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„Power“ am Schauspiel Frankfurt: Was sie verspricht, das hält sie auch

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Von: Sylvia Staude

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Blumen für die alte Frau Hitschke. Foto: Robert Schittko
Blumen für die alte Frau Hitschke. © Robert Schittko

Verena Güntners Roman „Power“ ist in den Kammerspielen am Schauspiel Frankfurt kongenial auf die Bühne gebracht.

Das Dorf sieht aus wie ein ganz normales, wenn auch vielleicht etwas heruntergekommenes Dorf. Die ältere Frau in der Kittelschürze, die irgendetwas in ihrer Küche macht, war (nicht nur auf dem Land) vor noch nicht allzu langer Zeit ein vertrautes Bild. Aber die Schwarz-weiß-Aufnahmen, die immer wieder auf Teile des Bühnenbildes oder auf Gazevorhänge projiziert werden, verhindern nicht, dass „Power“ auf der Bühne der Frankfurter Kammerspiele eine rätselhafte, leicht mystische Geschichte bleibt, in der die Kinder eines Dorfes verwildern, im Wald ein knurrendes und Zähne fletschendes Rudel bilden.

Verena Güntners im Frühjahr 2020 erschienener Roman „Power“ beginnt recht harmlos – eine Elfjährige namens „Kerze“ verspricht, nach Frau Hitschkes kleinem weißen Hund Power zu suchen und Kerze hält ihre Versprechen, immer –, lässt bald an William Goldings „Herr der Fliegen“ denken, ohne jedoch in einem so gewalttätigen Zivilisationsbruch zu enden. Als sie Power endlich gefunden haben, tot, kehren Güntners Kinder zurück ins Dorf, um ihn zu beerdigen. Sie kehren zurück in ihre Kinderzimmer, als wäre nichts gewesen. Doch haben inzwischen die Erwachsenen in grotesker Hilflosigkeit die alte Frau Hitschke zum Sündenbock gemacht, fortgejagt.

Zwischen Märchen und Alltag

Der Regisseur, Musiker, Autor Markolf Naujoks hat den Roman in Frankfurt kongenial für die Bühne bearbeitet und in Szene gesetzt – schlicht, aber doch schaudrig genug. Es spielen sechs Studierende der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, die am Praxisprogramm „Studiojahr Schauspiel“ teilnehmen. Amaru Albancando, Abdul Aziz Al Khayat, Luise Pauline Ehl, Lenz Moretti, Toni Pitschmann und Philipp Alexej Voigtländer sind keine Rollen zugeordnet. Einheitlich schwarz oder später bettlaken-, messgewandweiß gekleidet (Bühne und Kostüme: Lena Schmid), treten sie manchmal nur für einzelne Sätze, dann wieder für längere Passagen hervor und sprechen das Publikum an. Sie setzen sich einen hohen schwarzen Burgfräulein-Hut mit Schleier auf, wenn sie die alte Frau Hitschke sind.

Burgfräulein-Hut? Naujoks hält, wie Güntner, die Erzählung von den sich so drastisch verwandelnden Kindern in der Schwebe zwischen Symbolik und Realität, zwischen düsterem Märchen und Dorfgesellschaftsroman.

Die Kammerspiel-Bühne ist gerahmt von silbrig-schwarz glänzenden Pflanzen, teils sind sie zu riesenhafter Größe verfremdet, als wären die Kinder zu Däumlingen geschrumpft. Vorhänge werden je nach Bedarf vom Ensemble auf- und zugezogen, auf sie die oben erwähnten Schwarz-weiß-Fotografien projiziert, aber auch geifernde Untoten-Gesichter. Grablichter säumen zwischendurch die Spielfläche. Aber eine der Kerzen wird zum Tannenzapfen, den Henne der Nazi runterwürgen muss – weil er geglaubt hat, ein Hirsch könne Power gefressen haben, aber Hirsche doch Vegetarier sind, wie die triumphierende Kerze ihn erst nach dieser Strafaktion wissen lässt.

Apropos Kerze, man bekommt sie nicht zu fassen, schon zweimal nicht, weil wechselnde Akteurinnen und Akteure ihren Text sprechen. Aber es geht hier ohnehin nicht um psychologische Plausibilität, um die Frage, warum sich Kerze (im Dorf so genannt, denn sie ist „ein Licht in dieser rabenschwarzen Welt“) dermaßen in die Erfüllung ihres Versprechens hineinsteigert, dass sie die anderen Kinder nötigt, ihr bei der Suche nach Power zu helfen. Dass sie die letzte Chance, den kleinen Hund zu finden, wohl darin sieht, selbst zum Hund zu werden, ein Rudel zu bilden, das sich perfekt rudelartig verhält. Ist sie ein besonders fantasiebegabtes Mädchen? Hellsichtiger als andere? Schon seit sie fünf ist, erfahren wir, versammeln sich abends Geister in ihrem Zimmer. Damit diese verschwinden, schläft sie bei offenem Fenster. „Denn Kerze weiß: Geister mögen keinen Luftzug, weil ihnen das ihr Gespenstertuch durcheinanderbringt“.

Kinder, die das Sterben üben

Es gibt immer wieder diese Leichtigkeit im Text, die schon auch lustig ist – allerdings nicht schenkelklopf-lustig, wie man vielleicht meinen könnte angesichts immer wieder entzückt aufkreischender Studierenden-Groupies im Premierenpublikum.

„Power“ ist ein gut 90 Minuten langer Theaterabend, der wie der Roman so ziemlich alle Fragen unbeantwortet lässt. Zu ahnen ist jedoch das Versagen der Eltern – die Väter tragen Lieblingskuscheltiere, Lieblingsbücher zum Wald und denken, angesichts dieser Verlockungen werden ihre Kinder gewiss zurückkommen. Die Erwachsenen machen also erstmal Party. Ihre Kinder aber üben im Wald das Sterben.

Schauspiel Frankfurt , Kammerspiele: 15., 27. Mai, 5., 18. Juni, 1. Juli. www.schauspielfrankfurt.de

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