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„Pique Dame“ in Kassel: In einer Welt, in der man reich und gesund ist

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Von: Judith von Sternburg

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Lisa und Hermann. Isabel Machado Rios
Lisa und Hermann. Isabel Machado Rios © Isabel Machado Rios

Peter Tschaikowskys „Pique Dame“ am Staatstheater Kassel.

Peter Tschaikowskys „Pique Dame“ ist eine hochromantische Gespenstergeschichte und ein modernes Seelendrama. Das erschütterte Publikum bekommt einen liebenswerten jungen Mann vorgeführt, der sich und seinen Verstand an ein Hirngespinst verliert. Seine Lage ist zwar prekär, aber so gehört es sich für Liebesgeschichten, und es ist denkbar geschmacklos (also: modern), dass er die Geliebte zugunsten des Gewinns völlig aus den Augen verliert. Ein guter Ausgang, ohnehin unwahrscheinlich, rückt in weite Ferne, noch bevor die Mordtat aus Habgier und Irrsinn geschieht.

Und doch: Die Tragik der auf der gleichnamigen Puschkin-Erzählung beruhenden Handlung so ganz auf einen deformierten gesellschaftlichen Umgang mit Geld zurückzuführen, wirkt diesem Werk gegenüber immer ein wenig simpel. Gleichwohl wird oft darauf gesetzt, so auch jetzt von der Regisseurin Ariane Kareev, 1994 in Bochum geboren, die „Pique Dame“ in Kassel inszeniert hat. Dies eine Woche nach der starken Frankfurter Premiere der nur drei Jahre älteren Tschaikowsky-Rarität „Die Zauberin“: eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Die Ohren und Augen sind offen. Das Staatstheater hat soeben zudem einen großen Erfolg eingefahren und Intendant Florian Lutz mit seinem spektakulären „Wozzeck“ aus der vergangenen, seiner ersten Spielzeit den Faust-Preis für die Musiktheater-Inszenierung des Jahres gewonnen (ja, das stimmt, unerquicklicherweise muss in der Welt, in der wir leben, immer wieder einmal etwas Messbares bei).

Auch für „Pique Dame“ muss Aufwand getrieben, zum Beispiel ein sehr großer Chor eingearbeitet werden. Aber diesmal bleibt es doch bei Dekor-Entscheidungen, die teils attraktiv, teils neckisch und teils läppisch ummänteln, wie wenig die Psychologie in Gang kommt. Dekor: Kareev, Bühnenbildnerin Lina Oanh Nguyen und Kostümbildnerin Mechthild Feuerstein haben mit vielen Ideen eine hippe Spa-Resort-Welt eingerichtet, in der man Smoothies trinkt, den Körper sanft trainiert und sein Geld – hat man eh schon, wirbelt in Konrad Kästners Videos durch die Luft – sowie Teile des Chors für sich arbeiten lässt. Selbst die Buchsbäumchen sind in Währungszeichen geschnitten, und der Kinderchor (Cantamus, geleitet von Fiona Luisa) imitiert keinen Marsch, sondern die asiatischen Übungen der Erwachsenen. Gesundheit und Reichtum, die mittels einer Botox-Spritze hier oder dort auch zu Schönheit, sagen wir: „Schönheit“ führen, haben Priorität. Hier hinein fließt auch die Energie der Inszenierung. Erfolglosigkeit ist im Business unaussprechlich, im Spiel muss man sie sich leisten können.

Der glücklose Hermann indes hat vorläufig keinen Platz auf der Bühne, es gibt einen Umlauf um den Orchestergraben und einen Steg in den Zuschauerraum, wo er sich tummeln muss. Die junge Frau, die ihn liebt, Lisa, und die er liebt (bis zu seinem Wahnsinn liebte), wird als Junggesellinnenabschieds-Braut in Rot von der Regie recht beiläufig behandelt, trägt das aber mit Fassung. Mehr Zeit hat das Team jedenfalls in den Auftritt zweier Akrobaten am Vertikalseil investiert, die das Schäferspiel im 2. Akt still und ansehnlich beleben, andererseits damit das Statische des Bühnengeschehens betonen. Die Gespenstergräfin ist eine Art Lady Havi-sham aus Dickens’ „Große Erwartungen“, dann aber doch auch verblüffend sexy, jedenfalls wird es nun immer surrealer, nicht zu verwechseln mit einer Tiefenbohrung. Gerade das Surreale kann auch eine reine Dekorationsentscheidung sein. Denken wir jetzt besser nicht an das Surreale der Frankfurter „Zauberin“-Traumsequenz, und wie die Menschen auf der Bühne sie erlebten.

Musikalisch ist es gleichwohl ein gelungener Abend. Generalmusikdirektor Francesco Angelico, zunächst erkrankt, gab nach seiner späten Rückkehr das Dirigat der Premiere an den Nachdirigenten Kiril Stankow, der die Proben geleitet hatte. Es gilt in der Tat einiges zusammenzuhalten. Das Orchester geschmeidig, aber nicht übersüßt, überzeugend und auch spielfreudig der Chor (Marco Zeiser Celesti). Hermann bekommt bei Viktor Antipenko einen stabilen Tenor mit attraktiven Höhen. Aus dem Ensemble des Hauses bietet Margrethe Fredheim als Lisa einen milden, dunkler timbrierten Sopran, Stefan Hadzic serviert die traurige Arie Jeletzkijs auf den Punkt, und Ilseyar Khayrullova gibt der gespenstischen Gräfin auch stimmlich ein unerwartet jugendliches Format.

Staatstheater Kassel: 17., 23., 25. Dezember. staatstheater-kassel.de

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