Rainer Pudenz.
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Rainer Pudenz.

Kammeroper Frankfurt

„Die Politik stuft die Oper als Unterhaltung ein, als Anhängsel“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Rainer Pudenz, Chef der Frankfurter Kammeroper, über eine nun wiederum verschobenePremiere und die Nöte von Sängerinnen und Sängern in der Pandemie.

Herr Pudenz, Sie wollten eigentlich Popstar werden.

Ja. Das galt, bis ich Garderobier in der Frankfurter Oper wurde. Ich war 15 Jahre alt. In dieser Zeit habe ich meine erste Aufführung gesehen, das war eine Barockoper. Ich wurde buchstäblich infiziert von der Oper. Ich habe von da an unzählige Vorstellungen miterlebt, von der Seitenbühne aus, ich habe den Proben von Hans Neuenfels, Bohumil Herlischka, Andras Fricsay, Werner Schroeter u.a. zugesehen und sie aufgesogen. Ich war fasziniert. Die Oper wurde meine Heimat.

Sie wollten nicht nur zusehen.

Ich habe mich nach ein paar Jahren bei zwei der führenden Opernregisseure in Deutschland als Regieassistent beworben, bei Siegfried Schoenbohm und Giancarlo Del Monaco. Zugleich habe ich am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt eine Ausbildung als Balletttänzer begonnen. Schoenbohm hat mich schließlich engagiert als Regieassistent, an die Oper Freiburg, für „Salome“. Schoenbohm war ein wirklicher Erneuerer der Oper, von ihm lernte man die gesamte Oper musikdramaturgisch zu zerlegen. Ich habe drei Jahre mit ihm als Regieassistent zusammengearbeitet, in Essen sowie in Freiburg und so mein Handwerk gelernt.

Sie haben sich aber am Ende gegen die großen Opernhäuser entschieden. Warum?

Auf mich wirkten die Opernhäuser wie eine Fabrik, bei der viele Inhalte der Opern verlorengingen. Mir hat die intensive und tiefe Beziehung zu den Stücken gefehlt, vieles war husch husch. Schoenbohm war der Lieblingsassistent des wichtigen Regisseurs Walter Felsenstein gewesen, der dafür bekannt war, dass er intensiv probte. Felsenstein hat einmal acht Monate lang an „Don Giovanni“ geprobt. Aber das gab es nicht mehr. Die Opernhäuser produzierten wie am Fließband.

In den 70er Jahren gab es eine Revolte gegen die verkrusteten Strukturen an den Opernhäusern und Sie waren ein Teil dieses Aufbruchs.

Mir hat in der Tat die Hierarchie an den Opernhäusern immer missfallen. Der Führungsstil in städtischen Opernhäusern war und ist meistens autoritär. Ich habe dann 1982 mit einer Gruppe von Künstlern die Kammeroper Frankfurt gegründet. Wir wollten keine Hierarchien mehr. Seither haben wir circa 130 Opern auf die Bühne gebracht, wir haben viele italienische, deutsche und französische Opern inszeniert, von Rossini, Donizetti, Pergolesi, Mozart, Haydn, Händel, Verdi und auch Poulenc oder Jacques Offenbach. Wir haben deutsche Erstaufführungen von Donizetti und Rossini inszeniert und auch in Italien gearbeitet oder moderne Opern von Hans Werner Henze, Gleb Sedelnikow, Igor Stravinsky und mehrere Uraufführungen von Andrea Cavallari aufgeführt. Ich wollte die Oper für alle zugänglich machen, nicht nur für das Repräsentationsbürgertum. Ich behaupte: Das ist voll aufgegangen.

Gab es öffentliche Förderung für die Kammeroper?

Der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann hat uns 5000 Mark für eine erste Opern-Produktion gegeben. Heute bekommen wir Zuschüsse von der Stadt, dem Land und verschiedenen Stiftungen.

Am 7. November sollte in Frankfurt Ihre nächste Produktion Premiere haben, eine Monooper „Der Titel - Eine Reise nach Davos“. Die Premiere fällt jetzt dem nächsten Lockdown als Folge der Corona-Pandemie zum Opfer.

Es ist eine Uraufführung, Text und Musik von dem jungen Pianisten und Komponisten Stanislav Rosenberg. Im Zentrum steht eine angehende, machtgierige Bänkerin, die auf dem Weg zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos ist. Dass wir jetzt nicht spielen können, hinterlässt bei allen eine große Leere, eine mächtige Frustration. Die ganze Spannung, die wir aufgebaut haben vor der Premiere, fällt in sich zusammen. Es ist zugleich das Gefühl einer Abwertung. Die Oper wird von der Politik als Unterhaltung eingestuft, als ein Anhängsel, als Zeitvertreib. Es ist respektlos und obszön.

Wie meinen Sie das?

Leider ist das eine zunehmende Tendenz im Opernbetrieb. Heute kommt es in den Opernhäusern auf schöne Stimmen, auf das Bühnenbild und die Kostüme an. Um das Stück selbst und seine Aussage im Detail geht es weniger. Die Zahl der Vorstellungen hat sich verdoppelt seit den 70er Jahren. Die Opernhäuser sind Durchlauferhitzer geworden.

Was müsste sich ändern?

Es müsste bei der Oper weniger auf den Marktwert einer Produktion geschaut werden als auf die Inhalte. Es geht bei der Oper nicht nur um Schönheit der Stimmen. Es fehlt leider auch an differenziertem Wissen um die Oper in seinen auch kleinsten Bestandteilen.

Was machen Ihre Sängerinnen und Sänger jetzt in der Corona-Pandemie?

Sie versuchen, sich irgendwie durchzuschlagen. Eine Sängerin organisiert Konzerte in den Außenanlagen von Altenheimen. Das haben wir als Kammeroper während des ersten Lockdowns gemacht. Aber davon kann man natürlich nicht leben. Das Problem ist, dass sich in Deutschland niemand richtig um die freien Künstlerinnen und Künstler kümmert. Es fehlt an finanzieller Unterstützung für die freie Szene, obwohl sie in den letzten drei Jahrzehnten eindrucksvolles und richtungsweisendes Theater bzw. Musiktheater produziert hat. Es gibt so viele Sänger und Musiker in Deutschland ohne festes Engagement, die jetzt allein im Regen stehen.

Woher kommt die Geringschätzung seitens der Politik?

In der Corona-Pandemie wird alles über einen Kamm geschoren, für die Politik ist alles „Unterhaltung“. Und in der Unterhaltungsbranche steht die Oper im Ranking ganz klar unter dem Fußball beispielsweise. Es wird verkannt, dass Oper eine fundamentale Kunst ist. Oper vermittelt Humanität und ihre Werte, was in der heutigen gesellschaftlichen Situation wichtiger denn je ist.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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