l.n.r.), Nico Holonics, Laurence Rupp.

Benjamin von Stuckrad-Barre

Reeses behagliches Event-Deckchen

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Oliver Reese bringt am Berliner Ensemble die Autobiographie von Benjamin von Stuckrad-Barre zur Uraufführung. Und verbreitet sonderbar gute Laune.

Dem Berliner Ensemble war es kurz vor der Premiere noch wichtig, der geneigten Öffentlichkeit mitzuteilen, es könne jetzt nichts mehr schief gehen: Oliver Reese, BE-Chef und verantwortlicher Regisseur dieser Uraufführung, trage „Stuckimans persönliche Glücks-Sneaker, die Benjamin von Stuckrad-Barre ihm extra für die Uraufführung geschenkt hat!“. War lustig gemeint, klar, und die beiden Backstage-Bilder mit den hübschen Schuhen an den Intendanten-Füßen waren auch wirklich nett.

Laufsteg für’s Szenen-Show-Business

Aber da wusste man noch nicht, dass es diese gut zwei Stunden Musik-Theater bei Lust- und Nettigkeiten bewenden lassen. Dass unbekümmert gesungen, geraucht und ins Publikum gezwinkert wird. Dass die Bühne – eine Treppe, hinten eine Bar, an den Seiten Live-Musiker – bloßer Laufsteg für’s Szenen-Show-Business ist. Viel Nebel, viel buntes Licht – und immer diese sonderbare gute Laune. Selbst wenn sie auf der Bühne Zusammenbrüche bebildern: alles bestens zu konsumieren. Ein Abend liebevoll verpackter Verzweiflungsdrops.

Benjamin Stuckrad-Barre erzählt in seinem autobiographischen Roman „Panikherz“ von der Kindheit, dem Umzug in die große Stadt („Göttingen“!), dem Weg vom taz-Autor zum Rolling-Stone-Redakteur, zum Harald-Schmidt-Mitarbeiter, zum Vorzeigeheld einer Pop-Postmoderne, die sich im Ironischen und Knalligen gefiel. Vor allem aber erzählt er von den Abgründen: Drogen-, Alkohol- und Ich-Sucht, Fressanfälle, Einsamkeit, Angst. Klinikaufenthalte, Medikamente und Udo Lindenberg als letzte Rettung. Stuckrad-Barre meidet alles Verkünsteln, verzichtet ausdrücklich auf das, was landläufig als poetisch gilt: „Panikherz“ huldigt einem umweglosen Realismus. Darin liegt seine Stärke – der Roman gibt dem Schmerz, der Verlorenheit einen Ort.

Bisschen Udo Lindenberg und Oasis singen

Reese aber häkelt sich daraus ein behagliches Event-Deckchen, mit dem man sich aus sicherer Distanz heraus am fremden Elend wärmen darf. Bisschen Udo Lindenberg und Oasis singen, bisschen mit weißem Pulver hantieren (Kokain!, hui), bisschen verzweifelt gucken und manchmal sogar hinfallen. Dass das Roman-Ich auf vier Spieler verteilt ist, fügt dem Erzählten nichts hinzu; es macht sich kunsthandwerklich schlicht besser. Sieht besser aus, kommt besser rüber.

Diese besorgniserregend Veranstaltung ist dabei nicht nur plump anbiedernd, sie sucht Profit aus einem Elendsbericht zu schlagen, indem sie das Elend wegspielt, verdeckt und jeden gesellschaftlichen Bezug verzwergt. In wenigen Momenten, wenn Bettina Hoppe ins Kellergeschoß ihrer Silben harte, kalte Töne einschmuggelt, ahnt man, was diese Inszenierung hätte werden können, wenn sie nicht auf die schiere Oberfläche, das bloße Beeindrucken gesetzt hätte: verstörend, beunruhigend, vielleicht selbsterkenntnisfördernd.

Lars Klingbeil, der SPD-Generalsekretär, verkündete übrigens, das sei eine großartige Premiere gewesen: „Daumen hoch“. War lieb gemeint, aus dem Moment heraus getwittert. Aber diese sozialdemokratische Kürzesttheaterkritik ist doch bezeichnend: Daumen hoch für einen Abend, der von Verzweiflung und Ausweglosigkeit handeln soll. Was soll man sagen.

Berliner Ensemble: 20., 28. Februar;8., 9., 16. März. www.berliner-ensemble.de

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