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Rene Pollesch spricht zur „Zukunft der Volksbühne“.

Berliner Volksbühne

Die Praxis ist die Botschaft

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Mit René Pollesch an der Spitze könnte die Berliner Volksbühne im Jahr 2021 wieder zu einem geschützten Ort gelebter Utopie werden.

So ein Konzeptpapier eignet sich auch als Fächer. Es ist heiß im Roten Salon am Mittwochmittag um zwölf Uhr, als der Kultursenator seine Entscheidung für den nächsten Intendanten der Volksbühne offiziell verkündet. Der Name René Pollesch wurde schon am Vortag ausgeplaudert, und da sitzt der Autor und Regisseur nun, mit viel zu dicker Jacke, schwitzend, sich Luft zufächelnd, mit drei Blättern Papier. Auf ihnen sind, wie er sagt, Ausschnitte aus seiner Bewerbung an Klaus Lederer zu lesen – wobei jeder weiß, dass sich Pollesch nicht beworben hat, sondern gefragt wurde und wohl auch von vielen bearbeitet werden musste, bevor er sich dazu durchringen konnte, das wichtigste Theater der Stadt und im Erdkreis zu übernehmen.

Zunächst ließ Lederer die skandalöse Vorgeschichte um die Ablösung von Frank Castorf und das Scheitern von Chris Dercon noch einmal Revue passieren und beschrieb die Not, aus der heraus er die wohl schwierigste Entscheidung seiner Amtszeit hatte fällen müssen – und dann las Pollesch aus dem Papier vor. Ein Mangel an Selbstbewusstsein? Man höre den ersten Satz: „Es fehlt in Berlin ein Haus, das von einem Autor geleitet wird, mit dem auch eine bestimmte Arbeitspraxis verbunden ist.“ Kein Zweifel, dass dieser Autor er selbst ist, wie er im zweiten Satz spezifiziert: „Diesem Autor, mit einer singulären und weit über Berlin hinaus anerkannten Aufführungs- und Produktionspraxis, und mit ästhetischen Mitteln, die politische Theorien in schlagkräftige Stücke und Aufführungen verwandeln können, fehlt ein Haus.“ Wo er recht hat, hat er recht.

Dieses Selbstbewusstsein ist bei Pollesch nun aber keine überschäumende Selbstbesoffenheit eines Genies, sondern es zeigt nur, dass Pollesch sich vieler Mitarbeiter sicher sein kann, die auf Augenhöhe mitschaffen, mitschreiben, mitbestimmen werden – ohne dass man das irgendwie ins Statut nehmen müsste. Er nennt dann auch ein paar Namen, aber noch lange nicht alle, es sind ja noch zwei Jahre Zeit bis zur ersten Spielzeit, die er verantwortet. Da wären die Schauspielerinnen und Schauspieler Martin Wuttke, Kathrin Angerer, Fabian Hinrichs, Franz Beil und Christine Groß – ein Jahr später wird auch Sophie Rois hinzustoßen, die bis 2022 bei Ulrich Khuon am Deutschen Theater unter Vertrag steht. Den Begriff des Autors muss man übrigens weit verstehen, es ist nicht jemand gemeint, der einen Text aufschreibt, der einem Regisseur ausgeliefert wird – im Gegenteil, das Theater, das Pollesch vorschwebt, ist eine Kollaboration von vielen gemeinsam Theater Schaffenden. Den Posten des Regisseurs brauche kein Mensch, so Pollesch, der sei in der Volksbühne wegzulassen. Klingt revolutionär, ist aber an dem Haus nicht nur bei Pollesch, sondern auch bei Schlingensief, Marthaler und in gewisser Weise durch seinen Umgang mit den Texten auch bei Castorf gängige Praxis gewesen.

Volksbühnen-Chefausstatterin soll Ida Müller werden

Der erste Autor einer Inszenierung ist laut Pollesch der Bühnenbildner, in seinem Fall war das bis zu dessen Tod Bert Neumann. Ihm solle nun als Volksbühnen-Chefausstatterin Ida Müller folgen. Zusammen mit Vegard Vinge führte sie das Haus mit Totaltheaterorgien über alle Grenzen der Belastung. Dazu kommen weitere Künstlerinnen wie Leonie Jenning, Martha von Mechow, Florentina Holzinger und Constanza Macras. Ob welche von den alten Volksbühnenrecken einschließlich Frank Castorf, Christoph Marthaler oder Herbert Fritsch wieder auftauchen werden, will Pollesch weder mit einem „Nein, niemals“ noch mit einem „Ja, unbedingt“ beantworten. Er sei jedenfalls kein Trojanisches Pferd, das in seinem Bauch die alte Volksbühne wieder einschleusen will.

