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Perspektivwechsel, Fragen, Hintergründe: Lotte Schubert und Mark Tumba in „NSU 2.0“.
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Perspektivwechsel, Fragen, Hintergründe: Lotte Schubert und Mark Tumba in „NSU 2.0“.

Schauspiel Frankfurt

Proben für „NSU 2.0“ in Frankfurt: Reise in die Risse der Gesellschaft

  • Steffen Herrmann
    vonSteffen Herrmann
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Am Schauspiel Frankfurt entwickelt Nuran David Calis das Stück „NSU 2.0“, das falsche Narrative von Schlussstrichen und Einzeltätern in den Blick nimmt. Ein Probenbesuch.

Frankfurt - Der 4. November 2011, ein Freitag. In Italien sterben mehrere Menschen nach schweren Unwettern, Griechenland kämpft mit den politischen Verwerfungen der Eurokrise, der FSV Mainz 05 besiegt den VfB Stuttgart mit 3:1. Ebenfalls am 4. November 2011: Im thüringischen Eisenach überfallen zwei Männer eine Sparkasse, dann brennt ein Wohnmobil, in Zwickau explodiert ein Wohnhaus. Am Ende des Tages ist die rechtsextreme Terrorgruppe NSU enttarnt. Sie hatte seit 2000 mindestens zehn Menschen ermordet, nun sind zwei ihrer Mitglieder tot (Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt), ein weiteres ist auf der Flucht (Beate Zschäpe). Ein Schlusspunkt? Oder der Start von etwas Größerem?

Knapp sieben Jahre später wird Beate Zschäpe zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Vier Mitangeklagte erhalten Strafen zwischen zweieinhalb und zehn Jahren. Mit dem Urteil vom 11. Juli 2018 endet der sogenannte NSU-Prozess in München. Auch hier: Schlusspunkt oder Start? Keine sechs Wochen nach Ende des Prozesses erhalten die ersten Menschen Briefe, die mit NSU 2.0 unterzeichnet sind. Es folgen: der Anschlag auf Walter Lübcke, der Anschlag von Halle, der Anschlag von Hanau.

Schauspiel Frankfurt: Stück „NSU 2.0“ heißt wie die Signatur unter Morddrohungen an Anwältin

Vermeintliche Einzeltäter und tatsächliche Kontinuitäten – darum dreht sich ein Theaterstück, das der Regisseur Nuran David Calis derzeit am Frankfurter Schauspiel entwickelt. Es heißt wie die Signatur unter den Morddrohungen, die etwa auch die Anwältin Seda Basay-Yildiz erhielt: „NSU 2.0“. Für das Stück hat der Regisseur sich in den vergangenen Monaten durch Presseberichte gearbeitet, mit Angehörigen und Betroffenen gesprochen.

Den Frankfurter Theatermachern geht es dabei allerdings nicht so sehr um Aufklärung über Drohschreiben, Anschläge oder strukturellen Rassismus. Dieses Wissen sei in der Öffentlichkeit schon recht stark vorhanden, sagt der Dramaturg Alexander Leiffheidt. „Die Frage, die uns beschäftigt, ist, warum in der selben Öffentlichkeit das Narrativ der Schlussstriche, der Einzeltäter so stark ist.“ Es gehe weiter, das sei die These, die mit der Unterschrift „NSU 2.0“ propagiert werde, sagt Leiffheidt. „Und wir nehmen das auf und sagen: Ja, es geht weiter.“

Corona-Pandemie: Es ist unklar, wann das Stück vor Publikum aufgeführt werden kann

Ein Donnerstag Mitte März. Nuran David Calis beobachtet die Proben im Keller des Frankfurter Schauspiels. Alle halten aufgrund der Corona-Pandemie Abstand und tragen Masken, der Regisseur, die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Kamerafrau, jene, die vor und hinter der Bühne werkeln. Es ist kein einfaches Arbeiten, aber immerhin, es gibt eine Perspektive: Im April könnte das Stück vor Publikum aufgeführt werden. Vielleicht, denn sicher ist das nicht und wer weiß schon, was passieren wird in den kommenden Tagen und Wochen. Die Pandemie lässt verlässliche Prognosen nicht zu.

Die Proben werden aufgezeichnet, das Stück soll auch digital sein Publikum finden. Ein bloßer Theatermitschnitt ist es aber nicht, wie Dramaturg Leiffheidt in einer kurzen Pause erklärt. „Sondern ein Filmkunstwerk mit eigener Wertigkeit.“ Denn die Kameras kommen den Gesichtern der Darstellerinnen und Darsteller viel näher als es das Auge des Theaterbesuchers kann. Dazu die Schnitte und Perspektivwechsel, wichtige Werkzeuge, um Emotionen von der Bühne zum Publikum zu transportieren.

