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Ensemble in Zartrosa, hier Meret Engelhardt

NSU-Prozesse

Protokolle der NSU-Prozesse in Kassel auf der Bühne: Kein Vertrauen

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Das Staatstheater Kassel bringt die Protokolle des NSU-Prozesses auf die Bühne.

Im Namen des Volkes“ werden Urteile vor Gericht verkündet. „Im Namen des Volkes“ ergingen vor gut einem Jahr die Richtersprüche im Mammutprozess zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds. Im Namen desselben Volkes aber hatten auch die Rechtsterroristen des NSU zu handeln sich angemaßt, als sie zwischen 2000 und 2007 neun Menschen mit migrantischen Wurzeln und eine Polizistin erschossen. Wer also ist dieses Volk? Wer darf dazu gehören? Und wer findet sich wieder in dem, was das Münchner Oberlandesgericht nach über fünfjähriger Verhandlung als Ergebnis des NSU-Prozesses verkündete?

Über diese Fragen ernsthaft nachzudenken, führt weg von der wohlfeilen Auslagerung des Problems auf einzelne, vorgeblich isolierte Neonazis und hin zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ausgrenzungsmechanismen und institutionellem Rassismus. Das ist der Konflikt, den das Kasseler Staatstheater mit seiner Adaption der Prozessprotokolle verhandeln will, die jetzt auf der Studiobühne im Fridericianum zur Uraufführung kam.

Die Worte „Im Namen des Volkes“ leuchten deshalb stets mahnend im Hintergrund, in meterhoher blauer Neonschreibschrift. Gemessen am Rest der Inszenierung nimmt sich das jedoch noch geradezu subtil aus.

Rund 2000 Seiten umfasst das in mehreren Bänden veröffentlichte Prozessprotokoll von Gerichtsreportern der „Süddeutschen Zeitung“. Regisseur Janis Knorr und Dramaturgin Petra Schiller haben daraus einen zweieinhalbstündigen Abend destilliert, bei dem die Ermordung des Kasselers Halit Yozgat am 6. April 2006 im Mittelpunkt steht. Um den Schmerz seiner Eltern geht es, um die Ermittler, die auch in Kassel lieber die Angehörigen zu Verdächtigen machten, statt den Blick nach rechts zu richten, und vor allem: um den Verfassungsschützer Andreas Temme, der zur Tatzeit am Tatort gewesen war.

In einem laborhaften Setting (Bühne und Kostüme: Ariella Karatolou) schlüpfen acht in, warum auch immer, zartrosafarbenen Overalls steckende Schauspielerinnen und Schauspieler – darunter Intendant Thomas Bockelmann – in die Rollen diverser Verfahrensbeteiligter, vom Vorsitzenden Richter Manfred Götzl bis zum Vater Ismail Yozgat. Nur die Angeklagten kommen nicht vor. Steril und distanziert wirkt das, einerseits. Andererseits malt die Regie mit dem ganz dicken Pinsel.

Staatstheater Kassel, Studiobühne tif im Fridericianum. 3., 10. November – alle früheren Termine sind bereits ausverkauft. 

www.staatstheater-kassel.de

Schon die Eingangsszene, in der sich Richter und Anwälte ein eitles Scharmützel liefern, gibt den Ton vor: Der NSU-Prozess war eine unwürdige Veranstaltung. Später tritt Temme mit einem dicken Papierstapel unter dem Arm auf und sagt seine Ausflüchte wie auswendig gelernt auf, damit auch jeder merkt: Ja, das ist unglaubwürdig. Und so geht es weiter. Janis Knorr trägt dick und immer dicker auf, weil er dem Text nicht zu vertrauen scheint. Dabei ist der eigentlich stark genug.

Der Tiefpunkt aber wird nach der Pause erreicht, als das Ensemble hampelnd und johlend einen Schnelldurchgang durch die 438 Verhandlungstage liefert, zur Titelmelodie von Paulchen Panther, jener Zeichentrickserie, die der NSU für seine zynischen Bekennervideos missbrauchte. Spätestens da wird die Inszenierung zur platten Agit-Prop-Veranstaltung, die das Nachdenken nicht mehr befördert, sondern im Gegenteil schon im Keim erstickt: Ist ja eh alles nur eine Farce. Das ist nicht nur enttäuschend, das ist gefährlich.

Am Anfang des Abends hört man Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie sie das bis heute uneingelöste Versprechen gibt, die Morde des NSU vollständig aufzuklären. Am Ende hört man den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der im Juni mutmaßlich von einem Rechtsextremen erschossen wurde. Anfang und Ende des Abends unterstreichen, wie wichtig die Auseinandersetzung ist, die das Kasseler Staatstheater anstoßen wollte. Umso bitterer ist das Scheitern.

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