Der 1962 im hessischen Friedberg als Sohn eines Hausmeisters und einer Hausfrau geborene Pollesch macht einen angstlosen, freudvollen und ideenreichen Eindruck. Wir wissen nicht, was ihm alles durch den Kopf gegangen ist. Aber vielleicht erinnerte er sich an den Tag in den 80ern, als er den Schlüssel zur Probebühne in der Universität Gießen ausgehändigt bekommen hat, wo er von 1983 an acht Jahre lang studierte. Einen Schlüssel für eine geschützte Welt, in der Utopie in die Lebbarkeit überführt werden kann. „Die Praxis ist die Message“, sagt er später mindestens zweimal.

Natürlich sind alle zuerst auf ihn gekommen. Sogar jene, die die Frank-Castorf-Volksbühne abgewickelt haben, wollten mit René Pollesch weiterarbeiten. Auch der Museumsmanager Chris Dercon, den der damalige Kulturstaatssekretär Tim Renner aus dem Hut gezaubert hat. „Ich mache dich weltberühmt“, habe Dercon zu Pollesch gesagt, vielleicht ist das nur eine Legende, aber sie bringt die Diskrepanz zwischen dem abgehobenen Dachmarken- und Jetset-Kunstbetrieb und der traditionell mit dem besonderen Ort und seiner Geschichte verbundenen Volksbühne gut auf den Punkt. Schnee von gestern. Manch einer meint, die Zerstörung der Volksbühne und die Schadensbehebung seien nötig gewesen, um Castorf überhaupt beerben zu können. Oder warum hat Pollesch nicht gleich zugegriffen?

Man muss sich auch klarmachen, was Pollesch aufgibt, wenn er nun dieses Amt antritt und hinfort nur noch zwei Stücke pro Saison am Haus und eins außerhalb inszenieren will. Zurzeit haut er ungefähr das Doppelte raus – insgesamt sind es weit über 200 Stücke, die er auf seine Weise in seiner Laufbahn zur Premiere brachte. Er arbeitet überall in Deutschland, der Schweiz und in Österreich. Überall hat er seine Schauspieler, die sich auf die Arbeit mit ihm freuen. Seine Neigung zur Wiederholung – oder sagen wir zu einer spiralförmigen Wiederkehr der immer weiter brennenden Themen und sich weiter zuspitzenden Widersprüche – lässt sich über das Land verteilt vor immer frischem Publikum unerschrockener und ungestörter ausbreiten. Wird er mit dem Machtzuwachs, der mit dem Aushalten und Ausagieren von Konflikten einhergehen wird, zurechtkommen? Hat er, dessen Schaffenskraft sich aus der Liebe speist, darauf Bock? Auch weil er zwischenzeitlich deutlich zu erkennen gab, dass er nicht als Intendant zur Verfügung stehe, suchte Lederer weiter.

Der Senator brauchte eine Nachfolgelösung, die von vielen mitgetragen werden sollte nach dem kulturpolitischen Debakel seiner Vorgänger. Bei einem im Juni vor einem Jahr einberufenen Kongress wurden von allen mehr oder weniger Eingeweihten und Beteiligten alle denkbaren und undenkbaren Anforderungen an einen neuen Volksbühnenchef formuliert, sodass Lederer im Schlusswort nur eins versprechen konnte. „Wir werden zuhören. Irgendwann werden wir dann auch zu einer Entscheidung kommen. Und diese Entscheidung wird mit Sicherheit ein Scheitern sein angesichts aller Erwartungen hier. Die Frage ist nicht, ob wir scheitern, sondern wie wir scheitern.“ Danach herrschte ein Jahr Schweigen. Und als die Zeit knapp wurde, ließ sich Lederer nicht treiben, sondern verlängerte das Interim von Klaus Dörr, den er 2018 als Geschäftsführenden Direktor an die Volksbühne geholt und im April, nach Dercons Weggang, als kommissarischen Intendanten eingesetzt hatte, um ein Jahr. Lederer dankte Dörr auf der Pressekonferenz zu Recht. Er hat das zerlegte Haus wieder auf die Beine gestellt, die Ensemblestellen besetzt, einen Spielplan mit vielen Eigenproduktionen aus dem Boden gestampft. Das Haus ist wieder gut ausgelastet.