Der Keller des Schauspielhauses ist an diesem Donnerstag also nicht so sehr Theaterbühne, sondern Filmset. Mehrere Kameras kreisen um drei Menschen. Stephan Ernst, der Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, sitzt einer Polizistin gegenüber. Hinter einer Glasscheibe steht ein weiterer Schauspieler, der Erzähler? Die Vernehmung beginnt. In sie eingewebt sind sexistische Aussagen von AfD-Politikern, sowie Passagen des NSU-Urteils. Ernst schildert den Tatablauf, seine Stimme bricht, dann, ein Bruch der anderen Art, verlässt der Schauspieler seine Rolle. Nun spielt Torsten Flassig sich selbst, den Schauspieler. Er spricht über die „ganz seltsamen Gefühle“, die beim Spielen von Ernst entstünden, dem Mörder, der sein Leben in den Müll geworfen habe.

Theaterstück am Schauspiel Frankfurt: Wo fängt NSU 2.0 an?

Ein kleiner Ausschnitt, der aber reicht, um Fragen auszulösen, die Teil des Stücks werden: Was hat Stephan Ernst erreicht? Wo fängt der NSU 2.0 an? Würde sich Stephan Ernst dazu zählen? Warum werden hauptsächlich Frauen von dem oder den Tätern des NSU 2.0 angeschrieben? Und welche Rolle spielen die Sicherheitsorgane – insbesondere die Frankfurter Polizei?

Sein Stück bestehe aus drei Teilen, erklärt Nuran David Calis, Eisenach, Kassel, Hanau – die Schauplätze des Terrors. Inhaltlich soll ein gesellschaftlicher Prozess umgekehrt werden: Bislang wurden die Täter meist individualisiert, die Opfer aber kollektiviert. Calis geht den anderen Weg: Er kollektiviert die Täter und individualisiert die Opfer. Dazu führte er mit seinem Team intensive Interviews mit Betroffenen der NSU-Drohschreiben, die als Videos auch in das Stück einfließen und im Internet zu sehen sein werden.

Im Manifest des NSU und von Tobias Rathjen, in den Aussagen von Beate Zschäpe und Stephan Ernst suchte Calis nach Gemeinsamkeiten in Sprache und Gedankengut der Täterin und der Täter. Was korrespondiert? Wie ist die ideologische Konstruktion? Mit wem standen die Rechtsextremen direkt oder indirekt in Kontakt? Im Umfeld von Markus H., der nach dem Mord an Walter Lübcke von Stephan Ernst belastet, aber nur wegen unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt worden war, finde man Spuren, die bis 2006 in das Internetcafé von Halit Yozgat führen, einem Opfer des NSU. „Das ist etwas, das die Gesellschaft oft nicht wahrnimmt. Unsere Aufgabe ist es, diese Netzwerke sichtbar zu machen.“

Regisseur: Rassismus und Antisemitismus muss auf allen Ebenen angepackt werden

Calis ist Sohn armenisch-türkischer Einwanderer aus der Türkei. 1976 kam er in Bielefeld zur Welt, nach seinem Regiestudium in München arbeitete er als Autor, Theater- und Filmregisseur. „Bei den NSU-Morden traf es eher so Menschen wie mich“, sagt er im FR-Gespräch, „aber seit dem Mord an Walter Lübcke muss es allen klar sein, dass es auch einen Journalisten treffen kann, eine Lehrerin, einen Intendanten.“ Rassismus und Antisemitismus, sagt Calis, müssten auf allen Ebenen angepackt werden, auch auf der künstlerischen. „Ich als Künstler versuche ästhetische Zusammenhänge und Hintergründe zu schaffen. Und darauf zielt das Theater ab: Den Zuschauer so zu treffen, dass er sich Fragen stellt.“

Eine Arbeit, die sich nicht auf Frankfurt oder das neue Stück beschränkt. Schon 2014 hatte Calis in „Die Lücke“ Schauspieler und Anwohner gemeinsam vom NSU-Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße erzählen lassen. Im Sommer wird er beim Kunstfest in Weimar ein 17-tägiges Reenactment der NSU-Protokolle inszenieren, für das folgende Jahr arbeitet der Regisseur an einem semidokumentarischen Stück zum 30. Jahrestag des Mordanschlags von Mölln. „Ich versuche so tief wie möglich in die Risse und Verwerfungen unserer Gesellschaft vorzudringen.“ (Steffen Herrmann)

Schauspiel Frankfurt: „NSU 2.0“ hat pandemiebedingt bislang keine Aufführungstermine. schauspielfrankfurt.de

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