1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

„Radikal jung“ in München: Keine Götter, keine Monster

Erstellt: Aktualisiert:

Von: K. Erik Franzen

Kommentare

„Radikal jung“ mit „Mowgli“. Foto: Marcella Ruiz-Cruz
„Radikal jung“ mit „Mowgli“. © Marcella Ruiz-Cruz

Aber bereit, ihre Welt zu verteidigen: Das Theaterfestival „Radikal jung“ in München wagt den Neustart.

Refill? Ja, gerne. Ob Kaffee, Impfdosenvorräte, Gasspeicher oder Theaterbühnen. Aufzufüllen gibt es derzeit viel, sehr viel. Da kommt das internationale Festival junger Regie „Radikal jung“ des gerade umgezogenen Münchner Volkstheaters gerade recht: Eine Schau von Arbeiten junger Regisseurinnen und Regisseure der letzten zwei Jahre – auf dem Areal des Theaterneubaus im Schlachthofviertel. Neustart also.

System defekt. Die Welt in Scherben und Flammen. Alles wird gut? Darauf geben die unterschiedlichen und selbstbewussten Ansätze und Themen der zehn ausgewählten Stücke keine Antwort. Dabei kreisen viele Inszenierungen um ähnliche Themen: Identität, Körper Einsamkeit, Wut und Sprachlosigkeit.

Zwei circa einstündige Performances operieren fast ausschließlich mit dem Körper: In „Mowgli“ von Sorour Darabi, der/die seinen/ihren Prozess des Geschlechterwechsels tänzerisch bewusst naiv auf die leere Bühne bringt, führen wenige Bemerkungen vom Tonband das Publikum von Szene zu Szene. Ganz ohne Worte kommt „Karadeniz“ von Caner Teker aus. Auf der bis auf Rasierzeug und Spiegel leeren Bühnen werden türkische Hochzeitsrituale von drei Spielenden tänzerisch dekonstruiert: Nieder mit der Hochzeit!

Hier und in „Mowgli“ stehen Genderfragen ebenso im Zentrum wie in „We are in the Army now“ des griechischen Regisseurs Elias Adam und seines Ensembles. Schonungslos sich selbst gegenüber kombiniert er auf der sehr bunten Bühne Homophobie-Erfahrungen in seiner Heimat mit Geschichten von weiblicher Identitätsfindung, Ablehnung, Verfolgung, Verschwesterung und dem Kampf um die Anerkennung von Queerness. „No Gods, no Monsters, let’s show them, how it’s fucking done.“ Als bräuchten die vier auf der Bühne einen Schutzpanzer, verkleiden sie sich mit Rüstungen aus Kunststoff, um als Pokémon-Charaktere ihre Welt zu verteidigen: Wut 100 Prozent. Keiner kommt hier hetero raus (smiley). Und als Endkampfmotto gilt: „Tötet die Boomer!“

Im Gestus ähnlich, liegt weiß-deutsche Kultur auf dem Seziertisch von Joana Tischkau. „Karneval“, eine Inszenierung des Theaters Oberhausen, begeistert durch Irrwitz und Komplexität. Durchzogen von einer durchlaufenden Soundcollage aus Disco, Zirkusmusik, Down-Beats und verfremdeten Zitaten aus Karnevalshits entwickelt sich das Playback-Grusical: Dabei werden dem in wechselnden, schrillen Kostümen agierenden achtköpfigen Ensemble die eigenen Stimmen mal ganz entzogen, mal werden sie mit Auto-Tune verfremdet und wahnsinnig gedehnt: Zombies sprechen zu uns, deutsche Zombies, die ihre fremdenfeindliche Stimmung genießen. Zur Kenntlichkeit verfremdet werden auch Original-Töne von Thomas Gottschalk, Annegret Kramp-Karrenbauer, Roberto Blanco oder Tino Chrupalla zu Ethnopolitik, Deutschsein, Diskursregeln und Gedichten – jeweils unterlegt, von Frieder Blume, mit bearbeiteten deutschen Volksliedern und Prollschlagern: Beat me up! Den emotionalen Kick liefern dabei die Dialoge der deutschen Synchronfassung von „Kimba, der weiße Löwe“.

„Radikal jung“ mit „We are in the Army now“. Foto: Pinelopi Gerasimou
„Radikal jung“ mit „We are in the Army now“. © Pinelopi Gerasimou

Es geht aber auch viel rudimentärer, einfacher. Die britische Theatermacherin Jaz Woodcock-Stewart setzt drei Tanzende ins Zentrum von „Civilisation“. Ohne mit ihr zu interagieren, umtanzen sie nahezu ständig die Hauptfigur, eine Bankerin, deren Partner verstorben ist und die ihren Alltag nun neu sortieren muss, dabei immer wieder in den banalen Alltäglichkeiten stolpernd, sich verheddernd, dann wieder innehaltend, festfrierend. Gloria Gaynor und Abba ebnen die Pfade dieser Inszenierung, die simpel und geschickt konstruiert vor Augen führt: Da ist noch etwas anderes neben uns, in uns, mit uns. Etwas nicht Sagbares. Lay all your Love on me.

Mit dem Publikumspreis wurde die ukrainische Inszenierung „Bad Roads“ von Tamara Trunova ausgezeichnet – sie zeigt journalistisch recherchierte, konventionell dargestellte Kriegsgeschichten aus dem Donbass noch vor dem aktuellen Konflikt: Die Gegenwart hat das Werk hier eingeholt.

„Radikal jung“ ist in diesem Jahr eine spektakuläre Zusammenstellung diverser Techniken, Sprachen, Ansätze und Figuren. Diese Ausgabe durchzogen etliche einprägsame Spuren: die starke Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, mit Körperpraktiken und Körperpolitik. Dazu ein deutlicher Trend zum choreografierten Theater. Mehrheits- und Minderheitengeschichten wurden erzählt und ausgestellt, Identitätserzählungen befragt. Popkulturelle Bezüge illustrieren nicht bloß, sondern codieren das Sichtbare. Mit Ausnahme des wunderbar heutigen „werther.live“ und der Mannheimer „Jungfrau von Orleans“ alles nicht auf der Grundlage von Klassikern, sondern als eigene Stückentwicklungen.

Spannend zu sehen war dabei, dass trotz aller Eindringlichkeit und auch Wut über das Hier und Jetzt und Dort und Gestern kein Absolutheitsanspruch erhoben wird. Fragen werden aufgeworfen und dem Publikum zum Mitspielen angeboten.

Das ist mehr als bloßes Refill. Nichts in alten Schläuchen. Smells like keen spirit.

Auch interessant

Kommentare