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„Pique Dame“ in Wiesbaden: In einer ganz lieblosen Welt

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Von: Judith von Sternburg

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Ein Tässchen Tee bei Vollmond: Tschaikowskis „Pique Dame“ in Wiesbaden.
Ein Tässchen Tee bei Vollmond: Peter Tschaikowskis „Pique Dame“ in Wiesbaden. © Karl und Monika Forster

Tschaikowskis „Pique Dame“ am Staatstheater Wiesbaden ist musikalisch eine große Elegie.

Die aufregende und tragische Handlung von Peter Tschaikowskis Oper „Pique Dame“ passt gut neben eine Spielbank, aber der Abend im Staatstheater Wiesbaden will gar nicht so viel mit dem Thema Glücksspiel anfangen. Vielleicht weil es schon zu glücklich klingt in einer Oper, in der es so rigoros ums Unglücklichsein geht.

Das Bühnenbild von Rolf Glittenberg zeigt in mehreren Versionen riesige Spiel- oder hier eher Konferenztische, in einem fast spröden, variablen Saal auf dessen flachem Glasdach Herbstlaub zu sehen ist. Hinten kann der Vollmond hereinscheinen, kann aber auch die Gräfin auf einem gigantisch großen Jugendfoto verschattet ins Leere starren.

Die Tische werden als Laufstege eingesetzt, für ein merkwürdig beliebiges Hin und Her in Gesellschaft, außerdem für die nackten Frauen, die zu verschiedenen Gelegenheiten auf die Bühne kommen. Teils mit angeklebten Bommeln, teils mit Pelzmänteln. In der Inszenierung von Intendant Uwe Eric Laufenberg hat auch die Zarin keine Kleider, abgesehen von einem glamourösen Umhang (Kostüme: Marianne Glittenberg). Das liegt aber nicht daran, dass sie märchenhaft dumm wäre. Im Endeffekt soll wohl die Gier nach dem Anblick möglichst nackter Frauen (die der Abend eine Spur verlegen, aber eben doch sattsam bedient), nach Geld und nach Macht auf einen simplen, aber anschaulichen Nenner gebracht werden – auch Geld fliegt umher, der Herrenchor in Abendanzügen kriecht der nackten Zarin entgegen. Mehrfach geht der Vorhang gerade noch rechtzeitig herunter, bevor es zu peinlich wird. Die hingehuschelte Herzlosigkeit, die insgesamt über den Szenen liegt, hat freilich etwas Zutreffendes in einer Welt, in der eine Gräfin wie diese zu Hause ist. Hermann, der verzweifelt und maßlos Liebende, ist hier überhaupt nicht zu Hause.

Beide jedoch gehören in diese Musik, die Michael Güttler getragen, aber nicht lahmend dirigiert, das Ganze eine totale Elegie mit Drama und Zug. Die lichten, folkloristischen Momente enden ja immer bald, die Süße ist wahre Schwermut.

Vielleicht bezaubern darum am meisten die dunklen Frauenstimmen, Romina Boscolo als kahlköpfige Gräfin (keine Hexe, aber eiskalt) und Silvia Hauer als liebenswerte Polina: Boscolo, die in ihrer großen nostalgischen Arie geradezu die Zeit stehen lässt, Hauer mit ihrer tiefgoldenen Stimme. Für sich genommen klingt sie warm, nuancenreich und erschütternd reif, in strahlender Tiefe überzeugt sie zudem im Duett mit Elena Bezgodkova, einer souveränen, engagiert spielenden Lisa. Der Chic eines alten Hollywood-Krimis umgibt sie, stimmlich ist sie auf der Höhe ihrer aufreibenden Partie. Hermann, Aaron Cawley, imponiert mit einem angenehm tief timbrierten, stählern kraftvollen Tenor.

Nicht alltäglich ist derzeit ein so großer Chor (einstudiert von Albert Horne), der auch szenisch relativ stark beschäftigt, aber etwas ungeschickt geführt ist. Überhaupt wird das Bühnenbild, das doch darauf angelegt wäre, große, attraktive Auftritte oder Tableaus zu unterstützen, selten interessant genutzt. Stattdessen wirkt vieles umständlich, und mindestens fehlt der Feinschliff. Das gilt für die Durchführung – damit jemand auf den Tisch steigen kann, muss vorher ein Chorist wie von ungefähr seinen Stuhl räumen – als auch für die Ideen. Lisa geht nicht ins Wasser, sondern rollt sich am Ende in ein weißes Laken am Boden ein. Sie rollt und rollt, so weit wie irgend möglich.

Staatstheater Wiesbaden: 6., 10., 13. Februar, 4., 19. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

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