Personalie lässt sich problemlos als Meilenstein der Theatergeschichte deuten

Klar wird jetzt auch genörgelt, werden Stillstand und Nostalgie prophezeit. Dabei lässt sich diese Personalie auch problemlos als Meilenstein der Theatergeschichte deuten, schließlich übernimmt erstmals jemand aus dem Gießener Stall der Angewandten Theaterwissenschaften die Verantwortung für ein derart prominentes Stadttheater. Es ist eine Bewährungsprobe für die Gießener, die mit ihren nicht selten angeschwurbelten ästhetischen und betrieblichen Innovationen stets den etablierten Betrieb angriffen.

Sicher wird er auch manchen zu alt, zu weiß und zu männlich sein, abgesehen davon, dass er aus dem Westen kommt – aber diese Argumente sind bei Pollesch besonders unbrauchbar, weil er selbst mit seiner Arbeit sämtliche Majoritätenklischees thematisiert, angreift und unterläuft. Er macht eingeschliffene Unterscheidungen einfach nicht mit.

Polleschs neue Art von Theater, das strukturalistische und antikapitalistische Thesen sampelt und von betörenden Pop-Clips verschönert wird, statt irgendwelche dramatischen Konflikte abzurollen, wuchs als einer der wenigen stetigen Stränge in die DNA des Volksbühnenspielplans, dessen Charakter unter Castorf und seinen häufig wechselnden Dramaturgieabteilungen ständig mutierte. Auf Pollesch war bei allem Hin und Her Verlass – zum Beispiel auch was die Kürze seiner Theaterabende anging.

Natürlich ging das nur, und das ist Pollesch bewusst, mit diesen Schauspielern, die zum großen Teil durch die Wechselbäder von Castorf-Inszenierungen mit ihren Brennkammern und Abklingbecken gegangen sind und die so gestählt Polleschs Theoriegebirge mit Leben füllen können. Bei denen kann man sehen, wie das Denken in Widerspruchsbeulen unter der Kopfhaut durch die Hirnwindungen wandert. Es gibt nichts Frohlockenderes als die Augen von Menschen, die gerade etwas denken, was sie knapp überfordert. Und genauso wird aus dem Saal zurück geguckt. Pollesch war in den härtesten Krisenzeiten ein Anker für das Volksbühnenpublikum. Er kann es bleiben.

Bei allen Gemeinsamkeiten, was Coolness, politische Haltung und Mainstream-Widerstand angeht, sind Pollesch und Castorf in vielem künstlerische und auch charakterliche Antipoden. Dass sie miteinander konnten, war auch Castorfs Führungsstil zu verdanken: Statt sich davor zu fürchten, Konkurrenten ans Haus zu holen, war Castorf sich der eigenen Grandiosität stets dermaßen bewusst, dass es gar nicht nötig hatte, sich für die Sachen zu interessieren, die die anderen Regisseure an seinem Haus fabrizierten. Stattdessen überließ er sie ungeschützt seinen hochgezüchteten Schauspielern.

Pollesch allerdings lieben die Schauspieler. Der kommune, immer auch von Rücksicht und Zuwendung durchseelte Geist der Proben, die Utopie des gemeinsamen Schaffens und Lebens durchweht immer auch beglückend die Vorstellungen und herüber ins Publikum. Vielleicht schafft er es, diese Utopie der freundschaftlichen und hingebungsvollen Produktionsverhältnisse auf das ganze Haus zu vergrößern. Es zu füllen mit fröhlichem Kopfzerbrechen, mit rauschhafter moralischer Selbstzermarterung zwischen den Verheißungen und Abgründen von Liebe, Ökonomie und Repräsentation. Was woanders unter Kopfschmerzen und Humorlosigkeit krampfhaft implementiert werden muss, steht bei Pollesch längst in der Blüte schönster Selbstverständlichkeit: Feminismus, Antirassismus, Genderfreiheit – immer dialektisch reflektiert ohne in Mutlosigkeit zu verfallen. Der Volksbühnenschlüssel kommt in gute Hände.

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