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Rainer Kühn beim Kampf gegen Windmühlenflügel.
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Rainer Kühn beim Kampf gegen Windmühlenflügel.

Staatstheater Wiesbaden

„Quichotte“: Hier stimmt doch etwas nicht

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Rushdies „Quichotte“ als kleiner Theaterzauber in Wiesbaden.

Rainer Kühn sieht dem alten Don aus dem europäischen Megaroman sehr viel ähnlicher als der Mann, der im mehr als 400 Jahre jüngeren Roman von Salman Rushdie den Namen Quichotte trägt. Rainer Kühn sieht ihm so ähnlich – sieht so sehr genau so aus, wie sich jeder Mensch Cervantes’ Ritter vorstellen muss –, dass es sich hier natürlich um eine unwiderstehliche Besetzungsmöglichkeit handelt. Er ist perfekt, er spielt auch perfekt, einen älteren, sehr dünnen Menschen, der die Übersicht, aber nicht das Engagement verloren hat. Begeisterung und Glasigkeit in seinem Blick unterscheiden sich durch Nuancen.

Dass es zugleich der Romanadaption im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden eine zentrale, wenn nicht die zentrale Schärfe abkappt – denn der durch Donald Trumps Vereinigte Staaten streifende Ritter bei Rushdie ist indischer Abstammung und einem teils brachialen Rassismus ausgesetzt –, nimmt die Inszenierung in Kauf. Man muss sich kurz klarmachen, dass man einen völlig anderen Abend gesehen hätte, wenn Quichotte und sein zugegebenermaßen ohnehin nur erfundener Sohn sowie übrigens auch der Autor des Quichotte-Romans im Roman alle indisch ausgesehen hätten. Das ist freilich nicht zuletzt schwierig zu realisieren in aktuellen Staatstheaterensembles.

Tatsächlich zeigt sich Regisseur Daniel Kunze vor allem an der raffinierten und verspielten literarischen Seite der Vorlage interessiert. An brisanter politischer Bezugnahme aus dem Roman ist im Grunde genommen nur das – jetzt fast etwas verblüffend isoliert dastehende – Opioid-Thema geblieben. Kunze hat die Bühnenfassung zusammen mit der Dramaturgin Marie Johannsen hergestellt, einen lebhaften und gewisermaßen liebevoll zugewandten Ritt durch die Konstruktion des Buches, bei der man sich jetzt vielleicht fragen könnte: Warum dies alles? Aber es ist auch eine große Theaterlust.

Auf der Stelle ein Abenteuer

Denn Kunze entwickelt unter Aufhebung der Schwerkraft in vielen durchgefeilten Szenen die Kühn’sche-Quichotte’sche Abenteuerfahrt, die herrlich auf der Stelle steht. Die Bühne von Dorothea Lütke Wöstmann hält sich zurück, die Kostüme von Sophie Leypold halten sich nicht zurück, sondern blättern eine Robert-Wilson-bunte, ansehnlich verrückte Welt auf. Der schurkische, aber sehr heutig geschmeidige Dr. Smile, Thomas Peters, ist hier ebenso zu Hause wie die grüne Traum-Grille, Matze Vogel. Alles wirkt nämlich sehr offensiv, nur Monika Kroll als große Schwester nicht, die aber natürlich streng und energisch. Quichotte selbst ist weder offensiv noch energisch (streng schon gar nicht), obwohl er sich Mühe gibt. Ziel seiner Reise ist die holde Fernsehmoderatorin Salma (vormals Dulcinea), die von Sybille Weiser in bezaubernder Verstörung gespielt wird. Er hat sich im Zuge seines maßlosen Fernsehkonsums in sie verliebt, wobei Kühn wie jeder gute Quichotte schon deutlich macht, dass Medienkritik der geringste Anteil der Geschichte ist. Denn auch dieser Quichotte ist ein sehr seltsamer Menschen. Da er so dünn ist, können ihn andere herumtragen. Er selbst, wie gesagt, kommt nicht sehr enorm von der Stelle.

An Kühn-Quichottes Seite bald der ausgedachte Sohn, Christoph Kohlbacher, dem es gelingt, immer auch ein leichtes Staunen über das eigene, plötzliche Existieren zu vermitteln. Um ihn herum entsteht eine Art von realer Unwirklichkeit, die sich in einer grandiosen Szene manifestiert, als er nach Kinderart mit zwei Fingern eine Pistole imitiert, dann feststellt, dass er die Pistole (weiterhin zwei Finger, aber uns kommt es auch auf einmal wie eine Pistole vor) benutzen kann. Jetzt erschießt er mit lautem Knall seinen Vater, der sich aber – der Sohn versucht noch manches mehr – nicht totzukriegen ist. Eine Spielerei auch das, aber es will gekonnt sein und ist gekonnt.

Staatstheater Wiesbaden: 12. Juli. www.staatstheater-wiesbaden.de

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