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Pupoyan und Tortelli: Klare Körperkante

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Von: Sylvia Staude

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Hübsch mysteriöse Bewegungen in einem „Hole In Space“.
Hübsch mysteriöse Bewegungen in einem „Hole In Space“. © Sebastian Lehner

Kleine, aber feine Choreografien von Rima Pupoyan und Diego Tortelli bei den Maifestspielen in Wiesbaden.

Ein getanzter „Psychothriller“, inspiriert von Thierry Jonquets Roman „Tarantula“. Eine Frau, die einen Mann in einem kleinen Raum festhält, so dass er „fast bewegungslos“ ist. Ja, irgendetwas muss man wohl ins Programm schreiben. Aber wenn von Tanz die Rede ist, hat die Bühnenrealität mit der Beschreibung meist nicht viel zu tun. Einen Psychothriller kann man nicht tanzen. Und „fast bewegungslos“? Glücklicherweise gar nicht.

Der allzu kurze Abend

Zwei Choreografien hat das Staatstheater Wiesbaden zu den Maifestspielen eingeladen und zu dem immer noch kurzen Abend (30 und 20 Minuten plus Pause) „Double Bill“ zusammengefügt: „Me, My non-Self and I“, ein Duo der Armenierin Rima Pipoyan, getanzt von ihr und Gor Sargsyan. Dazu „Hole In Space“ von dem Italiener Diego Tortelli, der vor der Pandemie zusammen mit seiner Dramaturgin Miria Wurm in München ein Kollektiv gründete, der außerdem für die im Juli stattfindende Tanzbiennale in Venedig ein abendfüllendes Stück erarbeitet. Man möchte es gern sehen. Und allemal auch etwas Umfangreicheres von Rima Pipoyan.

Denn beide Choreografien bestechen durch eine Bewegungssprache, die Überlegtheit und klare Kante zeigt, dabei auch Originalität und Bewusstsein dafür, dass die Qualität von Bewegungen die Atmosphäre eines Stückes mindestens ebenso prägt wie die verwendete Musik. Eckig-fiebrig ist, vereinfacht gesagt, diese choreografische Qualität bei Pipoyan. Furios, nervös misst der Mann seinen begrenzten Raum aus, die Musik sprüht Funken wie ein unter Strom stehender Elektrozaun. Hektisch-herrisch umkreist ihn die Frau. Befreit ihn. So dass er sie zuletzt mit Klebeband umwickelt.

Kurios-verspielt, dennoch auch voll scharfer Umrisse zu treibender (Schlagzeug-)Musik von Federico Bigonzetti erscheint nach der Pause Diego Tortellis psychedelisch leuchtendes, dann wieder verschattetes „Loch im Raum“. Es gibt Bewegungssequenzen von erstaunlich cool wirkender Geziertheit, dann wieder von Roboterhaftigkeit. Oder wollen sie sich einen Scherz erlauben mit uns, mit Wackel- und X-Beinen und ratloser Hand an der Stirn? Dabei sind die Ensembles von bestechender Präzision, sind hier exzellente Tänzer (fünf: Guido Badalamenti, David Cahier, Fabio Calvisi, Giovanni Leone, Dominic Santia) und eine hinreißende Tänzerin (Casia Vengoechea) am Werk. Manchmal wie affektierte Tierchen. Oder sind es doch besonders biegsame Außerirdische?

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