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Rainald Grebe in Frankfurt: Als man im Zug noch rauchen durfte

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Von: Stefan Michalzik

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Rainald Grebe. Foto: Christoph Busse
Rainald Grebe. © Christoph Busse

Rainald Grebe mit seinem Programm „Das Münchhausenkonzert“ im Frankfurter Schauspiel.

In Rainald Grebes Programm „Das Münchhausenkonzert“, mit dem er jetzt im Frankfurter Schauspiel gastierte, geht es weniger um Münchhausen als vielmehr um die Lüge, beispielsweise in der deutschen Politik. Aber auch sie bietet keinen roten Faden. Es ist wie immer letztlich einzig die Bühnenfigur Grebes, die die Fülle an launig reflektierten Beobachtungen aus Alltag und Gesellschaft in fulminanter Verwirbelung zusammenhält.

Dazwischen singt Grebe einige seiner humoristisch-melancholischen Chansons am Klavier, unter Auslassung des Evergreens „Brandenburg“. Seine angegriffene Gesundheit – mehrere Schlaganfälle aufgrund seiner Vaskulitis-Erkrankung – erwähnt der 51-Jährige und trägt sein neues, ungeachtet der Pointierung ernstes Lied „Der Tod“ vor.

Was es früher alles gab

Bilder von Bowl-Gerichten führt er vor und vom Hobby des „Roofings“ (des Ersteigens von Dächern, Funkmasten, Kränen) – was der Mensch von heute so postet. Großvater habe von Stalingrad schwadroniert, seine Generation hingegen von den seligen Zeiten, in denen man noch im Zug rauchen konnte. Ein Besuch im Zirkus – keine Tiere mehr, und auch der spezielle Zirkusgeruch sei darüber verlorengegangen. In einem Videoschnipsel aus „Stars in der Manege“ hampeln Caught in the Act mit einem nicht in jedem Moment amüsierten Krokodil herum. Vorbei vorbei ...

Gegen Ende eine Serie von Fotografien von grotesken Laden- und Ortsschildern wie jenen von Grauen, Elend und Sorge. Nicht bei jedem Gag handelt es sich um Hochkomik, doch dann kommt wieder Philosophisches um die Ecke. Schuld an der Erderwärmung sind Grebe zufolge die Calvinisten mit ihrer Disziplin und Strebsamkeit – sie aber seien es auch, die uns mit ebendiesen Eigenschaften wieder aus dem Schlamassel herausführen.

Die eigene Position, das Verhältnis zu den beobachteten Phänomenen bleibt meist in der Schwebe. Manchmal aber auch nicht. Gerupft sieht der „Indianer“-Federschmuck aus seinen frühen Bühnenshows aus, den Grebe für eine Nummer kurz noch einmal überstreift. Ist es verwerfliche kulturelle Aneignung, wenn ein Kabarettist mit einem Karnevalsrequisit auf die Bühne geht? Wer das behaupte, lässt Grebe anklingen, habe die Funktion der Bühne als Ort verkannt, an dem es ja gerade Rollen einzunehmen gelte.

Grebes Methode hat nichts mit Harmlosigkeit zu tun. Getragen ist sie vielmehr von dem Wissen um die Zwecklosigkeit, ohnedies „Aufgeklärte“ aufklären zu wollen. In jedem Fall sorgt Grebe für Heiterkeit und Unterhaltung von der Sorte „Nicht unter Niveau amüsiert“ – darin ist er nach wie vor virtuos.

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