Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Morten Burian als Prince of Danmark. Foto: Nils Heck
+
Morten Burian als Prince of Danmark.

„Hamlet“-Variante

„Prince of Danmark“ am Staatstheater Darmstadt: Ein Gespenst geht um

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

Tue Bierings lustige, aber auch schillernde „Hamlet“-Variante.

Es ist nicht einfach, mit einem „Hamlet“ noch zu überraschen, es ist fast unmöglich. Und es ist sicher auch etwas wohlfeil, wie der dänische Regisseur Tue Biering sich in seinem Stück „Prince of Denmark“ (nach William Shakespeare) in die recht flachen Gefilde von Scherz, Ironie und untiefer Bedeutung begibt, um dennoch über die Runden zu kommen. Es dürfen die Augen nach oben gerollt werden, wenn alle die Hände heben sollen, die „Hamlet“ schon einmal gesehen haben, wenn die Schauspieler schon wieder aus ihren Rollen kippen und wenn Morten Burian in der hier also original dänisch besetzten Titelrolle zum ersten und – seien Sie versichert – nicht letzten Mal die Hosen herunterlässt. Die Gegenargumente werden unverdrossen mitgeliefert, Horatio (gereizt, siehe unten) spricht vom „inszenatorischen Kindergarten“.

Aber der Abend in den Kammerspielen des Darmstädter Staatstheaters kommt trotzdem ins Rollen, er hat einen eigenen Schwung und einen eigenen, ziemlich fein abgestuften Umgang mit Authentizitäts- und Identitätsfragen, mit Unernst und dem Übergang zum Triftigeren, mit dem Theater als Mittel zum Zweck, zum Klamauk und zur gesellschaftspolitischen Aussage. Und dass der Geist von Hamlets Vater, töter als tot, ein in sachtem Hessisch zur Revolution aufrufender Vertreter der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands ist, hat Pfiff in einem Stück, dessen Held der berühmteste Zögerer der Weltliteratur ist. Großartig, wie der Geist nach der kleinen Agitprop-rede Hamlet noch werktreu darüber informiert, dass sein Bruder ihn ermordet habe und der Sohn ihn rächen solle. Während wir noch lachen, sehen wir, wie sich in Morten Burians Gesicht etwas verändert, wie er dem Geist aufs Wort glaubt, und zwar weil dieser marxistisch-leninistisch wie auch psychologisch einen Nerv in ihm trifft.

Der Kapitalismus und die Machtstrukturen am Theater sind die Schurken des Geschehens, Theater ist das Mittel der Wahl. Auch wenn sich die Anwesenden beim Vornamen nennen, kann man sich nicht darauf verlassen, wo es aufhört und das Leben anfängt. Während der Rückzug des Sozialstaats (auch in Dänemark, wie Burian versichert und das Darmstädter Ensemble nicht glauben kann) hier ein Thema für alle ist, wird Ophelia auch in Darmstadt nicht zum Zuge kommen. Die Männer, Stefan Schuster, Béla Milan Uhlau, Thorsten Loeb, haben ein Einsehen, aber sie wollen ihr Einsehen dann auch gerne in Ruhe erläutern. Ophelia stört. Das ist glaubhaft, den großen Monolog, den Ophelia dann doch noch spricht (im Nixenkostüm), hat die Schauspielerin Marielle Layher selbst geschrieben. Aber auch das hilft ihr nichts. Will sie nicht sterben, so wird sie ertränkt. Schließlich muss es weitergehen.

Horatio ist eifersüchtig

Aufmüpfigkeit wallt in fast allen Figuren auf, Mathias Znidarec will als Claudius nicht immer bloß der Böse sein, Katharina Abts Gertrud will machen, was sie will, Daniel Scholz ärgert sich darüber, dass er – hier schon als Danton, Holofernes und Hotzenplotz zu sehen – der Horatio ist und der Hamlet an den dänischen Gast ging. Der dänische Gast wiederum versteht es dermaßen, sich gehen zu lassen, ohne zur Tat zu schreiten, dass es mitreißt.

Hinten gibt es eine Leinwand, auf die diskretere Gespräche gesendet werden, wie üblich hebeln Kamera und Ton die Diskretion ironisch aus. Der Schauplatz: eine Sitzecken-, Palmen- und Plantschbecken-Umgebung mit Himmelsprospekt (Ausstattung: Johan Kolkjaer), in der sich auch ein Äffchen des Schicksals (im Stück: Fortinbras) tummelt. Denn am Ende wird gestorben, grotesk endlos gestorben, und auch die Überlebenden sterben. Das entspricht dem „Hamlet“-Ende mit Blick auf das Groteske. Der Darmstädter Hamlet stirbt aber unentschlossen, selbst das noch.

Die Frage, ob es oberflächlich ist, Ernst & Melancholie in „Hamlet“ 115 Minuten lang so weitgehend beiseite zu schieben, erübrigt sich. Es ist oberflächlich, aber die Oberfläche reflektiert.

Staatstheater Darmstadt: 27. November, 2., 4. Dezember. www.staatstheater-darmstadt.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare